Champions League

Die verzweifelten Stoßgebete des taumelnden Riesen Real

Die Königlichen sind hochmotiviert für das Spiel gegen Wolfsburg. Statistiken aber weisen Madrid als unbrauchbar für Aufholjagden aus.

Foto: Peter Steffen / dpa

Madrid.  Von den Deutschland-Kennern Dani Carvajal („Das wird Krieg“) und Toni Kroos („Brauchen totale Unterstützung“) über Trainer Zinédine Zidane („Wenn es schwierig wird, geschehen große Dinge“) bis zur Klublegende im Funktionärsstatus, Emilio Butragueno („An solchen Abenden hat Real Madrid seine Geschichte geschrieben“) – es war schon reichlich beschwört worden, als Cristiano Ronaldo in die Bütt stieg.

Der dreimalige Weltfußballer posierte staatsmännisch vor Reals Trophäenvitrine, als er im Klub-TV zu seinem Appell anhob. Ihr Fans kommet, denn: „Es wird eine perfekte Nacht. Eine magische Nacht.“

Real Madrids Kampagnenfähigkeit vor dem Viertelfinal-Rückspiel am Dienstag in der Champions League gegen den VfL Wolfsburg (20.45 Uhr, Sky) ist beeindruckend. Direkt nach Abpfiff der 0:2-Hinspielniederlage in Wolfsburg soll Präsident Florentino Pérez in der Umkleidekabine die Losung ausgegeben haben: „Das reparieren wir zu Hause“.

Angst vor einer Blamge historischen Ausmaßes

Seither wurde die Botschaft mit derartiger Penetranz in die Welt getragen, dass man darüber leicht die Fakten vergessen könnte: Seit 14 Jahren und acht Versuchen hat Real im Europapokal kein verlorenes Hinspiel mehr umgebogen – damals gab es nach einem 1:2 bei den Bayern ein 2:0. Gar seit 23 Jahren hat es kein 0:2 mehr aufgeholt.

Hunde, die bellen, beißen nicht: Wenn die Deutschen sich von dem ganzen Lärm nicht verrückt machen ließen, hätten sie schon einiges gewonnen. Die endlosen Kampfansagen sind ja nicht zuletzt als Stoßgebete eines taumelnden Klubs ohne Sicherheitsnetz zu verstehen.

Ein Ausscheiden gegen den Bundesliga-Achten, den niemand in Spanien ernst nahm, würde am Königshof als Blamage von historischem Ausmaß gelten und ein epochales Scherbengericht zur Folge haben. Für die Stars der Mannschaft, für Trainer Zidane, auch für den Präsidenten Pérez.

„Das Spiel ist ziemlich heiß geredet worden“

„Real Madrid ist nie darauf vorbereitet, nicht weiter zu kommen“, beantwortete Zidane die Frage nach möglichen Konsequenzen. „Das verbietet seine große Geschichte.“ Ansonsten distanzierte er sich weitestgehend von Mythen und Mystik. „Das Spiel ist ziemlich heiß geredet worden, aber was wir brauchen, ist ein kühler Kopf“, sagte Zidane, oder: „Kampf, ja, alles schön und gut. Aber es gilt, den besseren Fußball zu spielen. Das ist das Wichtigste.“

An markigen Sprüchen, triumphalen Empfängen für den Spielerbus und beseelten Anfeuerungen hat es ja auch in den letzten Jahren nie gefehlt. Dass die jüngeren Statistiken die Madrilenen dennoch als unbrauchbar für Aufholjagden ausweisen, liegt tatsächlich am Fußball. VfL-Profis wie Dante, Naldo oder Julian Draxler wissen aus Auftritten im Bernabéu, wie schwer sich Real damit tut, eine Partie über die volle Spielzeit zu kontrollieren.

Vom Naturell her eine Kontermannschaft, haben die Madrilenen notorisch Probleme mit der Spielgestaltung gegen kompakte Gegner – zu sehen auch in Wolfsburg, als sie nach dem Rückstand weitgehend wirkungslos zwischen Mittelfeld und Strafraum kombinierten.

Warum Real Probleme mit Wolfsburg bekommt

Aus dem Positionsspiel ist Real nicht ansatzweise so gefährlich, als wenn es freie Räume attackieren kann. Um diese zu finden, neigt es dazu, das Feld in die Länge zu ziehen, was Lücken zwischen die Mannschaftsteile reißt und Gegner mit schnellem Umschaltspiel (wie den VfL) zu Konterchancen verhilft.

Die „Eier“ allein, wie sie der offizielle „Anfeuerungsblock“ während des Heimspiels gegen Eibar in der Endlosschleife einforderte, werden nicht reichen. Der 4:0-Endstand wahrte den Schnitt von vier Toren pro Heimspiel in der Ära Zidane.

Allerdings taugen diese Ligabegegnungen kaum als Blaupause für das Wolfsburg-Spiel. Die hohen Ergebnisse kamen in der Regel dadurch zustande, dass die Gegner nach ihrem Rückstand zunächst den Defensivverbund und bald auch den gesamten Widerstand lockerten. Beides wird der VfL dank seines Hinspiel-Vorsprungs nicht tun müssen. Er wird seine Chance bekommen. Die Geschichte spricht für ihn.