Champions League

Turiner Götterdämmerung im Olympiastadion

Andrea Pirlo und Gianluigi Buffon verpassen mit Turin in Berlin ihre wohl letzte Chance auf einen großen Titel. Und doch stehen die beiden Oldies auch ein wenig für die Geburt eines neuen Juve-Teams.

Foto: Dylan Martinez / REUTERS

Die Leere nach einer Niederlage manifestiert sich nirgends so stark wie nach einem grandiosen Finale, erst recht, wenn es sich um die Champions League handelt. Da stand Andrea Pirlo nun auf dem Rasen, allein, und versuchte, diese Leere mit irgendetwas zu füllen. Doch alles, was die Fußball-Ikone von Juventus Turin, des italienischen Fußballs im vergangenen Jahrzehnt überhaupt, zum Füllen hatte, waren Tränen.

Wenig später war es Gianluigi Buffon, Juves Torwart-Idol, der erhobenen Hauptes als Letzter der Turiner Mannschaft das Berliner Olympiastadion verließ. Gefasster als Pirlo, doch nicht wenige betrübt über die verpasste Krönung einer so nicht erwarteten Saison in Europas Königsklasse. Und als wolle er allen Schmerz, den seiner Mitspieler und erst recht den aller Juve-Fans, auf sich laden, sagte Buffon: „Enttäuschungen gibt es im Sport, die müssen wir hinnehmen.“

Pirlo und Buffon, der eine 36 Jahre alt, der andere 37, erlebten an der Stelle ihres größten Triumphes nun eine ihrer schmerzlichsten Niederlagen, wenn nicht sogar die schmerzlichste. Hier, im Olympiastadion, feierten sie 2006 den Gewinn der Weltmeisterschaft. Nicht weniger unerwartet und nicht weniger weniger melodramatisch.

Buffon bleibt in Europa der Unvollendete

Seinerzeit wurde der italienische Fußball durchgeschüttelt von Spielmanipulationen. Im Fokus: Juventus Turin. Der Triumph von Berlin hatte den Azzurri einen Teil jenes Stolzes zurückgegeben, der durch die Skandale verloren gegangen war. Nun sollte ein Sieg im Champions-League-Finale gegen das schier übermächtige Barcelona den 39 Todesopfern der Katastrophe im Brüsseler Heyselstadion 1985 gewidmet werden.

Das Vorhaben misslang – jedoch nicht vollends. „Wir haben gezeigt, dass wir mithalten können, als Mannschaft und als Einzelspieler“, sagte Buffon. Er klingt dabei wie jemand, der eine große Laufbahn als Fußballprofi noch vor sich hat und sich nicht bereits in deren Spätherbst befindet. Wie jemand, dem bewusst wurde in den Momenten von Berlin, dass es vielleicht die letzte Chance gewesen ist, einen großen Titel zu gewinnen. Den einen großen Titel, der Buffon in seiner einzigartigen Karriere noch fehlt: die Champions League.

Dies hat Pirlo seinem Teamkollegen voraus, zweimal mit dem AC Mailand hielt der Spielmacher den Henkelpott in seinen Händen. Als der immer noch geniale Spielmacher – auch wenn er inzwischen mit seiner stets ein wenig behäbigen Spielweise wie aus der Zeit gefallen anmutet – die tröstende Umarmung seines Gegenübers Xavi Hernandez entgegen nahm, war ein beinahe schon magischer Moment zu spüren. Der letzte Triumph des Barca-Idols, die verpasste Chance auf den letzten großen Titel auf der anderen Seite, der Abschied zweier Granden des internationalen Fußballs.

Ziel ist dauerhaft ein Platz unter den besten Acht

Das Juventus des Jahres 2015 wird trotz der Niederlage – oder vielleicht auch gerade deshalb – enorm Kraft schöpfen für die Zukunft. „Der Enthusiasmus, den die Menschen in Turin, ja in ganz Italien gezeigt haben rund um Juve, das ist etwas Positives“, sagte Trainer Massimiliano Allegri. Er sah die Geburtsstunde einer neuen Turiner Mannschaft: „Wir gehen aus diesem Endspiel mit neuem Selbstvertrauen heraus. Und mit dem Bewusstsein, dass wir auf der europäischen Bühne mit unserer Qualität mithalten können. Ziel ist es, dauerhaft einen Platz unter den besten acht Teams Europas einzunehmen.“

Mit Pirlo und Buffon? Während der Torhüter ankündigte, noch drei Jahre weitermachen zu wollen („Vielleicht kann ich mir doch noch den einen oder anderen Traum erfüllen“), scheint fraglich, ob Pirlo tatsächlich bis 2016 weitermacht. „Was ihn anbelangt, da kann ich keine Antwort geben“, sagte Allegri.

Welch großer Sportsmann Andrea Pirlo ist, offenbarte sich in jenem Moment, als Xavi nach seinem letzten Spiel für den Triplesieger den silbernen Pokal in den Berliner Nachthimmel hob. Er applaudierte den Siegern. Als einziger im Juve-Tross. Seine Tränen waren da längst noch nicht getrocknet.