Champions League

Wolfsburg? Alles andere als eine leichte Beute

Der VfL Wolfsburg entzaubert Real Madrid, zeigt Trainer Zidane hilflos und sorgt dafür, dass die Königlichen viel Spott erhalten.

Kein Durchkommen: Cristiano Ronaldo läuft sich bei den Wolfsburgern Naldo (Nr. 25) und Dante fest

Kein Durchkommen: Cristiano Ronaldo läuft sich bei den Wolfsburgern Naldo (Nr. 25) und Dante fest

Foto: Peter Steffen / dpa

Wolfsburg.  Die Ratlosigkeit setzte sich nach dem Abpfiff fort. Während Cristiano Ronaldo, Toni Kroos und Gareth Bale längst in der Kabine von Real Madrid verschwunden waren, hatte sich Marcelo noch nicht beruhigt.

Lautstark flogen giftige Tiraden zwischen dem Brasilianer von Real und Wolfsburgs Trainer Dieter Hecking hin und her. „Ihr habt mich Clown, das ist eine Frechheit“, brüllte Marcelo auf Englisch. Seine Schauspiel-Einlage zuvor war ihm da offenbar entfallen.

Marcelo hatte erst versucht, Foul zu spielen gegen Maximilian Arnold. Als das nicht gelang, war er mit einem angedeuteten Kopfstoß dem Wolfsburger in den Bauch gerempelt, um sich dann schreiend hinzuwerfen – Schmierentheater der billigen Sorte.

Hecking hatte nach der Sensation Oberwasser. „Marcelo soll die Schauspielerei lassen. Das hat er gar nicht nötig. Wer sich die Szene anschaut, sieht, dass Marcelo im Anschluss gar nicht mehr hätte auf dem Platz stehen dürfen.“

Zidane flüchtet sich in Floskeln

Irgendwie offenbarte Real Probleme mit der Einordnung des Auftritts. Das Team von Trainer Zinedine Zidane präsentierte sich überraschend blaß. Rund zehn Mal benutzte der frühere Weltstar, seit Januar Trainer der „Königlichen“, die Formulierung, er könne das Geschehen noch nicht einordnen: „Wir müssen das Ganze erst mal analysieren und unsere Schlüsse ­ziehen.“ Die zweite Floskel, die in jeder seiner Antworten auftauchte, lautete: „Wir dürfen uns jetzt nicht aus der ­Ruhe bringen lassen.“

Wirr klang auch seine Begründung, ­warum Kroos und Luka Modric ausgewechselt wurden. „Es war nicht so, dass sie schlecht waren. Aber das macht man so, man versucht etwas Neues. Ich bin zufrieden mit den Wechseln, muss aber sagen, dass sie nicht aufgingen“, erklärte Zidane. ­Dabei könnte es seine Zukunft kosten, gegen einen Außenseiter wie ­Wolfsburg zu scheitern.

Draxler besser als Ronaldo

„Real ist der Spott in Europa“, kritisierte die spanische Zeitung „Sport“. Selbst die Real-treue „Marca“ zeigte sich bestürzt: Madrid sei „von Wölfen im Schafspelz gefressen“ worden. Nicht Madrid mit dem dauerbeleidigten Superstar Ronaldo, in dieser magischen Nacht hatte der VfL mit Julian Draxler den besseren Linksaußen. Der deutsche Nationalspieler spielte die Real-Abwehr in Serie auseinander.

In der Abwehr sorgte Rückkehrer Naldo (vor fünf Wochen an der Schulter operiert) für ­Sicherheit. Die Qualitäten des schnellen Bruno Henrique, der sein Champions-League-Debüt gab, hatte Real überhaupt nicht auf dem Zettel. „Mit Bruno hatten wir eine Waffe, die Real so nicht erkannt hatte“, grinste Hecking. Henrique war erst im Januar für 4,5 Millionen Euro Ablöse vom brasilianischen Erstliga-Absteiger EC Goias nach Wolfsburg geholt worden.

Hecking zieht den Hut

Ein weiterer Schlüssel zum Erfolg war die Vorstellung des bärenstarken Vieirinha, der Ronaldo jegliche Lust auf Fußball nahm. Die Wirkung des VfL-Vortrages beschrieb Zidane so: „Wir wollten in Wolfsburg so auftreten wie am Sonnabend in Barcelona. Das haben wir nicht geschafft.“

Dort hatte Real den Clasico trotz Unterzahl mit 2:1 gewonnen. So gut die Voraussetzung für die Gäste schien, so schlecht waren die Vorzeichen für Wolfsburg nach dem 0:3 in der Bundesliga am vergangenen Wochenende bei Bayer Leverkusen. „Ich ziehe den Hut vor meiner Mannschaft“, lobte Trainer Hecking. „Dieser Sieg zeigt, was diese Mannschaft mit Energie und Entschlossenheit leisten kann. Im ­Fußball ist alles möglich.“

Nach den Treffern von Ricardo ­Rodriguez (18./Foulelfmeter) und ­Maximilian Arnold (25.) lautete die Ansage von Trainer Hecking zur Pause: „Beschäftigt Real weiter.“ Mitte der zweiten Halbzeit machte der hohe Favorit den Eindruck, als glaube er nicht mehr an das eine wichtige Auswärtstor, das die Ausgangslage noch einmal ­verändert hätte.

Allofs warnt vor dem Rückspiel

So ergibt sich vor dem Rückspiel am Dienstag ein erstaunlicher Zwischenstand: Die Chancen für das Erreichen des Halbfinales sind für den VfL Wolfsburg gegen Real Madrid (2:0) besser als die von Bayern ­München gegen Benfica Lissabon (1:0).

VfL-Manager Klaus Allofs orakelte zwar: „Im Rückspiel im Bernabeu-Stadion ­werden Dinge passieren, die man so noch nicht gesehen hat.“ Immerhin hat Wolfsburg bislang etwas geschafft, „was uns vorher kaum jemand zugetraut hat: Dass wir ins Rückspiel gehen und eine realistische Chance aufs Weiterkommen haben“, so Hecking. Oder wie Vieirinha es ausdrückte: „Wir träumen weiter.“