Europa League

Wenn es im Stadion des Dorfklubs nach Schwimmbad klingt

Spanien bewundert die Erfolge des Tabellenvierten Villarreal. Für Bayer Leverkusen wird der Klub zur harten Prüfung.

Der FC Villarreal hat in dieser Saison allen Grund zur Freude

Der FC Villarreal hat in dieser Saison allen Grund zur Freude

Foto: MAX ROSSI / REUTERS

Villarreal.  Der offizielle Fanshop des Tabellenvierten der stärksten Fußballliga der Welt liegt im untersten Stock eines Wohnhauses, neben der Garageneinfahrt. An der Glastür ist ein Zettel befestigt: „Kapazität des Geschäfts nur für 30 Personen“.

Auf Englisch. Manchmal verschlägt es ja auch Touristen hierher. Am Donnerstagabend zum Beispiel die Fans von Bayer Leverkusen, Achtelfinalgegner in der Europa League.

Den Einheimischen muss man nicht sagen, dass sie am Estadio El Madrigal nicht mit einem Megastore zu rechnen haben. Sie kennen ja die Dimensionen. Villarreal hat 50.000 Einwohner, und wenn es anders wirkt, dann eher noch kleiner.

Hier sieht man jederzeit Gelb

Südlich-verschlafen liegen die engen Straßen auch an einem Spieltag in der Sonne. Einer dieser Orte, an denen man zur späten Mittagszeit niemanden trifft als den eigenen Schatten. Ein Ort freilich, in dem man jederzeit Gelb sieht. Die Farbe des „submarino“, des U-Boots, das so erstaunlich regelmäßig auftaucht, in der Elite des Fußballs.

Diese Saison spielte Villarreal die beste Hinrunde der Klubgeschichte und führte sogar für ein paar Spieltage die Tabelle an, vor Barcelona, Real Madrid, Atlético. Die Qualifikation für die nächste Champions League ist nah.

Acht Punkte beträgt der Vorsprung auf Platz fünf, trotz der unglücklichen 0:1-Heimniederlage am Sonnabend gegen Las Palmas, der ersten nach 14 ungeschlagenen Spielen, ebenfalls Vereinsrekord.

Im ganzen Land erfährt die Mannschaft aus der ostspanischen Kleinstadt rund 60 Kilometer nördlich von Valencia großes Lob. Für ihr solides Projekt, für ihren organischen, taktisch exzellenten Kombinationsfußball.

Das Stadion fasst die Hälfte aller Einwohner

Scheinbar aus dem Nichts füllen sich eine Stunde vor Spielbeginn die Straßen um das Stadion, das an zwei Seiten in den Häuserreihen liegt, zwischen Grundschule und Schönheitssalons. 24.500 Zuschauer passen in das Madrigal, die Hälfte der Einwohner. Da lässt es sich logischerweise nicht nur mit der Kernklientel des Fußballs füllen.

Eine Frauenquote wie hier bringen anderswo die aufwendigsten Marketingstrategien nicht zustande. Jeder scheint sich zu kennen, die Polizei ist überflüssig, in der Halbzeit spielt eine Blaskapelle, und der Soundtrack während des Spiels klingt wegen der vielen Kinder bisweilen mehr nach Schwimmbad als nach Fankurve.

"Hier ist alles familiärer"

In so einem Ambiente kann man sich auch mal in aller Ruhe unterhalten, selbst wenn einer wie Rechtsverteidiger Mario Gaspar inzwischen für Spanien spielt und dabei zuletzt gegen England einen spektakulären Volley-Seitfallzieher von der Strafraumgrenze versenkte.

„Wegen der kleinen Reichweite des Klubs ist hier alles familiärer und, um es mal so auszudrücken: menschlicher“ sagt der 25-Jährige. „Das ist sicher ein Erfolgsfaktor, weil die Dinge mit Natürlichkeit gemacht werden.“

Mario (25) war bereits bei der letzten Europa-League-Begegnung mit Leverkusen dabei, im Achtelfinale 2011 siegte Villarreal 3:2 und 2:1. Zum Klub kam er als 16-Jähriger. Der Jugendarbeit schenkte der Verein schon besondere Aufmerksamkeit, als er unter der regionalen Unternehmergröße Fernando Roig mit Stars wie Riquelme, Forlán oder Giuseppe Rossi und 100 Millionen Euro Etat operierte. Das Ende des Mäzenatentums kam mit dem überraschenden Abstieg in der Saison 2011/12.

Genauso gut wie früher, nur nachhaltiger

Roig beglich noch die Steuerschulden und übergab die Geschäfte dann an seinen gleichnamigen Sohn. Der kürzte das Budget dauerhaft um rund die Hälfte, nur bei der Jugend wurde nicht gespart, derzeit gilt sie als Beste Spaniens.

Unter Trainer Marcelino García Toral, einem peniblen Fachmann, gelang der direkte Wiederaufstieg und zweimal in Folge die Qualifikation für die Europa League. Roig Senior freut’s: „Wir stehen sportlich genauso gut oder besser als früher da. Aber jetzt sind wir auch nachhaltig.“

In Villarreal träumen sie davon, den ersten Titel der Klubgeschichte zu gewinnen. Vor der Saison wurden zehn Millionen Euro mehr in namhafte Spieler wie Stürmer Roberto Soldado investiert als durch Verkäufe eingenommen.

Dazu kamen intelligente Leihgeschäfte wie jenes von Torwart Alphonse Aréola, der Paris St. Germain gehört und dem Deutschen Kevin Trapp bei einer Rückkehr harte Konkurrenz bieten dürfte.

Nur Trainer Marcelino gehen die Ansprüche allmählich zu weit. Nach dem Spiel gegen Las Palmas erklärte der 50-Jährige, „traurig nach Hause zu gehen“. Im Publikum hatte es bisweilen etwas gemurrt, etwa bei Fehlpässen des sonst meist überragenden Kapitäns Bruno Soriano. „Wir bewegen uns manchmal außerhalb der Realität“, schimpfte Marcelino. Als ob nicht genau das der Charme von Villarreal wäre.