FC Bayern

Peps Biss lässt die alte Dame leiden

Bayern-Trainer Guardiola beweist gegen Turin, dass er einen Plan B hat. Dabei profitiert er von der Arbeit eines Mannes im Hintergrund.

Bayern jubelt: Rafinha, Xabi Alonso und vorneweg Trainer Pep Guardiola (v.l.)

Bayern jubelt: Rafinha, Xabi Alonso und vorneweg Trainer Pep Guardiola (v.l.)

Foto: imago/Bernd Müller

München.  Die Beine? Schwer! Der Kopf? Fliegt. Träumt. Die Gedanken sprinten. Weiter, immer weiter. Bis sich der Körper wieder meldet, die Andenken der Nacht pochen. Verliert man, sind es Wunden. Gewinnt man, Souvenirs eines Spiels von Helden. München am Tag danach. Sonnenschein, der Frühling zeigt, was er drauf haben kann. Bayern am Tag nach Juventus, nach dem Wahnsinn von Fröttmaning. Alles ist leicht, gleichzeitig tut alles weh.

Mit dem 4:2 nach Verlängerung gegen Juventus Turin ist das Viertelfinale der Champions League erreicht. Ein Moment, ein Augenblick jedoch nur entschied über die Frage: Held oder Depp? Arturo Vidal gewann diesen einen Zweikampf Sekunden nachdem die reguläre Spielzeit abgelaufen war, diesen Heldenmoment, er gab den Ball weiter auf Rechtsaußen zu Kingsley Coman, dessen Flanke Thomas Müller zum 2:2 einköpfte. „Das hat uns wie schon das 1:2 von Robert Lewandowski noch einmal Leben eingehaucht“, sagte der Torschütze. Ein Sieg des Glaubens, des Willens, des Überlebenstriebes.

So spricht der „Corriere della Sera“ von einem „ruinierten Meisterwerk“ für Juve für die alte Dame. Die „Gazzetta dello Sport“ titelte: „Ein großartiges Juve streift die Heldentat“. Doch Turin „leidet unter der Rückkehr des FC Bayern. Vom Traum zum grausamen Hohn“, meint „Tuttosport“. So sind es die Bayern, die laut der spanischen „Marca“ eine „gigantische Heldentat“ vollbringen.

Wechsel und taktische Änderungen funktionierten

„Eine Minute vor Schluss waren wir nicht gut, dann sehr gut“, sagte Pep Guardiola kurz nach Mitternacht, immer noch ergriffen vom Sieg gegen Juventus Turin. Ungläubig wanderten seine Augen hin und her. Rettung in höchster Not. Guardiola: „Eine Minute später – und wir wären weg gewesen.“ Bayern hätte sich im Achtelfinale der Champions League verabschiedet. Wie der Mythos Pep Guardiola.

Doch seine Mannen hatten das Spiel gedreht. Falsch aufzustellen, die Taktik des Gegners nicht exakt vorherzusehen, ist die eine Sache. Sich selbst aber den Fehler einzugestehen, dann die richtigen Entscheidungen mit Einwechslungen und Umstellungen zu treffen, ist genau das, was große Trainer wirklich auszeichnet.

Ja, der Mann kann also doch einen Plan B haben. Die taktische Veränderungen sowie sämtliche Wechsel griffen: Juan Bernat für den überforderten Medhi Benatia zur Pause, damit rückte David Alaba in die Innenverteidigung. Kingsley Coman, am Ende Kunstschütze des 4:2, kam nach einer Stunde für den schwachen Xabi Alonso, schließlich der späte Einsatz von Thiago, des Schützen zum 3:2. Guardiola, ab Sommer bei Manchester City und wegen seiner parallelen Arbeit in München bereits unter kritischer Beobachtung stehend, bewies Biss.

Auch ein Erfolg des stillen Arbeiters Michael Reschke

Coaching in der Hitze des Gefechts, bei „Herzfrequenzspielen“, wie es Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge nannte. Bayern überlebte auch dank der überragenden Bank, die Guardiola in dieser Saison zur Verfügung steht. Zusammengestellt hat diesen Kader vor allem Michael Reschke (58), der 2014 von Bayer Leverkusen nach München kam. Auftrag des stillen Arbeiters im Hintergrund: Kaderplanung. Und Reschke verpflichtete Kimmich, Coman, Costa und Vidal. Noch Fragen?

Was die Bayern in schwierigen Situationen während der Pep-Ära, vor allem in den beiden Halbfinals gegen Real Madrid (2014) und den FC Barcelona (2015) falsch machten, nämlich dass sie nach einem Gegentor die Nerven verloren, war nicht der Fall. Philipp Lahm brachte es auf den Punkt: „Wir können das 0:3 kassieren, dann wäre es aus gewesen. Aber wir haben diesmal den Kopf nicht verloren.“

So störte den Abend nur Matthias Sammers Replik auf Uli Hoeneß. „In dieser Phase ist es nicht wichtig, über dummes Zeug zu reden. Bei uns ist in keiner Sitzung wichtig, das Triple zu holen. Wir leben das nicht mit Worten vor, sondern mit Taten“, sagte der Sportvorstand zur Äußerung des Ex-Präsidenten, Guardiola wolle unbedingt das Triple gewinnen.

Ein deutsches Duell mit Wolfsburg ist möglich

Das Erlebnis vom Mittwoch „kann uns nun noch enger zusammenschweißen“, meinte Lahm. Auch wegen Guardiolas emotionaler, gestenreicher Ansprache vor der Verlängerung, in der er die Spieler bei der Ehre packte. Nur dort? Müller witzelte: „Pep wollte uns die Eier abschneiden.“

Um ihre spielerische Stärke wissen die Bayern (Neuer: „Die Mannschaft, die hier den besseren Fußball gezeigt hat, ist verdient weitergekommen“), nun auch um ihre Widerstandskräfte. Am Freitag wird der Viertelfinal-Gegner ausgelost, Titelverteidiger FC Barcelona, Real Madrid, Guardiolas neuer Klub Manchester City oder der VfL Wolfsburg sind mögliche Gegner.

Torhüter Neuer weiß eines sicher: „Keine Mannschaft wünscht sich Bayern München.“