Bundesliga

Fans protestieren gegen DFL-Pläne zur TV-Vermarktung

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Jörn Lange

Foto: Jochen Lübke / picture-alliance/ dpa

Nach dem englischen Rekord-Deal giert die Bundesliga nach mehr TV-Einnahmen. Schon wird über zusätzliche Anstoßzeiten nachgedacht. Die Wünsche der Fans scheinen dabei keine große Rolle zu spielen.

Wie lange ein Fußballspiel dauert, wusste Sepp Herberger schon vor mehr als 60 Jahren. Hätte der Weltmeistertrainer von 1954 aber eine Ahnung davon, was diese 90 Minuten heutzutage kosten – er würde sich wohl im Grab umdrehen. Knapp 15 Millionen Euro zahlt der britische Bezahlfernsehsender Sky der auf der Insel ansässigen Premier League ab der Saison 2016 pro gezeigter Partie. Ein erkleckliches Sümmchen, für das man sich beispielsweise fünfmal Herthas teuersten Spieler Valentin Stocker leisten könnte.

Der Pro-Partie-Preis ist nur ein Beispiel dafür, weshalb sich die Verantwortlichen in der Premier League seit vergangenem Mittwoch die Hände wund reiben. Insgesamt 6,9 Milliarden Euro zahlen die beiden Pay-TV-Sender Sky und British Telecom (BT) der vermeintlich besten Liga der Welt für drei Spielzeiten – allein für die Inlandsvermarktung.

Bei der Deutsche Fußball-Liga (DFL), wo im Frühjahr 2016 um einen neuen TV-Deal gefeilscht wird, hat diese Summe für reichlich Herzklopfen gesorgt. Denn: Die Weltmeister-Liga generiert national aus ihrem laufenden Vierjahresvertrag im Durchschnitt „nur“ 628 Millionen Euro pro Spielzeit an Fernsehgeldern. Dass sich die Verantwortlichen nun gleichermaßen mit Chancen und Risiken konfrontiert sehen, ist wenig verwunderlich.

Neue Anstoßzeiten für mehr Geld

Auf der Suche nach Möglichkeiten, um künftig annähernd an den Sphären der britischen Kollegen zu kratzen, dachte DFL-Geschäftsführer Christian Seifert laut über „unpopuläre Maßnahmen“ nach. Wie die aussehen könnten, skizziert Klaus Allofs. Da die ohnehin schon horrenden Gehälter und Transfersummen in England nun noch weiter steigen würden, müsse die Bundesliga versuchen, Schritt zu halten, sagte der Manager des VfL Wolfsburg. „Bisher haben wir den Spagat hinbekommen, den Spieltag kompakt zu gestalten“, meinte Allofs, „aber es muss auch Kompromisse geben.“

Die simple Logik: Mehr Anstoßzeiten gleich mehr Sendezeit für die übertragenden TV-Sender gleich mehr Geld für die Klubs. Die Tinte unter den Verträgen in England war kaum trocken, da wurde in Deutschland schon über Spiele am Samstagmittag und Montagabend diskutiert. Auch Michael Preetz gab sich offen. Man müsse darüber nachdenken, wie man die Lücke zu den Engländern schließen kann, sagte der Hertha-Manager.

Außen vor geblieben sind dabei bislang die Akteure, auf deren Enthusiasmus der Wohlstand von Klubs und Verbänden fußt: die Fans. „Es überrascht mich schon sehr, wie schnell dieses Thema heiß wurde“, sagt Daniel Nowara, Sprecher von „Unsere Kurve“, einer der größten Interessenvertretungen der Fußballfans. „Plötzlich scheinen konkrete Pläne für etwas zu existieren, die vorher überhaupt nicht kommuniziert wurden. Das ist erschreckend.“

Fans klagen über zerstückelten Spieltag

Am Sonnabend wendete sich das Fan-Bündnis „ProFans“ in einem offenen Brief an die DFL. Die zunehmende „Zerstückelung“ der Spieltage beschädige das deutsche „Alleinstellungsmerkmal“ der grandiosen Stimmung in ausverkauften Stadien, heißt es darin.

Bislang setzt die Bundesliga auf fünf verschiedene Anstoßzeiten pro Spieltag. Aus Sicht vieler Fans schon jetzt zu viel. Denn so glühend die Fußball-Leidenschaft auch sein mag – Auswärtsfahrten zu Partien, die am Freitagabend oder späten Sonntagnachmittag stattfinden, stellen die Anhängerschaft Wochenende für Wochenende vor eine Härteprobe. Die Fans von Hertha BSC setzten zum Rückrundenstart in Bremen ein Zeichen. Vor dem Anpfiff präsentierten sie ein großes Transparent mit der Aufschrift „Pro Samstag 15.30 Uhr“.

Von einem zerfaserteren Spieltag wären allerdings nicht nur die Stadiongänger betroffen, sondern auch die Fernsehfans. Die frei empfangbare Institution „Sportschau“ würde deutlich an Attraktivität verlieren, wenn sie am frühen Samstagabend noch weniger Spiele präsentieren könnte, als bisher.

In England profitieren nur die Klubs

Die Position von Bezahlsender Sky, der alle Spiele live zeigt, wäre indes gestärkt. „Die Sportschau würde deutlich an Macht verlieren“, ist sich Nowara sicher. Klaus Allofs könnte damit wohl gut leben, er scheint das öffentlich-rechtliche Fernsehen ohnehin als Bremsklotz zu empfinden. „Es müssen einfach mehr Menschen Pay-TV schauen“, sagt der 58-Jährige.

Eben das tun in Deutschland bislang aber nur gut vier Millionen Menschen. In England verfügt Sky und Konkurrent BT über mehr als 13 Millionen Abonnenten. Beide Sender werden für ihr großzügiges Engagement mit einer zusätzlichen Anstoßzeit belohnt. Ab 2016 wird es auch ein Spiel am Freitagabend geben. Eines bleibt in England allerdings beim Alten: Aus Angst vor leeren Stadien wird keines der Samstagnachmittagspiele live gezeigt.

An Kritik mangelte es nach Bekanntwerden des Milliarden-Deals trotzdem nicht. „Die Liga schwimmt im Geld“, schrieb Englands Ex-Nationalspieler Gary Lineker bei Twitter, „senkt die Eintrittspreise und macht es möglich, dass die Fans die Spiele besuchen können.“ Die Auslastung der Stadien liegt aktuell zwar bei gut 95 Prozent. Für einkommensschwache Fans oder Jugendliche sind Ticketpreise von 80 Euro und mehr aber meist unerschwinglich.

Dominanz nur bei den TV-Geldern

Im Vergleich dazu gilt Deutschland als Fan-Dorado. Wegen der günstigen Tickets, der Stehplätze, längst auch wegen der besseren Stimmung. Dennoch haben die Macher der Liga nun Angst, den Anschluss zu verlieren. Die horrenden Spielergehälter, die im Mutterland des Fußballs gezahlt werden, sind für hiesige Klubs nicht zu stemmen. Wenn Premier-League-Klubs mit dem Scheckbuch wedeln, so die Befürchtung, spielen die Stars künftig auf der Insel.

Der wirtschaftliche Kräfteunterschied ist allerdings keineswegs neu. Schon vorige Saison erhielt Premier-League-Aufsteiger Cardiff City (74,5 Millionen) mehr als doppelt so viel TV-Gelder wie Bayern München (36,9 Millionen). Davon, dass die englischen Klubs die europäischen Wettbewerbe dominieren, kann trotzdem keine Rede sein. In der K.o.-Phase der Champions League stehen aktuell drei britische Teams. Die Bundesliga hat noch vier im Rennen.

Etablierte Strukturen wie „Sportschau“ und fanfreundliche Anstoßzeiten infrage zu stellen, erscheint vor diesem Hintergrund aktionistisch. Selbst Bayern-Trainer Pep Guardiola, der sich um Stars die wenigsten Sorgen machen muss, meint dazu: „In der Bundesliga haben wir weniger Geld, daher brauchen wir mehr Ideen.“ Besser hätte es selbst Sepp Herberger nicht sagen können.