Arbeitsrecht

Warum Heinz Müller die Bundesliga auf den Kopf stellen kann

Der Prozess am Mittwoch zwischen Mainz und dem Ex-Keeper hat Sprengkraft. Er kann das Transfersystem kippen – Schuld hat Thomas Tuchel.

Da hatte er noch einen Arbeitsvertrag: Heinz Müller als Torwart des FSV Mainz 05

Da hatte er noch einen Arbeitsvertrag: Heinz Müller als Torwart des FSV Mainz 05

Foto: Fredrik von Erichsen / dpa

Mainz.  Landesarbeitsgericht Mainz, 1. Stock, Raum 116 – und die Frage: Gibt es einen neuen Bosman namens Müller? Wenn am Mittwochvormittag um 11 Uhr die Berufungsverhandlung zwischen Heinz Müller (37) und seinem Ex-Klub FSV Mainz 05 beginnt, dann blicken Profivereine wie Spieler aus ganz Deutschland gebannt in die rheinland-pfälzische Provinz.

Sollte der Vorsitzende Richter Michael Bernardi das Urteil aus erster Instanz bestätigen, könnte der „Fall Müller“ das bisherige Transfersystem im Fußball zumindest mittelfristig komplett auf den Kopf stellen. Es wäre nicht mehr ausgeschlossen, dass Profis plötzlich „normale“ Arbeitnehmer und befristete Verträge über mehr als zwei Jahre unzulässig wären.

Ablösesummen für die Klubs wären hinfällig, wenn der Spieler mit der normalen gesetzlichen Frist von ein bis drei Monaten kündigt.

Dimension wie beim Bosman-Urteil

Den Vereinen würden harte Zeiten drohen. „Die Kündigung durch den Verein würde den Regelungen des Kündigungsschutzgesetzes unterliegen, eine fristgerechte Kündigung wäre nur aus verhaltens-, personen- oder betriebsbedingten Gründen möglich“, sagte der Berliner Arbeitsrechtler Thomas Meyer von der Kanzlei Grawert & Partner der Tageszeitung „Die Welt“.

Hinter vorgehaltener Hand meinen sogar manche, die Dimension des Mainzer Rechtsspruchs könne annähernd jene des Bosman-Urteils von 1995 erreichen.

Die Deutsche Fußball Liga (DFL) glaubt das allerdings nicht. Der „Fall Heinz Müller“ sei erst einmal ein Einzelfall. Selbst eine die erste Instanz bestätigende Entscheidung habe keine Auswirkungen auf die bisherige Befristungspraxis, teilte die DFL mit: Andere Arbeitsgerichte wären nicht an diese Entscheidung gebunden.

Heribert Bruchhagen hat „großes Vertrauen“ in die Arbeitsgerichtsbarkeit, dass sie „dieses Urteil“ zurücknehme. „Es ist absurd“, sagte der Vorstandsboss von Bundesligist Eintracht Frankfurt der „Bild am Sonntag“.

Auch DFB-Interimspräsident Rainer Koch hatte bereits mit Verwunderung auf die Rechtssprechung von März 2015 reagiert. „Die Sportart Profifußball verträgt es nicht, dass man Verträge nicht befristen darf“, sagte Koch. Es müsse möglich sein, dass sich eine Mannschaft „immer wieder neu aufstellt. Wir können keine aufgeblähten Kader mit 40 oder 50 Spielern haben.“

DFL-Direktor Ansgar Schwenken fürchtet gar eine erhebliche Beeinträchtigung „der internationalen Wettbewerbsfähigkeit der Bundesliga“, wenn das Urteil nur in Deutschland gelte. Es würde zudem „sehr schwierig“ werden, einem Profi „fehlende physische Leistungsfähigkeit als Grund für seine Kündigung nachzuweisen“, sagte Schwenken der „Sport Bild“.

Nach auskurierter Verletzung in die zweite Mannschaft verbannt

Der FSV Mainz 05 pocht darauf, dass der Profisport unter anderen Beurteilungskriterien stehen müsse als der normale Arbeitnehmer. 2006 hatte es vor dem Arbeitsgericht in Nürnberg einen ähnlich gelagerten Fall gegeben, bei dem letztlich die Zulässigkeit befristeter Vertragsverlängerungen beschlossen worden war.

Auch eine gütliche Einigung zwischen den Mainzern und Ex-Keeper Müller ist noch nicht vom Tisch. Die Kuh wäre damit vom Eis, die Angst der Klubs vor einem Bosman 2.0 gebannt. Im anderen Fall könnten als nächste Instanzen das Bundesarbeitsgericht und der Europäische Gerichtshof (EuGH) von den Parteien angerufen werden.

Heinz Müller wird am Mittwoch nicht bei der Verhandlung anwesend sein. Sein Ansatz war beim Gang vor Gericht sowieso ein ganz anderer: Müller hatte gegen den FSV geklagt, da er trotz der Verlängerung seines Vertrages im Jahr 2012 um weitere zwei Jahre vom damaligen Cheftrainer Thomas Tuchel nach einer auskurierten Verletzung zur zweiten Mannschaft abgeschoben worden war. , sagte der 36 Jahre alte Müller später dem „Kicker“.

Der Schlussmann sah sich dadurch der Chance beraubt, dass sich sein Kontrakt durch eine bestimmte Anzahl an Profi-Einsätzen (23) automatisch um ein Jahr verlängert. Die von Müller verlangte Abfindung in Höhe von 429.000 Euro war ihm vom Arbeitsgericht Mainz im März 2015 aber nicht zugesprochen worden.