Länderspiel

Nationalelf muss gegen Messi neues Vertrauen gewinnen

Trainer Löw hat sich vor seine Mannschaft gestellt. Dennoch stehen die Nationalspieler im Länderspiel gegen Argentinien in der Bringschuld.

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Mit dem Wort „geil“ ist das so eine Sache. Richtig fein ist es nicht, eher Jugendslang, obwohl es längst Einzug in alle Schichten und Generationen gehalten hat. Und eindeutig ist es auch nicht: Es kann „super“ oder „toll“ heißen, aber auch „etwas unbedingt wollen“.

In letzterem Sinne wurde das Wort am Dienstag fast inflationär oft benutzt. Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) hatte die Nationalspieler Marco Reus und Sami Khedira gebeten, sich vor dem Länderspiel gegen Argentinien zu äußern, aber natürlich kreisten die Fragen der Journalisten vor allem um die Wutrede des Bundestrainers, der 24 Stunden zuvor an selber Stelle den Hammer kreisen ließ und die Kritik am Ausscheiden im Halbfinale der Europameisterschaft als unverhältnismäßig darstellte.

Andererseits hatte Joachim Löw auch die volle Verantwortung übernommen für das 1:2 gegen Italien und seinen Spielern damit ein unverhältnismäßig großzügiges Alibi verschafft. Nun holten Khedira und Reus zum mildtätigen Gegenschlag aus. „Italien ist einfach geiler darauf gewesen, das Spiel zu gewinnen“, sagte Reus, nachdem Khedira ihm den Steilpass geliefert hatte, indem er anmerkte, die deutsche Mannschaft müsse noch „geiler darauf werden, so eine Partie gewinnen zu wollen“. Mit dem Trainer habe das nichts zu tun: „Wir standen auf dem Platz und haben seine Vorgaben nicht zu 100 Prozent umgesetzt.“ Zu ebenjenem Prozentsatz aber würde die Mannschaft Löw weiterhin vertrauen.

Auch Medienkritik von Khedira

Und natürlich beteiligte sich Khedira auch an der Schelte, die schon Löw über Teile der Medien hatte niedergehen lassen. „Es wurden Dinge kritisiert, die nichts mit Sport zu tun hatten. Das war teilweise beleidigend“, sagte der 25-Jährige mit Blick auf Schlagzeilen wie „Memmen gegen Männer“ und „Luxus-Versager“. Ja, es war ein wahrer Sympathie-Ping-Pong, den Trainer und Mannschaft vor dem Argentinien-Spiel spielten. Das war zwar nicht sonderlich zielführend bei der Aufarbeitung des Ausscheidens bei der Europameisterschaft, wird aber zumindest für gute Stimmung hinter den Kulissen gesorgt haben. Khedira war jedenfalls „froh, dass sich Löw vor uns stellt“.

Doch so breit sich der Bundestrainer auch machte vor der Partie in Frankfurt: Verdecken kann er nicht, dass die deutsche Nationalmannschaft plötzlich in einem anderen Licht dasteht. Als „goldene Generation“ war sie nach Polen und die Ukraine gereist. Nun muss sie Acht geben, nicht zur „Generation Blech“ zu werden. Denn die Enttäuschung in Deutschland, trotz der Vielzahl an hochbegabten Kickern schon wieder keinen Titel gewonnen zu haben, ist weitaus größer als noch 2010 oder 2008.

Stellvertreterdiskussionen wie die um das Mitsingen bei der Nationalhymne oder um verhätschelte Nationalspieler zeigen, wie gekränkt das Land nach der Niederlage gegen Italien noch ist. Da ist es auch unerheblich, dass die Nationalelf vor dem Halbfinale 15 Pflichtspiele in Folge gewonnen hatte. Im entscheidenden Moment, so grummelt Volkes Bauch, hatte das Team wieder einmal versagt. Die deutsche Eliteauswahl ist also erstmals seit Jahren in der Bringschuld, und es gilt, neues Vertrauen aufzubauen.

Anlass gegen Fifa zu wettern

Doch just die erste Chance, durch eine beherzte Vorstellung ein Zeichen zu setzen, fällt auf den unbeliebtesten Termin des Fußballkalenders. Dass der Weltverband ausgerechnet kurz vor den Starts der Ligen zum internationalen Vergleich ruft, ist seit Jahren ein beliebter Anlass, gegen die Fifa zu pesten. „Schwachsinn“, nannte zum Beispiel Nürnberg-Trainer Dieter Hecking unlängst den Zeitpunkt, Christian Seifert von der Deutschen Fußball Liga (DFL) bezeichnete ihn als „Blödsinn“. Immerhin: Auf Druck der europäischen Klubs wird der Augusttermin in Zukunft abgeschafft.

Doch diesmal gilt es für die Spieler noch einmal, sich aus der laufenden Vorbereitung heraus für das Länderspiel zu motivieren. Dass anderthalb Wochen vor Beginn der Bundesliga niemand sein leibliches Wohl in die Waagschale werfen wird, ist dabei durchaus verständlich. Dasselbe gilt immerhin auch für den Gegner. Doch sollte Argentiniens Superstar Lionel Messi die deutsche Hintermannschaft zur Saisoneinstimmung vernaschen, werden die kritischen Töne in Deutschland kaum leiser werden.

Sechs Stammspieler fehlen

Mit Bastian Schweinsteiger (wird geschont), Manuel Neuer (angeschlagen), Philipp Lahm (erwartet Nachwuchs), Mario Gomez (operiert), Per Mertesacker und Lukas Podolski (beide starten am Sonnabend mit Arsenal in die englische Premier-League-Saison) fehlen gleich sechs potenzielle Stammspieler. Vielleicht war die Partie deshalb bis Dienstagmittag noch nicht ganz ausverkauft.

Dabei war es ausgerechnet Argentinien, gegen das die deutsche Mannschaft den Grundstein für die unvergleichliche Sympathiewelle legte, auf der sie zwei Jahre lang schwamm. Das 4:0 im WM-Viertelfinale in Südafrika war die wohl größte Fußballsensation, die Deutschland seit dem WM-Finalsieg von 1954 erlebt hatte. Mit einer unglaublichen Leichtigkeit düpierte Löws junge Truppe die südamerikanischen Fußballgrößen, dass die Fans vor Verzücken jauchzten. Nun bräuchte die DFB-Auswahl einen ähnlichen Kick. Übrigens noch so ein Wort mit zwei Bedeutungen. Wie „geil“…