100. Geburtstag

Seeler: „Helmut Schön duldete keine Starallüren“

Uwe Seeler, Ehrenspielführer der deutschen Nationalmannschaft, erinnert sich an Helmut Schön, der am Dienstag 100 Jahre alt geworden wäre.

Erfolgreiches Duo: Bundestrainer Helmut Schön (r.) und sein Kapitän Uwe Seeler bei der Weltmeisterschaft 1970 in Mexiko

Erfolgreiches Duo: Bundestrainer Helmut Schön (r.) und sein Kapitän Uwe Seeler bei der Weltmeisterschaft 1970 in Mexiko

Foto: MFaerber@wmg.loc / picture alliance / dpa

Hamburg.  Nach dem WM-Triumph in Brasilien hat Joachim Löw den Gewinn des EM-Titels zum Ziel erklärt, ein solches Double hat vor ihm nur Helmut Schön geschafft. Der „Mann mit der Mütze“, dessen Geburtstag sich am 15. September zum 100. Mal jährt, hat den deutschen Fußball eineinhalb Jahrzehnte geprägt und war so erfolgreich wie keiner seiner Nachfolger: Weltmeister (1974), Europameister (1972), WM-Zweiter (1966), EM-Zweiter (1976) und WM-Dritter (1970). HSV-Idol Uwe Seeler, 78, hat fast die Hälfte seiner 72 Länderspiele in der Ära Schön bestritten, 31 genau. Immer als Kapitän und Vertrauter.

Berliner Morgenpost : Herr Seeler, wie war Helmut Schön damals – mehr Pädagoge, Chef oder eher Kumpel?

Uwe Seeler: Kumpel-Typ nicht. Von jedem etwas vielleicht. Das trifft’s schon eher. Für mich war Helmut Schön Trainer und Freund zugleich. Ich kannte ihn ja schon, als er noch Assistenztrainer bei Sepp Herberger war, seinem Vorgänger. Ende 1964 hat er dann die volle Verantwortung als Bundestrainer übernommen.

Könnten Sie auf das „Von-jedem-Etwas“ näher eingehen?

Er war fachlich kompetent und geradlinig, konsequent, wenn er sich entschieden hatte, manchmal auch sehr empfindlich, wenn er sich angegriffen fühlte. Und er war ein besonnener, lebensbejahender, froher Mensch, der auch Zeit für ein Späßchen hatte.

Anders als Herberger?

Vom Typ her ganz anders. Herberger war autoritär, eine Majestät. Wobei ich unbedingt hinzufügen möchte, dass ich beiden Trainern viel zu verdanken habe. Natürlich hatte auch Helmut Schön seine Prinzipien, ließ uns aber – salopp gesagt - an der langen Leine.

Gab es eine Grundregel?

Er legte großen Wert auf das Miteinander im Team. Fußball ist Mannschaftssport, sagte er. Starallüren duldete er nicht. Er wusste, wie ein Spieler tickt. Er war ja auch als Spieler sehr erfolgreich.

Er steht mit 16 Länderspielen und 17 Toren zu Buche, zwischen 1937 und 1941.

Unter Herberger, der sich damals noch Reichstrainer nannte.

Sie haben in der Schön-Ära immer die Kapitänsbinde getragen, waren damit Vertrauter und erster Anlaufpunkt. Hat er sich beraten lassen?

Ja. In der Vorbereitung war ihm die Meinung des Kapitäns und einiger anderer Spieler immer wichtig. Er hat uns angehört und akzeptiert, seine Entscheidungen letztlich aber selbst getroffen. Danach ließ er sich auch nicht mehr beirren und hat seine Taktik durchgezogen.

Haben Sie sich eigentlich geduzt mit ihm?

Nein, erst nachdem ich aufgehört hatte, Anfang der Siebziger. Das heißt, es gab eine Ausnahme. 1965 in Stockholm. Nach dem 2:1-Sieg gegen die Schweden wussten wir, dass wir im darauffolgenden Jahr bei der WM dabei sein werden. In der Kabine auf dem Weg zur Dusche hielt mich der Trainer für einen kurzen Moment auf und sagte: Damit du Bescheid weißt, wir trinken einen Schnaps heute Abend. Zum ersten Mal „du“. Werde ich nie vergessen.

Das kam einem Ritterschlag gleich. Schließlich hatten Sie das Siegestor erzielt.

In dem Spiel ging es um alles. Deutschland oder Schweden. Nur eine Mannschaft konnte im nächsten Jahr zur Weltmeisterschaft nach England fahren. Wir hatten in Berlin im ersten Qualifikationsspiel unserer Gruppe nur 1:1 gespielt. Wäre auch in Stockholm ein Unentschieden zustande gekommen, hätte es in London ein Entscheidungsspiel geben müssen.

Das Spiel in Stockholm hatte ja auch für Sie persönlich eine besonders große Bedeutung.

Es war das erste nach meinem Achillessehnenriss im Februar 1965. Damals hatten mich einige schon abgeschrieben. Normalerweise bedeutet so eine Verletzung für einen Fußballer das Ende der Karriere. Damals haben wir, Helmut Schön und ich, viel miteinander telefoniert. Er war sehr mitfühlend, und als ich wieder trainieren konnte, fragte er, ob ich es mir denn zutrauen würde, in Stockholm dabei zu sein. Ich habe zugesagt, und Helmut Schön darauf: Dann spielst du auch. Ähnlich war es auch 1970 vor der WM-Endrunde in Mexiko.

Aus besonderem Grund?

Ich war Anfang 30 und musste langsam ans Aufhören denken. Mit der Generalvertretung für Adidas hatte ich mir schon ein berufliches Standbein geschaffen und im Mai 68 auch erklärt, dass nun Schluss sei mit der Nationalmannschaft. Das Berufliche hatte Vorrang.

Doch es kam zum Rücktritt vom Rücktritt.

Ja, nach einem Jahr. Schön wollte mich in Mexiko noch einmal dabei haben. Trotz meiner Bedenken. Schließlich gab es mit Gerd Müller auf der Mittelstürmerposition bereits einen Nachfolger. Der Trainer überzeugte mich: Dann spielen wir eben mit zwei Spitzen, Sie als zurückgezogene Spitze.

Wie war Helmut Schön in der Kabine, wurde er laut, wenn das Spiel nicht nach seinen Vorstellungen verlief?

Laut geworden ist er nie. Jedenfalls habe ich’s nicht erlebt. Vor dem Anstoß versuchte er die Anspannung zu verbergen und Ruhe auf uns auszustrahlen. Und wenn es mal nicht so gut war, hat er vernünftig analysiert. Er war wohl manchmal innerlich über sich selbst wütend, weil er womöglich eine falsche Entscheidung getroffen hatte.

Haben Sie denn selbst nie daran gedacht, als Trainer zu arbeiten?

Nein. Ich hatte mich beruflich ja schon längst anders orientiert. Und ich glaube, ich wäre auch kein guter Trainer geworden.

Warum nicht?

Ich hätte zu viel verlangt.