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Ottmar Hitzfeld: „Für Pep Guardiola erhöht sich der Druck“

Ottmar Hitzfeld über Bayerns Duell gegen Juventus Turin und Probleme des Münchener Trainers auf seiner Abschiedstournee.

Ottmar Hitzfeld gewann sowohl mit Borussia Dortmund (1997) als auch mit Bayern München (2001) die Champions League

Ottmar Hitzfeld gewann sowohl mit Borussia Dortmund (1997) als auch mit Bayern München (2001) die Champions League

Foto: firo Sportphoto / picture alliance / augenklick/fi

München.  In der Bundesliga marschiert der FC Bayern nahezu unbedrängt dem Meisterritel entgegen, am Dienstag beginnt mit dem Achtelfinal-Hinspiel in der Champions League bei Juventus Turin (220.45 Uhr, Sky) nun aber jene Phase der Saison, die wohl über das Vermächtnis des am Saisonende zu Manchester City wechselnden Trainers Pep Guardiola entscheiden wird. Auch Ottmar Hitzfeld (67), der mit München und Borussia Dortmund die Champions League gewann, schaut da natürlich ganz genau hin.

Berliner Morgenpost: Herr Hitzfeld, viele fordern ja das Triple zum Abschied von Guardiola, aber sind die Bayern nach den vielen Verletzungen gegen Juventus überhaupt noch Favorit?

Ottmar Hitzfeld : Juventus hatte im Herbst eine leichte Krise, jetzt wieder Selbstvertrauen durch eine Siegesserie. Die Italiener sind vor allem in der Defensive gefestigter. Trotzdem wird es aus meiner Sicht kein Duell auf Augenhöhe, da es die Bayern aufgrund ihrer individuellen Klasse richten werden, vor allem wegen ihrer überragenden Offensive um Lewandowski, Müller, Robben, Costa und Coman.

Wie kann Guardiola das Fehlen der Innenverteidiger Jerome Boateng, Javi Martinez, Holger Badstuber und Medhi Benatia kompensieren?

Bayern will und wird das Spiel im Griff haben, es beherrschen, einen hohen Rhythmus gehen – das ist Guardiolas Philosophie. Dominanz durch Ballbesitz ist das Ziel, dazu ein hohes Offensivpressing, so bekommt der Gegner kaum die Chance, die Bayern in der Abwehr unter Druck zu setzen.

Und was heißt das nun personell?

David Alaba ist ein Geschenk des Himmels, er könnte auch auf der Nummer 10 spielen. Er hat eine hohe Spielintelligenz.

Das Gespann Alaba und Joshua Kimmich hat bisher gut funktioniert.

Das stimmt, sie waren souverän. Auch Kimmich hat ein gutes Spielverständnis, fordert Bälle, ist passsicher. Daran sieht man, welch gutes Auge Guardiola hat, dass er Kimmich für diese Position entdeckt hat.

Fehlt es wegen der kleineren Spieler nicht an der Kopfballstärke gegen Juve?

Guardiola will vermutlich die Abwehr, durch die spielstarken Verteidiger entlasten. So kann man die Gefahr vom eigenen Tor fern halten.

„Die Meisterschaft ist das Alltagsgeschäft“

Guardiola wird am Ende seines dritten Jahres auch am Abschneiden in der Champions League gemessen. Beeinflusst das die letzten Monate?

Jeder beim FC Bayern will Erfolg, will Titel. Die Meisterschaft ist das Alltagsgeschäft, das darf man nicht vergessen oder gar unterschätzen. Du musst als Trainer dein Team ein Jahr auf hohem Level halten. Auch mit dem Double hätte Pep einen sehr guten Abschluss, mit dem Gewinn der Champions League einen glorreichen. Für die Spieler ist es nicht so wichtig, wer der Trainer ist, sie wollen den bestmöglichen Erfolg. Aber für einen scheidenden Coach erhöht sich immer der Druck, nun wird Erfolg erwartet.

Was, abgesehen von Titeln oder Enttäuschungen, wird von Guardiola nach drei Jahren bleiben?

Er hat den FC Bayern geprägt, die Mannschaft und jeden einzelnen Spieler weiterentwickelt und hat mit seiner Spielidee auch dem deutschen Fußball viel gegeben.

War es richtig, dass Guardiola zugegeben hat, sich hin und wieder über den Kader von Manchester City, seinem Verein ab Juli, Gedanken zu machen?

Es ist immer besser, ehrlich zu sein und mit offenen Karten zu spielen. Es liegt auf der Hand, dass Transfers abgesprochen werden müssen. Man kann das nicht erst ab 1. Juli erledigen, das glaubt auch kein Fan. Ein Spitzentrainer muss das parallel handeln können.

Waren Sie selbst einmal in solch einer Situation?

Ja, als 1991 feststand, dass ich von Grashoppers Zürich zu Borussia Dortmund ging. Ich hatte im März beim BVB unterschrieben. Man kann das gut trennen, es erhöht aber den Druck für einen persönlich. Daher ist großer Einsatz gefordert, die Doppelbelastung ist enorm. Aber es gehört zum Trainerjob dazu.

Was halten Sie von Guardiolas Nachfolger Carlo Ancelotti?

Bayern hat die bestmögliche Alternative gefunden. Ancelotti ist ein renommierter Trainer, der bei jedem großen Klub Titel geholt hat. Es ist ideal, dass die Entscheidung so früh gefallen ist. Er kann sich nun auf Bayern und die Bundesliga vorbereiten, dazu Deutsch lernen.

Ein anderes Thema. Haben Sie momentan Kontakt zu Ihrem ehemaligen Spieler Bastian Schweinsteiger? Er fehlt seit Anfang Januar verletzt. Glauben Sie, dass er rechtzeitig zur EM in Frankreich wieder fit wird?

Die Europameisterschaft ist sein großes Ziel, er ist der Kapitän von Jogi Löw. Er wird alles daran setzen, 100 Prozent einsatzfähig zu sein. Er muss nun die körperlichen Voraussetzungen schaffen für sein Comeback. Aber ich kenne Bastian. Er hat eine Top-Einstellung, eine enorme Willenskraft. Für Löw und die Nationalelf ist er immer noch sehr wichtig.

„Hertha BSC würde ich die Champions League gönnen“

Schafft Hertha BSC diese Saison wirklich den Einzug in die Champions League?

Wenn sie so weiterspielen und ihre bisherigen Leistungen bestätigen, dann haben sie große Chancen, nächste Saison europäisch zu spielen, ja, vielleicht sogar Champions League. Der Hertha, der Stadt Berlin und den vielen Fans dort würde ich dieses großartige Erlebnis gönnen.

Was denken Sie über Julian Nagelsmann, der mit 28 Jahren ins Business Bundesliga-Trainer einstiegt, noch dazu mitten im Abstiegskampf mit der TSG Hoffenheim?

Ich hätte mir das damals im Alter von 28 Jahren nicht zugetraut. Das ist mutig von Hoffenheim, sehr mutig. Ein neuer, anderer Weg.