Champions League

Guardiola gegen Simeone oder Der Kampf der Kulturen

Bayern-Trainer Guardiola und Atlético-Coach Simeone stehen für einen gegensätzlichen Fußball.

Da waren sie noch beide in Spanien: Pep Guardiola (l.) begrüßt 2012  als Trainer des FC Barcelona sein Gegenüber Diego Simeone, damals schon Atlético-Coach

Da waren sie noch beide in Spanien: Pep Guardiola (l.) begrüßt 2012 als Trainer des FC Barcelona sein Gegenüber Diego Simeone, damals schon Atlético-Coach

Foto: Juan Carlos Hidalgo / picture alliance / dpa

Madrid.  Der Geist des Vicente Calderón trägt den Anmut der Hölle, sagt man in Spanien. In dieser maroden, heruntergekommenen Arena, unter deren Haupttribüne eine Autobahn durchführt, treten die Bayern im Halbfinal-Hinspiel der Champions-League am Mittwoch (20.45 Uhr, ZDF und Sky) an.

Highway to hell. Das Stadion versprüht einen morbiden Charme, der Rasen trägt den Geruch eines Schlachtfeldes. Hier wollen die Bayern Teil eins des Halbfinals überleben. Gegen Trainer Diego Simeone, Atléticos Hades.

Zum ersten Mal tritt eine Bayern-Elf hier am Ufer des Manzanares an, die einzigen beiden Duelle der Europacup-Historie waren das Finale und das Wiederholungsendspiel von 1974 – ausgetragen jeweils in Brüssel.

Zum ersten Mal hören sie das Gebrüll der Spieler aus der Atlético-Kabine. Ein Ritual, das einschüchtern soll. „Im Vicente Calderón ist es immer schwer“, sagt Xabi Alonso, Bayerns spanischer Mittelfeldprofi, „die Atlético-Fans sind sehr begeisterungsfähig, sehr lebendig.“ Nett untertrieben. Die Anhänger auf den Rängen spiegeln die Aktionen ihrer Lieblinge wider.

Unten rudert Simeone ständig mit den Armen, um die Fans zu animieren. Er tobt und wütet und brüllt vor sich hin. Oben toben und wüten und brüllen die Zuschauer ihre Mannschaft vor sich her. Auf dem Platz attackiert ein Team mit einem Messer zwischen den Zähnen und einem in den Stutzen.

„Wir gehen in jeden Ball wie in den Tod“

„Sie verteidigen mit Aggressivität“, weiß Bayern-Stürmer Thomas Müller und fürchtet: „Es wird an allen Ecken und Kanten kleine Mätzchen geben, sie werden sich in einer Grauzone bewegen.“ Immer am Rande der Legalität. „Wir gehen in jeden Ball wie in den Tod, wie in ein Finale“, sagte Mittelfeldspieler Saúl.

Es geht um viel. „Der Ruhm ist nur für den Sieger, für die Nummer eins, nicht für die Nummer zwei“, erklärte Pep Guardiola, der in seinem dritten und letzten Jahr als Bayern-Trainer endlich den Henkelpott gewinnen, seine Aufgabe erfüllen will.

Zwei Mal war Spanien Endstation im Champions-League-Halbfinale. 2014 gegen Real Madrid (0:1, 0:4), 2015 gegen seinen Heimatverein FC Barcelona (0:3, 3:2). Erst war es Carlo Ancelotti, letztes Jahr Luis Enrique, nun will Simeone den Finaleinzug verhindern. Er ist Peps Gegenentwurf. Mehr als das Alter (45) haben sie kaum gemein. Es ist ein Kampf der Kulturen.

Einer bevorzugt Ballbesitz, der andere liegt gern im Schlamm

Die Philosophie der beiden ist schnell umrissen: Guardiola will den Ball, er liebt den Ball. So will er den Gegner dominieren, erdrücken. Ballbesitz, Kontrolle, Dominanz. Zuletzt kamen einige deutsche Tugenden wie absoluter Kampfeswille (durch den Chilenen Vidal) hinzu und simple Mittel wie Ecke, Kopfball, Tor.

Atlético folgt der Ideologie von Simeone bedingungslos. Kampf und Provokation als Stilmittel, überfallartiger Konterfußball als Antwort. Mehr Reaktion denn Aktion. Simeone sagt: „Ballbesitz ist ein Märchen, das interessiert mich nicht. Wenn ich Schlamm sehe, werfe ich mich hinein. Arbeit ist alles. Ich glaube, dass Spieler, die gewinnen wollen, eine Mannschaft verbessern.“ Das ekligste Team Europas nahm den Stars von Barcelona im Viertelfinale die Lust am Kombinieren.

Simeone, stets ganz in schwarz gekleidet wie ein Mafia-Pate, gibt an der Seitenlinie den Wüterich. Er tobt, brüllt – gegen alle und alles. Während Pep lediglich taktische Nachhilfe an seine Spieler vermittelt, provoziert der Argentinier auch den Gegner.

Am vergangenen Wochenende, bei Atléticos 1:0 über den FC Malaga, flog von der Auswechselbank ein zweiter Ball ins Feld, um einen Malaga-Konter zu stören. Ob es Simeone selbst war oder ein von ihm instruierter Balljunge? Ungeklärt. Der Heißblütige wurde auf die Tribüne verbannt, eine Sperre droht.

„Müsste ich zwischen Guardiola und Mourinho wählen, bevorzuge ich Mourinho“, so Simeone einmal über Guardiola. Der – wie immer ganz Gentleman – meinte über Simeone: „Die Spieler machen genau das, was er will, folgen ihm ohne Zweifel. Er ist vielleicht einer der besten Trainer der Welt. Und wie ein Fan.“

Ein einziges Mal stand er, mit Barcelona, Simeone gegenüber – 2012 gewannen die Katalanen im Vicente Calderón mit 2:1.