Champions League

Mädchenschwarm Paulo Dybala – ein Argentinier ohne Attitüde

Der neue Star-Stürmer entzückt die Fans von Juventus Turin und gibt den Italienern Hoffnung für die Partie gegen Bayern.

Foto: Alessandro Di Marco / dpa

Turin.  Neulich jubelte er ausgelassen wie ein kleiner Junge. Paulo Dybala hatte endlich die Tower Bridge fertiggebastelt und sandte das Resultat über das soziale Netzwerk stolz in die Welt. Das Londoner Wahrzeichen war aus Lego, mit seiner Freundin Antonella teilt der Argentinier die flammende Passion für die kleinen bunten Steinchen.

In den Lego-Pausen verfolgen die beiden gerne TV-Serien, oder Paulo kickt an der Playstation gegen sein Idol Lionel Messi und Barcelona. Der personifizierten Antidiva ohne Skandälchen mag man auf den ersten Blick kaum zutrauen, momentan als größte Sensation der Serie A die Schlagzeilen zu monopolisieren.

Am vergangenen Freitag entschied der 22-jährige Dybala die Juventus-Generalprobe für das Rückspiel im Champions-League-Achtelfinale gegen den FC Bayern am Mittwoch (20.45 Uhr, ZDF) mit einem Traumtor gegen Sassuolo Calcio.

Spitzname wie Tastenkombination am Joypad

Nicht umsonst taufte Teamkollege Paulo Pogba den Linksfuß längst „Quadrat/ R2“, die Tastenkombination am Joypad für einen Schuss mit reichlich Effet. Vergangenen Sommer verlief der Empfang am distinguierten Hofe Juventus allerdings eher reserviert, als der Argentinier nach Gianluigi Buffon und Pavel Nedved zum drittteuersten Einkauf der Klubgeschichte avancierte.

„40 Millionen Euro für einen Spieler von Palermo?“ rümpften die Juventini die Nase. Es folgten mitreißende Soli, elegante Standards, 39 Pflichtspiele, 18 Tore, acht Assists. Hätten Andrea Pirlo und Carlos Tevez ein Kind gezeugt, wäre wohl Dybala geboren worden.

Mittlerweile genießt der Golden Boy die Bewunderung der gesamten weißschwarzen Gemeinde. Die betagteren Tifosi jauchzen über den neuen Omar Sivori, der im Turiner Trikot 1961 den Goldenen Ball gewann. Andere entdecken in ihm den Thronfolger der Vereinsikone Alessandro Del Piero.

Sein Trikot wird am meisten verkauft

Unter den jüngeren Anhängern arrivierte er zum angehimmelten Mädchenschwarm und erträumten neuen Messi. In der Merchandising-Abteilung werden eifrig Hände gerieben, denn die Nummer 21 ist das mit Abstand meistverkaufte Juve-Dress. Dybala selbst bleibt indes seinem demütigen Naturell treu und kommentiert Bestnoten mit Sätzen wie „Das war eine ganz ordentliche Leistung“.

Zum Kunstschuss am Freitag ließ der Youngster wissen: „Ich habe den Ball vorher eigentlich nicht gut gestoppt. Für solch ein Tor am Mittwoch in München würde ich aber alles hergeben, selbst das, was ich nicht habe.“

Die Situation mit fast Nichts dazustehen, kennt Dybala. Als der Vater starb, verließ er mit 15 das Elternhaus und zog in die Akademie des Klubs Instituto Cordoba. Mit 17 schlug er dort als jüngster Torschütze den 40 Jahre alten Rekord von Vereinslegende Mario Kempes und wechselte in der Folgesaison riskant früh nach Europa.

Als der Präsident von Boca verschwand

Zwölf Millionen Euro zahlte Palermo-Präsident Maurizio Zamparini 2012, der aufwendigste Einkauf der Vereinsgeschichte. In der Heimat nannten sie Dybala „La Joya“, das Juwel, doch der südamerikanische Befund langte nicht zum überzeugenden Empfehlungsschreiben.

„Vor dem Wechsel nach Europa hätte ich gerne zwei, drei Jahre bei meinem Lieblingsklub Boca Erfahrung gesammelt. Doch mein damaliger Präsident flehte mich an zu gehen, da der Klub das Geld bräuchte. Kurz darauf waren er und das Geld verschwunden. Ich verspüre immer noch enorme Wut, weil ich benutzt wurde“, zürnte Dybala.

Für die Sizilianer wurde der schmächtige 18-Jährige im Dialekt schnell zu „u picciriddu“, dem Bübchen. Die europäische Matura legte er dann einige Monate später unter Trainer Gennaro Gattuso ab. In jedem Trainingsspiel klettete sich der Ex-Milanista an den Argentinier, kam er vorbei hieß es Bekanntschaft mit der Grasnarbe.

„Anfangs war es schmerzhaft und nervtötend. Doch dabei lernte ich, dem Köperkontakt auszuweichen und Paroli zu bieten“, erinnert sich Dybala. Die interessierten Späher der europäischen Elite sitzen bereits auf der Tribüne des Juventus Stadium, doch Sportchef Beppe Marotta schickt sie regelmäßig desillusioniert auf den Heimweg. Schließlich hat Dybala einen Vertrag bis 2020.

Die europäische Elite jagt den Angreifer

Ähnlich der letztjährigen Tevez-Rolle übernimmt Dybala Pressing-Dienste im Mittelfeld und genießt gleichzeitig spürbar seine Anarchie im Offensivbereich. Messi regte inzwischen an, Dybala sei ein perfekter Typus für das Barca-Spiel und der 22-Jährige frohlockte: „Mein Traum bleibt, Leo einmal kennenzulernen. Doch bitte nicht in dieser Champions League, ich bin schließlich kein Masochist.“

Ende März dürfte er ihn erstmals in der Nationalelf treffen. Polen und Italien warben zuvor ebenfalls intensiv um Dybala, der lehnte jedoch ab: „Mein Opa stammt aus der Nähe von Krakau und meine Urgroßmutter aus Italien. Ich war jedoch nie in meinem Leben in Polen und weiß nichts von meiner Ur-Oma. Wie könnte ich für Land, Farben und Hymne glücklich werden, die ich nicht als meine empfinde?“

Im Hinspiel gegen die Bayern (2:2) schoss Dybala das 1:2, das die Aufholjagd einläutete. Nun, im Rückspiel, sollte die Münchner besser auf ihn achten.