Champions League

Guardiolas Bayern haben plötzlich Prüfungsangst

Wegen des bevorstehenden Abschieds ihres Trainers fehlt die Lockerheit vor dem Rückspiel in Lissabon. Guardiola selbst ist cool.

Pep Guardiola musste an der Seitenlinie mitansehen, wie seine Bayern den knappen 1:0-Vorsprung gegen Benfica Lissabon verwalteten

Pep Guardiola musste an der Seitenlinie mitansehen, wie seine Bayern den knappen 1:0-Vorsprung gegen Benfica Lissabon verwalteten

Foto: Alexander Hassenstein / Bongarts/Getty Images

München.  Ein Champions-League-Hinspiel in der K.o.-Phase ist viel Taktiererei, ein Belauern und Beobachten. Das 1:0 des FC Bayern gegen Benfica Lissabon war nur 90-minütige Ouvertüre fürs Rückspiel am Mittwoch in Portugal.

Am Ende stand der knappe Heimsieg, der elfte hintereinander in der Königsklasse – und die Erleichterung, kein möglicherweise folgenschweres Gegentor kassiert zu haben.

„Woche für Woche geht jeder immer von einem Kantersieg aus. Es muss aber auch mal ein 1:0 reichen“, sagte Neuer gelassen. Torhüter haben nach einem Zu-Null leicht reden. Und die Stürmer? Thomas Müller meinte: „1:0 ist ein gutes Heimergebnis. Es war daher nicht nötig, dass wir zu viel riskieren.“

Thomas Müller fehlte die Geilheit

Ihm fehlte das Künstlerische ebenso wie die „Geilheit“ (O-Ton) auf weitere Tore. Wo war der Killerinstinkt, dieses Viertelfinale bereits in Spiel eins zu entscheiden? Guardiola meinte lässig: „Im Viertelfinale macht immer das zweite Spiel den Unterschied.“ Wie Tag und Nacht. Wie die Bayern in der Hin- und in der Rückrunde.

Es war das dritte 1:0 nacheinander: vor der Länderspielpause in Köln, vergangenen Sonnabend gegen Eintracht Frankfurt. Findige Statistiker hatten fix parat, dass drei 1:0-Pflichtspielsiege in Folge Bayern zuletzt im September 2005 gelangen. Unter Felix Magath. Hat Guardiola etwa das Training umgestellt? Fünf gegen Zwei mit Medizinbällen?

Natürlich nicht. Dennoch fällt auf: Der Erlebnisfußball der Hinrunde ist einem nüchterneren Ergebnisfußball gewichen. Man spielt auch nicht mehr so befreit drauf los wie noch im Herbst, als hohe Siege gegen Arsenal, Dortmund und Wolfsburg mit je fünf Toren beeindruckten.

Ein strategischer Sieg im 150. Pflichtspiel

„Den Bayern fehlten ein wenig die Frische und die letzten zündenden Ideen“, analysierte Ex-Trainer Ottmar Hitzfeld: „Die Durchschlagskraft ist nicht mehr so effizient wie noch vor drei oder vier Wochen.“ Weil die Schultern schwerer sind, der Druck höher ist.

Weil man seit Beginn der Spielzeit im August darauf hingearbeitet hat, sich in die Situation zu bringen, dass man ab April noch um das Triple spielt? Die Zeit ist gekommen, die Mannschaft muss liefern, die Klausuren stehen an, „nach monatelangem Büffeln“, wie Vorstandsboss Karl-Heinz Rummenigge sagte. Hat Bayern etwa Prüfungsangst? Fehlt neben Geilheit und Esprit auch Lockerheit?

Ja. Denn erst mit dem Halbfinale wäre das Mindestziel der Champions League erreicht und mit Blick auf den scheidenden Pep Guardiola die Wiederholung der beiden ersten Amtsjahre. Der 116. Sieg in seinem 150. Pflichtspiel war ein strategischer, ein cleverer – wenn es im Rückspiel nicht schief geht. „Wir werden nach Lissabon fliegen, um zu gewinnen. Du kannst aber auch verlieren. Ich habe aber Vertrauen in meine Mannschaft“, betonte Guardiola. Aber der Wow-Effekt ist weg, am Hurra-Stil hängt Herbstlaub.