Vor der EM-Auslosung

Wie es Paris nach dem Terror und vor der EM geht

Vier Wochen nach den Terroranschlägen werden in Paris die EM-Gruppen ausgelost. Report aus einer geteilten Stadt zwischen Furcht und Vorfreude.

„Beau Jeu“, „Schönes Spiel“ heißt der Ball für die EM in Frankreich im kommenden Sommer. Es soll auch ein schönes Turnier werden – trotz der Furcht vor neuen Attentaten

„Beau Jeu“, „Schönes Spiel“ heißt der Ball für die EM in Frankreich im kommenden Sommer. Es soll auch ein schönes Turnier werden – trotz der Furcht vor neuen Attentaten

Foto: Adam Pretty / Getty Images

Paris.  Am schlimmsten ist es nachts. „Ich kann noch immer nicht schlafen. Bei jedem noch so leisen Knall wache ich auf.“ Livia steht vor ihrer Haustür auf dem Boulevard Richard Lenoir No. 98. Vis-à-vis zum Konzerthaus Bataclan, in das zwar nur 1500 Besucher passen, das aber seit vier Wochen das bekannteste Konzerthaus der Welt ist.

Seit Freitag dem 13., oder auch vendredi noir, der Schwarze Freitag, wie der Tag, der eine ganze Nation veränderte, seitdem in ganz Frankreich genannt wird.

Überall liegen Blumen und Kuscheltiere. Windlichter auch. Touristen schweigen und fotografieren die zahlreichen Plakate, die auf dem Bürgersteig liegen. „Je suis Paris“, steht da. Oder: „Pourquoi?“, warum. Eine Antwort gibt es bis heute nicht, nur die grausigen Fakten: 130 Menschen wurden an jenem Novemberabend vor vier Wochen in Paris umgebracht. Von acht Terroristen des selbsternannten Islamischen Staates (IS). Allein 90 Menschen starben vor Livias Haustür im Bataclan.

Deutschland kann mit Italien in eine Gruppe kommen

„Von einem auf den anderen Moment war die Welt, in der ich mich wohlfühlte, nicht mehr die gleiche“, sagt Livia. Sie ist 31 Jahre alt und Übersetzerin. Ihr Paris, das ist seitdem das Paris der Anschläge. Nur vier Wochen später soll Frankreichs Hauptstadt an diesem Wochenende wieder das Paris des Fußballs werden. Im Palais des Congrès werden an diesem Sonnabend (18 Uhr/ZDF) die 24 Gruppen für die Europameisterschaft im kommenden Sommer ausgelost.

Auch DFB-Manager Oliver Bierhoff, der vor vier Wochen dafür verantwortlich war, Deutschlands Fußballer aus dem Stade de France zu evakuieren, ist Glücksfee. Der schwerste Gegner, der dem Weltmeister aus Deutschland am Sonnabend zugelost werden kann, ist Italien. Das Sportliche aber ist noch nicht so wichtig. Viele stellen sich Fragen über die Sicherheit in Paris.

„Wir werden der Weltöffentlichkeit zeigen, dass wir bereit sind für die EM“, sagt Jean-François Martins, der stellvertretende Bürgermeister von Paris. Er sitzt bei einem von der Uefa initiierten Frühstück am Freitag im Hôtel de Ville und spricht davon, wie Paris von der EM profitieren kann und umgekehrt.

Drei Millionen Touristen werden während der EM erwartet

Es werde Fußballturniere in der ganzen Stadt geben, Künstleraktionen und einen Weltrekordversuch im hermetisch abgeriegelten Fanfest. Drei Kilometer lang und drei Meter hoch soll der Zaun werden. Das ist aber nicht der Rekord.

Vielmehr sollen in diesem rekordverdächtigen Käfig 120.000 Fußballfans unterhalb des Eiffelturms eine Oper anstimmen. „Das wäre etwas für das Guinness-Buch der Rekorde“, sagt Martins. 2,3 Millionen Einwohner hat die Metropole an der Seine. Während der EM vom 10. Juni bis zum 10. Juli 2016 sollen drei Millionen Touristen kommen.

„Ich mag Fußball“, sagt Livia. Die EM werde sie nun aber wohl nicht mehr genießen können. Sie sei wütend auf ihr Land, weil sie sich hier nicht mehr sicher fühle. Eigentlich ist Livia eine ziemlich furchtlose Person. Ihr Vater ist Algerier, ihre Oma ist Jüdin. Aufgewachsen sei sie in Les Mureaux, einem dieser Vororte von Paris, in denen vor allem Migranten und die Chancenlosen der Gesellschaft in Hochhausschluchten zusammengepfercht leben.

Der Aufstieg der Rechten in Frankreich

Auch die meisten der Attentäter kamen aus ähnlichen Vierteln. Aus Saint-Denis bei Paris und aus Molenbeek bei Brüssel. „Als ich 14 Jahre alt war, sind wir ins 11. Arrondissement umgezogen“, sagt Livia. Dem Ort, an dem die Anschläge stattfanden. „Die Leute waren toleranter und entspannter als im Rest von Paris.“

Zumindest waren sie das bis zum 7. Januar diesen Jahres, als ein paar Straßen weiter zwei Männer mit Kalaschnikows in die Redaktionsräume der Satirezeitung „Charlie Hebdo“ stürmten und zwölf Menschen hinrichteten. „An diesem Tag haben wir unser Urvertrauen verloren“, sagt Livia.

„Wir wussten, dass es irgendwann passieren wird“, sagt Sophie Derville. Die 42-Jährige sitzt mit ihrem Sohn Basile (12) und ihrer Schwester Felicie (39) am Abendbrottisch in der Rue de Belfort. Der Weihnachtsbaum ist schon geschmückt, die Welt muss sich ja weiterdrehen. Einmal um die Ecke liegt die Bar La Belle Équipe. Ein Meer aus Blumen erinnert an die fünf Opfer, die hier am 13. November ermordet wurden und für die sich die Welt nie mehr weiter drehen wird.

Sophie und Basile haben drei Jahre lang in Hamburg gewohnt. Im Portugiesenviertel. Basiles Vater Philipp wohnt noch immer am Paulsenplatz auf St. Pauli. „Hamburg ist wunderschön. Und immer noch so offen“, sagt Sophie. „Frankreich wird immer mehr zu einem Land der Rassisten. Jetzt erst recht.“

Wie soll man dem Terror begegnen?

Drei Wochen nach den Attentaten wurde bei der ersten Runde der Regionalwahlen vor ein paar Tagen mit knapp 28 Prozent der rechtsradikale Front National (FN) zur stärksten politischen Kraft des Landes. „Das ist schon schlimm genug“, sagt Sophie. „Aber schätzen Sie mal, wie viel Prozent die Rechten in unseren ach so linken Vierteln bekommen haben.“ Sie klappt den Laptop auf und liest laut vor: „7,49 Prozent im 11. Arrondissement.“

Den Attentaten vom 13. November sind nicht „nur“ 130 Menschen zum Opfer gefallen. Eine ganze Stadt ist zur Geisel des Terrors geworden. „Jeder kennt irgendjemanden, der irgendjemand kennt, der erschossen wurde“, sagt Felicie. Die TV-Journalistin wohnt genau neben dem Bataclan.

Am Tag nach den Attentaten konnte sie aus ihrer Wohnung verfolgen, wie sich Kamerateams aus der ganzen Welt um die besten Plätze vor dem abgesperrten Konzerthaus balgten. „Obwohl ich selbst fürs Fernsehen arbeite, war ich traurig“, sagt sie. Doch als sie am Donnerstagmorgen gesehen hat, wie die Stadtreinigung die ersten Blumensträuße, die längst vergammelt waren, zusammenfegte, schlug die Traurigkeit in Wut um. Doch wie soll man reagieren? Wie soll man dem Terror begegnen? Und wie kann man zu seinem alten Lebensgefühl finden?

Zusätzliche Polizisten und Soldaten zur Sicherheit

„Imagine all the people, sharing all the world“, sang Madonna den alten John-Lennon-Song am Mittwochabend spontan auf dem Place de la République. Zwei Tage zuvor hatte die irische Rockband U2 unangekündigt die Eagles of Death Metal zum Ende ihres Paris-Konzerts erstmals seit den Attentaten im Bataclan wieder auf die Bühne geholt.

Staatspräsident Hollande hat am Tag nach den Attentaten gesagt: „Frankreich ist im Krieg.“ In der Woche danach hat Sophie Derville einen Brief von Basiles Schule bekommen, in dem den Eltern Hilfe angeboten wurde, den Kindern das Unerklärliche zu erklären. Basile kann bis heute nicht verstehen, warum fanatische Islamisten Andersgläubige einfach so erschießen, sagt er.

„Das Stade de France wird der sicherste Ort in ganz Paris“

Der Zwölfjährige spielt bei UJA Maccabi Paris Metropole Fußball. Er ist dort Außenverteidiger. Und in seiner Mannschaft würden Katholiken, Juden und Moslems spielen – und keiner würde den anderen töten wollen. „Jetzt hoffe ich, dass es trotz allem eine ganz tolle EM wird“, sagt er.

Das hofft auch Jean-François Martins. Der stellvertretende Bürgermeister von Paris spricht über zusätzliche Polizisten und Soldaten für das Fußballturnier, über Sprengstoffhunde beim Fanfest und Metalldetektoren vor den Stadien.

Das Stade de France wird neben dem Flughafen der sicherste Ort in ganz Paris werden“, sagt Martins, den die Nachfrage einer Journalistin sichtlich irritiert. Ob die ganze Sicherheit den Menschen und der Stadt nicht die Freude am Fußball nehmen könnte, fragt sie. Martins zögert und sagt dann: „Es gibt nie zu viel Sicherheit.“