Fußball

Die Auferstehung des Mario Gomez in der Nationalelf

Der schon seit langem abgeschriebene Stoßstürmer von Besiktas Istanbul ist plötzlich wieder wichtig. Das hat seine Gründe.

Traf gegen England nach 1382 Tagen wieder für die DFB-Elf: Mario Gomez

Traf gegen England nach 1382 Tagen wieder für die DFB-Elf: Mario Gomez

Foto: Hannibal Hanschke / REUTERS

München.  Solche Geschichten, sagt Mario Gomez, schreibt nur der Fußball. Wie einer abgeschrieben war, um dann „Phoenix aus der Asche“-mäßig empor zu steigen. Wahnsinn, der Jamie Vardy.

Vardy, der englische Spätzünder, eben noch Amateurkicker mit Fußfessel dank Schlägerei, nun mit 29 Englands Sturmhoffnung, hatte Gomez den Abend versaut, als er am Sonnabend mit einem Treffer per Hacke half, aus seinem 2:0 für die deutsche Nationalelf in Berlin ein 3:2 für England zu machen. Aber: „Ich freue mich über solche Geschichten“, sagt Gomez. Er ist nämlich dabei, eine ähnliche Auferstehung hinzulegen.

Gomez hat keine Fußfessel getragen, aber genauso unabstreifbar hing die Etikette „Chancentod“ an ihm, seit er bei der EM 2008 mal aus einem Meter übers Tor schoss.

Beifall bei der Auswechslung

Bei keinem anderen ging danach die Spanne zwischen tatsächlich erbrachter Leistung und der öffentlichen Wertschätzung so weit auseinander wie beim 30-Jährigen: „Ich habe viele Tore in meiner Karriere geschossen“, sagt Gomez.

In der Bundesliga 138 in 236 Partien für Stuttgart und Bayern. Mindestens in jedem zweiten Spiel traf er auch im Europapokal (40 Tore in 76 Partien). „Aber am Ende des Tages habe ich trotzdem nicht immer nur Zufriedenheit mit mir gespürt“, sagt Gomez .

Am Sonnabend traf der Angreifer zum 2:0 gegen England. Das Publikum, das ihn früher auspfiff, klatschte bei seiner Auswechslung. Es war sein erster Treffer im Nationaltrikot seit seinem Doppelpack gegen die Niederlande bei der EM 2012 und 1382 Tagen.

Abstieg seit Wechsel nach Italien

Dass ihm Schiedsrichter Gianluca Rocchi ein zweites Tor wegen vermeintlicher Abseitsstellung klaute, passte in seine Geschichte: Rocchi ist Italiener. „Es scheint nicht so zu laufen mit mir und Italien“, sagt Gomez.

Sein Abstieg begann 2013 mit dem Wechsel nach Florenz. Verletzungen warfen ihn oft zurück, bis Bundestrainer Joachim Löw irgendwann zur Auffassung gelangte, ohne Gomez und alles, was er verkörpert, besser dran zu sein.

Das Gegenteil vom 1,89-Meter-Stoßstürmer schoss Deutschland zum WM-Titel: Der kleine, falsche Neuner Mario Götze. Nun aber sagt Löw: „Gomez hat wieder das Selbstvertrauen und das Näschen für Tore.“ Götze ist jetzt der Spieler, der Hilfestellung benötigt, und nur deshalb wird er an diesem Dienstag (20.45 Uhr, ARD) gegen Italien für Gomez beginnen.

„Ich habe jetzt wieder die Körner, um die Wege zu gehen“

Näschen und breite Brust wiedergefunden hat Gomez bei Besiktas Istanbul, wohin er im Sommer wechselte: Mit 19 Treffern führt er die Torjägerliste der türkischen Super Lig an. „Das hat bei mir nichts mit Psychologie zutun, sondern mit Fitness. Ich habe jetzt wieder die Körner, um die Wege zu gehen“, sagt Gomez.

Er habe gespürt, dass der Wechsel seine letzte Chance auf die EM in Frankreich war und jetzt wieder Spaß am Fußball. „Der hat mir eine Zeit lang gefehlt“, sagt Gomez. Und wenn man ihn so pointiert und demütig reden hört, fragt man sich schon, was ihn eigentlich derart um die Gunst des deutschen Publikums gebracht hatte.

In der Gunst der Nationalelf jedenfalls steht Gomez wieder oben. „Er ist ganz wichtig für uns. Nach dem Abschied von Miro Klose haben wir jetzt wieder einen echten Mittelstürmer“, sagt Sami Khedira.

Mario Gomez hat vor der WM 2014 prophezeit, dass Deutschland Weltmeister wird, doch das Turnier hat er auf der Couch verfolgt. Nun sagt er erneut, dass Löws Elf beste Chancen auf den EM-Titel habe, „aber diesmal möchte ich dabei sein“. In seiner aktuellen Form wird Joachim Löw das auch wollen.