Arbeitsrecht

Fall Heinz Müller: Die große Revolution ist erstmal abgesagt

Fußballvereine dürfen Spielern weiter befristete Verträge anbieten. Der Fall kann aber noch bis zum Europäischen Gerichtshof gehen.

Der ehemalige Bundesliga-Torhüter Heinz Müller (r) und Mainz 05-Manager Christian Heidel stehen vor Verhandlungsbeginn im Landesarbeitsgericht in Mainz. Im Streitfall zwischen Müller und dem FSV Mainz 05 geht es auch um die Frage, ob die gängige Praxis von befristeten Arbeitsverträgen im Fußball-Geschäft überhaupt zulässig sind

Der ehemalige Bundesliga-Torhüter Heinz Müller (r) und Mainz 05-Manager Christian Heidel stehen vor Verhandlungsbeginn im Landesarbeitsgericht in Mainz. Im Streitfall zwischen Müller und dem FSV Mainz 05 geht es auch um die Frage, ob die gängige Praxis von befristeten Arbeitsverträgen im Fußball-Geschäft überhaupt zulässig sind

Foto: Fredrik von Erichsen / dpa

Mainz.  Dem deutschen Profifußball bleiben radikale Umwälzungen erst einmal erspart. In einem brisanten Rechtsstreit zwischen dem Bundesligisten FSV Mainz 05 und seinem früheren Torwart Heinz Müller entschied das Landesarbeitsgericht Rheinland-Pfalz am Mittwoch, dass Vereine ihren Spielern auch weiterhin befristete Zwei-, Drei- oder Vierjahresverträge geben können.

„Bei uns herrscht natürlich große Erleichterung. Das ist ein Erfolg nicht nur für Mainz 05, sondern für den gesamten Profisport“, sagte Club-Präsident Harald Strutz.

Bei Profifußballern liege eine „Eigenart der Arbeitsleistung“ vor, heißt es in der Urteilsbegründung. Arbeitsrechtlich bräuchten sie deshalb auch nicht wie „normale“ Arbeitnehmer behandelt werden. Das Arbeitsgericht Mainz hatte zunächst im März 2015 ein solches Urteil gefällt.

Angst vor neuem Fall Bosman

Vereine und Verbände befürchteten daraufhin einen neuen „Fall Bosman“ bis hin zum völligen Zusammenbruch des gängigen Transfersystems. Dass das Landesarbeitsgericht dieses erstinstanzliche Urteil nun gekippt hat, sorgte im Profifußball für große Erleichterung - auch wenn Müller und sein Anwalt noch in Revision gehen und vor das Bundesarbeitsgericht oder sogar vor den Europäischen Gerichtshof ziehen können.

„Wir freuen uns über dieses klare Votum“, erklärte die Deutsche Fußball Liga in einer ersten Reaktion. „Der Vorsitzende Richter Michael Bernardi hat in überzeugender Weise begründet, warum die Eigenart der Arbeitsleistung bei Profifußballern unter Berücksichtigung der branchenspezifischen Besonderheiten des professionellen Mannschaftssports einen sachlichen Grund für die Befristung von Arbeitsverträgen nach Paragraph 14 TzBfG darstellt.“

Der heute 37 Jahre alte Müller hatte 2012 einen neuen Zweijahresvertrag in Mainz unterschrieben. Der sollte sich ab einer bestimmten Anzahl von Bundesliga-Einsätzen automatisch verlängern. Ein halbes Jahr vor Ablauf dieses Vertrages sortierte der damalige 05-Trainer Thomas Tuchel den Torwart in der Winterpause der Saison 2013/14 aus.

Müller wollte nie das System kippen

Müller musste den Verein im Sommer 2014 verlassen und zog vor Gericht. Er klagte auf „Feststellung des Fortbestandes als unbefristetes Arbeitsverhältnis“. Durch die sportliche Degradierung sah er sich um Siegprämien und vor allem um die Chance gebracht, dass sich sein Vertrag noch einmal automatisch verlängert.

Müller war es nie darum gegangen, dass System Profifußball ins Wanken zu bringen. Da das Arbeitsgericht aber entschied, dass solche Befristungen nur im Falle eines „sachlichen Grundes“ zulässig seien, befürchteten Vereine und Verbände schwerwiegende Folgen für die gesamte Branche.

„Wenn wir jeden Spieler mit einem unbefristeten Vertrag ausstatten würden, hätten wir ja 50, 60 Profis im Kader“, argumentierte der Mainzer Präsident Harald Strutz. Eine weitere Befürchtung war, dass Topspieler ihre Verträge künftig jedes Jahr im Rahmen gesetzlicher Kündigungsfristen kündigen und danach ablösefrei zu einem anderen Club wechseln könnten.

Klage auf Zahlung einer Abfindung abgewiesen

Das Landesarbeitsgericht wies Müllers Klage nun in Gänze zurück. „Die Entscheidung des beklagten Vereins, dem Kläger die Chance auf die Teilnahme am aktiven Spielbetrieb und damit die Möglichkeit, die vereinbarte Punkteprämie in der Rückrunde der Saison 2013/2014 zu erreichen, zu versagen, war rechtlich nicht zu beanstanden“, heißt es.

„Die Entscheidung darüber, ob der Spieler in Bundesliga-Spielen eingesetzt wird, unterliegt dem freien Ermessen des Trainers.“ Müller hatte die Zahlung einer Abfindung in Höhe von 429.000 Euro verlangt

Müller und sein Anwalt Horst Kletke haben nach eigenen Angaben „noch nicht entschieden“, ob sie in die Revision gehen. „Wir müssen das Urteil erst genau prüfen“, sagte Kletke.

Spielergewerkschaft warnt die Klubs

Die Spielergewerkschaft der deutschen Fußballprofis hat die Klubs vor einer endgültigen Entscheidung im Prozess um den ehemaligen Mainzer Torwart Heinz Müller gewarnt. Zwar habe das Landesarbeitsgericht Rheinland-Pfalz in Mainz am Mittwoch entschieden, dass Fußballprofis nicht wie normale Arbeitnehmer behandelt werden müssten - und etwa gesetzliche Kündigungsfristen nicht greifen.

„Das Urteil ist allerdings noch nicht rechtskräftig. Es wurde ausdrücklich Revision zugelassen“, sagte der Geschäftsführer der Vereinigung der Vertragsfußballspieler (VdV), Ulf Baranowsky.

Bislang habe die Liga auf ein Verhandlungsangebot der Gewerkschaft, Rechtssicherheit zu schaffen für die Befristungsdauer von Arbeitsverhältnissen über einen Zeitraum von zwei Jahren hinaus, nicht reagiert. „Offensichtlich wollen die Clubs zunächst den Ausgang des Verfahrens abwarten. Damit gehen sie ein hohes Risiko ein“, sagte Baranowsky.

Denn sollte am Ende zugunsten Müllers entschieden werden, wären im Umkehrschluss alle Profis, die zwei Jahre oder länger bei ihrem Club tätig seien, unbefristet angestellt. „Damit können sie ihre Arbeitsverhältnisse gemäß den kurzen gesetzlichen Fristen kündigen und ablösefrei wechseln.“