Fußball-WM

Für Löw zählt bei der Fußball-WM nur der Titel

14 Monate vor dem Turnierstart muss der Bundestrainer wichtige Entscheidungen treffen. Die Erwartungen in Deutschland sind hoch, auch vor dem Spiel gegen Kasachstan.

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Vielleicht gibt es Nudeln. Vielleicht Steaks. Ganz sicher einen Espresso. Den liebt Joachim Löw, und er freut sich, dabei in Ruhe mit Michael Ballack sprechen zu können. „Wir werden einen Kaffee trinken und vielleicht etwas essen gehen“, sagt der Fußball-Bundestrainer. Löw und Ballack wollten sich schon beim Rückspiel der WM-Qualifikation gegen Kasachstan in Nürnberg (20.45 Uhr, ARD, und im Live-Ticker der Berliner Morgenpost) treffen, doch der Zeitplan war zu eng. Nun wird es wohl in den nächsten Wochen so weit sein. „Dann werden wir Dinge ausräumen“, so Löw.

Ein letztes Mal geht es noch um Ballacks Ende in der deutschen Auswahl vor knapp zwei Jahren und den Streit danach. Um die Vergangenheit. Danach dreht sich für Löw alles um die Zukunft. Für den 53-Jährigen beginnt eine entscheidende Phase seiner Karriere, mit Nationalelf-Manager Oliver Bierhoff bereitet er sich und seine Spieler dann intensiv auf die Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien vor. Das Turnier, von dessen Verlauf Löws berufliche Perspektive abhängt.

Gute Entwicklung der DFB-Elf

Bei drei Turnieren war er für die Mannschaft verantwortlich. Seine Bilanz: Finalteilnahme bei der EM 2008, Dritter Platz bei der WM 2010, Halbfinale bei der EM 2012. Was für Philipp Lahm und Bastian Schweinsteiger gilt, das gilt auch für Löw: Er hat den deutschen Fans in den vergangenen Jahren viel Freude gemacht. Der große Titel fehlt ihm aber (noch).

Unter ihm hat die Mannschaft tolle Spiele gezeigt. Sie ist auch dank Löw viel besser, viel eleganter, noch respektierter geworden. Zudem hat sich der einstige Assistent Jürgen Klinsmanns zu einem Sympathieträger, zu einer Marke entwickelt.

Für die WM braucht es Perfektionismus

Löw hat sich einen Status erarbeitet, der ihm erlaubt, weitestgehend selbst über seine Zukunft beim Deutschen Fußball-Bund zu entscheiden. Ein Aus bei der WM – sofern es nicht besonders peinlich und/oder in der Vorrunde kommt – würde nicht unbedingt ein Ende als Bundestrainer bedeuten. Doch Löw würde sich wohl die Frage stellen: Bin ich jetzt, nach acht Jahren, noch der Richtige? Oder helfen jetzt neue Personen, neue Einflüsse?

In Amerika hat noch keine europäische Nationalmannschaft einen Titel gewonnen, eine Herausforderung. Um die zu bewältigen, braucht es Perfektionismus. Die Nachlässigkeiten seiner Spieler in der zweiten Halbzeit des Hinspiels gegen Kasachstan (3:0) haben ihn geärgert. Bei der EM fehlte Deutschland im Halbfinale gegen Italien die Cleverness. Die müssen sich die Profis selbst aneignen, Löw kann sie nur leiten. Impulse geben. Viel fordern.

„Alles dafür tun, damit wir um den Titel mitspielen“

Der Bundestrainer will beweisen, dass er mit der Mannschaft den letzten, entscheidenden Schritt gehen kann – den zur Weltmeisterschaft. „Wir brauchen uns vor niemanden zu verstecken. Nach Brasilien fahren wir als Mitfavorit und wollen alles dafür tun, damit wir um den Titel mitspielen“, sagt er. Er will den Druck auf die Mannschaft gleichzeitig nicht zu groß werden lassen und betont, dass sie sich erst mal qualifizieren müsse und Demut vor dem Turnier angebracht sei.

Vielen Fans gefällt das nicht. Sie sehen Löw nach dem Italien-Spiel in der Bringschuld. Die Niederlage geht zum großen Teil auf seine Kappe, meinen sie. Tatsächlich hat Löw die Spielweise einer Mannschaft zu sehr den Gegnern angepasst. Er hat die beste Spielergeneration seit der legendären 70er-Jahre-Mannschaft um sich. Und er muss sie jetzt zu einem Pokal führen, finden viele. Was bringen die hervorragenden Spieler der Nationalelf sonst?

18 Jahre ohne Titel

Nach 18 Jahren ohne Titel ist die Sehnsucht in Deutschland groß. Alles andere als der Titel würde zu Diskussionen führen. Spanien war in den vergangenen Jahren einfach (noch) besser. Dieses Argument lassen viele inzwischen nicht mehr oder nur noch in Teilen gelten. Tenor: Löw, bringt uns den Pokal!

Kann Löw das? Ist er ein Wettkampf-Trainer? Vieles spricht dafür. Seine Fehler bei der EM hat er analysiert. Menschen, die ihn lange kennen, glauben, dass er in den nächsten Monaten sehr geradlinig arbeiten wird. Heißt: Auf Kritik von Experten und vor allem interessengeleiteten Äußerungen von Vereinsvertretern aus der Bundesliga wird er ihrer Meinung nach kaum eingehen. Und gegebenenfalls auch unpopuläre Entscheidungen treffen. Maßgeblich ist die Planung des Kaders. Der Bundestrainer wird bei der Zusammenstellung nur nach der Frage gehen: Wen brauche ich für unser System?

Blöcke aus München und Dortmund

14 Monate sind es bis zur WM, im Fußball eine lange Zeit. Und doch ist der Kern des Kaders schon jetzt abzusehen. Ein Bayern-Block, ein Dortmund-Block, das hat Vorteile. Zudem beherrscht die Mannschaft mindestens zwei Spielsysteme: Mit „echtem“ Stürmer oder vier offensiven Mittelfeldspielern, von denen einer in die Spitze stößt. Auf der Linksverteidigerposition ist Löw weiterhin offen für Alternativen zu Marcel Schmelzer, zudem will er Marco Reus, Mario Götze und Ilkay Gündogan zu Weltklasse-Niveau verhelfen.

Und dann hat Joachim Löw mit Oliver Bierhoff noch eine logistische Mammutaufgabe zu lösen: Das optimale Quartier für die Mannschaft zu finden. „Logistisch ist es das Anspruchsvollste der vergangenen zehn Jahre“, so Löw über die Situation in Brasilien. Bierhoff hat sich bereits zweimal in dem Gastgeberland umgesehen, besichtigte acht Hotels und legte 26.000 Kilometer zurück. Löw war noch nicht in Brasilien. Er wird mit Bierhoff zum Confederations Cup (15. bis 30. Juni) nach Südamerika fliegen und die Planungen vorantreiben.

Sie wollen den Spielern lange Flüge vor und nach den Partien ersparen – Brasilien ist das fünftgrößte Land der Erde. Ein WM-Quartier im Norden oder Süden schließen die Verantwortlichen aus. Schließlich will das Team am liebsten bis zum Tag nach dem Finale dort wohnen.