Premier League

Dieser Berliner ist Teil des Fußballmärchens von Leicester

Der krasse Außenseiter kann am Sonntag englischer Meister werden. „Löw sollte Huth mit zur EM nehmen“, sagt Mitspieler Christian Fuchs.

Robert Huth spielt seit 2015 für Leicester City

Robert Huth spielt seit 2015 für Leicester City

Foto: Simon Bellis / picture alliance / empics

Leicester.  Der Bürgermeister hat schon eine Idee, wie er sich bei den Helden bedanken will. Sollte Leicester City tatsächlich die Meisterschaft in der Premier League feiern, wird Bürgermeister Peter Soulsby die Straßen nach Spielern des englischen Erstligisten benennen.

Drei Spieltage vor dem Saisonende beträgt der Vorsprung sieben Punkte. Am Sonntag (15.05 Uhr, Sky) kann Leicester die Meisterschaft mit einem Sieg ausgerechnet beim Rekordmeister Manchester United perfekt machen. Der Titel wäre eine der größten Überraschungen der englischen Fußballgeschichte. Ein Fußballmärchen in Königsblau.

Einer, dessen Namen bald auf einem der Straßenschilder zu lesen sein könnte, ist Christian Fuchs. Einmal Schalker, immer Schalker, dachte er im Sommer noch. Die Planung von Schalkes Manager Horst Heldt war eine andere.

Fast alle Einwohner zogen sich am Freitag blaue Kleidung an

Der Kapitän der österreichischen Nationalmannschaft wechselte ablösefrei zu den „Foxes“. Kein Fußball-Experte konnte ahnen, dass Christian Fuchs in England die beste Zeit seiner Karriere erleben wird. „Es ist wahrscheinlicher, das Ungeheuer von Loch Ness zu sehen, als mit Leicester Meister zu werden“, sagt der 30-Jährige heute und lacht.

Vor dem Spiel bei Manchester United ist er völlig entspannt. Vergangene Saison entging Leicester dem Abstieg nur knapp. Jetzt greift die ganze Stadt nach der Meisterschaft. Die Begeisterung in der 300.000-Einwohner-Stadt in den Midlands sei unbeschreiblich.

„Man muss es erleben“, sagt Fuchs. Am gestrigen Freitag waren alle Bürger dazu aufgefordert, sich in den Vereinsfarben Blau und Weiß zu kleiden – und alle machten mit. Während der Heimspiele sind die Sehenswürdigkeiten der Stadt blau angestrahlt – Ideen des fußballverrückten Bürgermeisters.

Huth ist der Fels in der Brandung

Fuchs genießt es, mitzuerleben, wie eine ganze Stadt nach der ersten Meisterschaft der Vereinsgeschichte greift. „Jeder will Teil dieses Märchens sein“, sagt Fuchs. Im Supermarkt, im Restaurant, sogar beim Einkaufsbummel in London wünschen ihm die Leute viel Erfolg. „Ganz England steht hinter uns. Jeder gönnt uns den Titel.“

Leicester City – das ist die Erfolgsgeschichte von Spielern, die nicht immer auf der Sonnenseite des Profifußballs standen. Auch die des Berliners Robert Huth. Für Fuchs ist klar: „Wenn ich Bundestrainer wäre, würde ich bei der EM elf Robert Huths aufstellen.“

Über den WM-Teilnehmer von 2006 sagt er nicht nur, dass er seinen trockenen Humor liebt, sondern auch, dass er in der Innenverteidigung der Fels in der Brandung ist.

Der Mann mit der Fußfessel

Der Star bei Leicester City ist die Mannschaft, der Superstar aber Jamie Vardy. Vor vier Jahren kickte der Stürmer noch in der Amateurliga und verdiente sein Geld mit der Herstellung von Beinprothesen.

Ein halbes Jahr trug Vardy eine elektronische Fußfessel, weil er nach einer Kneipenschlägerei wegen Körperverletzung verurteilt wurde. Heute ist er mit 22 Toren drittbester Torschütze der Liga und Englands Hoffnung für die EM. Beim Länderspiel gegen Deutschland im März traf der 29-jährige per Hacke zum 2:2-Ausgleich im Berliner Olympiastadion.

England gewann am Ende 3:2. „Jamie ist immer für Schabernack zu haben“, sagt Fuchs über seinen Nachbarn in der Kabine. „Er kennt aber auch seine Vergangenheit und weiß zu schätzen, welches Leben er jetzt führen kann.“

Ex-Schalker Fuchs genießt das Vertrauen von Trainer Ranieri

Neben Vardy beeindruckt auch Riyad Mahrez, vor einem Jahr ein noch völlig unbekannter Offensivspieler. Dank 17 Toren und zehn Vorlagen wurde er erst kürzlich zum Premier-League-Spieler der Saison gekürt. Cheftrainer der Mannschaft ist Claudio Ranieri.

In der Vita des Italieners stehen Klubs wie Juventus Turin und FC Chelsea. Auch Ranieri weiß, wie es ist, nicht zu den Gewinnern zu gehören. Wie so viele seiner Profis, die es jetzt besser machen. Vor dem Wechsel erlebte der 64-Jährige mit Griechenland beim 0:1 gegen die Färöer-Inseln den Tiefpunkt seiner Karriere. „Er gibt uns durch seine Erfahrung Sicherheit. Wir vertrauen ihm“, erklärt Fuchs.

Über seine eigene Aufgabe im Team sagt er: „Ich bin hier bloß der linke Verteidiger.“ In England genießt Fuchs die Anerkennung, die er in Deutschland nicht bekam. Er ist Stammspieler, Leistungsträger und Fan-Liebling. Einen Zusammenhalt wie in Leicester habe er noch nie erlebt.

Manchmal fährt Fuchs sogar an freien Tagen zum Vereinsgelände. Weil ihm das Frühstück so gut schmeckt und weil er liebenswerte Menschen trifft. Menschen, die er am Sonntag richtig glücklich machen kann.