Abstiegskandidat

Greuther Fürth macht sich zur Lachnummer

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Foto: pa/dpa/ZGBZGH

Statt das Jahr in der Bundesliga zu genießen, ist Fürth auf null abgestürzt. Es fehlt die „Mindestqualität“. Wie das Kartenhaus der hohen Erwartungen zusammenfiel.

Als Gerald Asamoah noch für Schalke stürmte und für einen Fehlschuss hart kritisiert wurde, sagte er: „Wenn ich jeden reinmachen würde, würde ich bei Real Madrid spielen.“ Diese Worte gehören eingerahmt, und zwar ganz dringend dort, wo Asamoah inzwischen stürmt, in Fürth. An die Klubwände im Ronhof gehört die Weisheit gehängt, direkt neben die Schwarz-Weiß-Bilder der Meisterjahrgänge 1914, 1926 und 1929 – doch wenn es nach den Fürther Fans geht, gehört eher die Gurkentruppe von heute dort aufgehängt, allerdings ohne Rahmen.

Das 0:3 gegen den haushoch überlegenen Tabellenvorletzten Hoffenheim hat Wirkung hinterlassen. So ist das, wenn ein Kartenhaus der hohen Erwartungen zusammenkracht. Statt sich einen kalten Waschlappen auf die Stirn zu legen, träumt der Fan sich ein krummes X zum runden U schön oder davon, dass man mit der Tradition und der Kraft des Kleeblatts in der Bundesliga Löffel verbiegen kann.

Erinnerungen an Freddy

Womöglich träumen ein paar Fürther sogar noch vom 29. Januar 1950, als die Spielvereinigung den FC Bayern mit 6:1 vom Ronhof fegte – und vergisst vor lauter Spätfreude, dass Franck Ribery heutzutage den 12-Millionen-Saisonetat der Fürther in München ungefähr allein deckt.

Nicht einmal ein Jahr haben sie in Fürth gebraucht, um von himmelhochjauchzend auf null abzustürzen. Der Ronhof fühlt sich an wie ein Friedhof, und als Leichen werden jene geschändet, die vor Kurzem noch lebende Legenden waren. Sogar Henry Kissinger, der verlorene Sohn der Stadt, kehrte zum Jubeln heim, aber unvergessen bleibt vor allem der Abend des so lange ersehnten Aufstiegs. Der OB feierte mit den Fans im „Gelben Löwen“ – dort, wo einst Freddy Quinn entdeckt wurde, der dann später sang: „Weit ist der Weg, der Weg ist weit.“ Ja, der Weg war weit, aber umso kürzer geht er wieder zurück, und zur Strafe wird ein anderer Freddy-Song von den Fans jetzt als Gassenhauer gegen die Mannschaft verwendet, das Motto heißt diesmal: La Paloma pfeifen, aber keinen Hintern in der Hose.

„Das haben wir nicht verdient“, sagte Kapitän Mergim Mavraj – dass ihnen nach dem Abpfiff vor dem Stadion der Prozess gemacht wird. „Wir sind Fürther, ihr nicht!“, brüllen aufgeregte Anhänger die Spieler an, vermissen Biss und Wille und vergessen, dass das allein nicht die Erstklassigkeit garantiert. „Du musst auch Fußball spielen können“, bedauert Mavraj. Er ist der letzte Realist, nachdem Mike Büskens weg ist. Solange der Trainer sein durfte, war er zweifellos der bundesligatauglichste Fürther, aber vor allem hat er keinem was vorgemacht – sondern stets die passenden Worte gefunden, vergleichbar mit denen von Norbert Meier nach der Niederlage seiner Düsseldorfer in München: „Wir haben alles abgerufen, wozu wir imstande sind.“ Auch die Fürther rufen alles ab. Aber sie erinnern dabei an die Tragödie des Durstigen, der mit einer Büchse Bier, aber ohne Dosenöffner dastand – und verzweifelt versuchte, die Dose zu überreden, sich selbst zu öffnen.

Der unvermeidliche Matthäus

Helmut Hack, der Präsident, schien sich mit der Wirklichkeit schon arrangiert zu haben. „Es fehlt uns die Mindestqualität für diese Liga“, sagte er vor ein paar Wochen – und an der Stelle hätte er dann einfach vollends ergänzen müssen: Liebe Fürther, lasst uns das Abenteuer genießen, dieses einmalige, wunderbare Erlebnis Bundesliga. Aber was tut er? Er wirft Büskens raus, den Aufstiegsmessias und Hexer, behilft sich mit einem Überbrückungstrainer, verhandelt hier und dort und stößt beim Stochern irgendwann unvermeidlich auf Lothar Matthäus, mit allen ebenso unvermeidlichen Folgen, die ein Telefonat mit einem Lothar Matthäus hat. Jetzt hat der Hack sein Hick-Hack mit seinem fränkischen Landsmann und steht als Schwindler da, weil er neulich noch sagte: „Der Name Matthäus steht nicht auf unserer Liste.“

Das Fürther Fiasko ist perfekt. Die Fans fordern der Vollständigkeit halber auch noch „Hack raus!“, und der bekennt: „Wir können die Tabelle lesen und wissen, was das heißt.“ Wenn er sich dieser Realität zeitiger gebeugt hätte, wäre ihm manches erspart geblieben, er hätte seinen besten Mann Büskens nicht gefeuert – und müsste sich jetzt weder mit Matthäus herumschlagen noch mit diesen üblen, frei erfundenen Scherzen, die plötzlich kursieren, wie der folgende Dialog. „Wen würden Sie als Trainer holen“, fragt Hack einen Fürther Fan, „Kramer, Gisdol oder Hasenhüttl?“ „Hol Pfannenbichler.“ „Wer ist Pfannenbichler?“, fragt Hack. „Was weiß ich, wer Pfannenbichler ist“, flucht darauf der Fan, „aber kommt es darauf noch an?“