Exportschlager

Deutsche Fußballprofis stehen im Ausland wieder hoch im Kurs

Die Transfers von Podolski und Marin zeigen, wie begehrt deutsche Spieler im Ausland sind und wie anders sie dort wahrgenommen werden.

Es sind bewegte Tage im englischen Fußball. Mit Roy Hodgson wurde endlich ein neuer Nationaltrainer benannt, außerdem galt es den von Liam Gallagher, Diego Maradona und weiteren 50.000 Stadiongängern euphorisch bejubelten 1:0-Derbysieg von Manchester City über Manchester United aufzuarbeiten, mit dem sich die Himmelblauen zwei Spieltage vor Schluss an die Spitze der Premier League setzten. Im Vergleich dazu sind die beiden jüngsten Einkäufe aus der deutschen Bundesliga natürlich nicht unbedingt Top of the News.

Häme und Lob auf der Insel

Registriert worden sind sie gleichwohl, und in den ersten Einschätzungen zeichnet sich ein gemischtes Stimmungsbild ab. Während Chelsea für seine Akquisition von Werder Bremens Marko Marin mancherorts Häme einstecken muss (der an sich seriöse „Independent“ schreibt von einem „lächerlichen Transfer“), wird Arsenal zum Erwerb von Lukas Podolski einhellig gratuliert. Einer wie der künftige Mitspieler Jack Wilshere mag als befangen gelten, sein Twitter-Eintrag jedoch fasst die Gemütslage ganz gut zusammen: „Großartiger Einkauf, Spitzenspieler – um so viele Einsätze für Deutschland zu machen, muss man schon halbwegs was drauf haben“, schreibt der Mittefeldmann.

95 Spiele sind es genau, die Podolski schon für die Nationalelf bestritten hat – aber ob das auch schon als so ein Gütesiegel verstanden worden wäre, als die deutsche Elf über die Fußballfelder der Welt rumpelte wie über ausgedörrte Kartoffelacker? Noch vor wenigen Jahren kamen für einen wie Arsenal-Manager Arsène Wenger allenfalls Torleute made in Germany in Betracht. Es war die Zeit, als der deutsche Fußball nicht nur ungewohnt erfolglos war (kein Europacup-Endspiel zwischen 2002 und 2009; Vorrunden-Aus bei EM 2000 und 2004), sondern vor allem in Tempo und Technik so veraltet daherkam, dass seine Spieler für höchste Ansprüche einfach nicht zu gebrauchen waren. Im WM-Kader 2006 etwa stammten nur neun der 23 Spieler aus Vereinen, die in derselben Saison an der Champions League teilgenommen hatten. Dieses Jahr wird Podolski (noch 1. FC Köln) zu den absoluten Ausnahmen gehören – aus der voraussichtlichen Stammelf spielte 2011/2012 sonst bloß noch Miroslav Klose (Lazio Rom) nicht in der Königsklasse des europäischen Fußballs.

Mourinhos Sehnsucht nach Schweinsteiger

Gerade international hat sich die Wahrnehmung deutscher Profis radikal verändert. Trainer José Mourinho würde seinem Duo Sami Khedira und Mesut Özil bei Real Madrid lieber heute als morgen weitere Teutonen zur Seite stellen, allen voran seine jahrelange Sehnsucht Bastian Schweinsteiger. Derweil konnte sich Marin, obwohl nach Blessuren und Formkrisen derzeit nicht mal ein sicherer Kandidat für den EM-Kader, zwischen Angeboten von Champions-League-Finalist Chelsea und Champions-League-Aspirant Tottenham Hotspur entscheiden. Podolskis Standing wiederum überlebte sogar Kölner Chaos und Abstiegskampf. 13 Millionen Euro zahlt Arsenal für den, wie Wenger sagte, „erwiesenen Leistungsträger auf Klub- und Länderebene“ und „wichtigen Teil unserer Zukunft.“ Dass diese neben ihm und Per Mertesacker, der seinen Landsmann per Videobotschaft willkommen hieß („Ich werde mit dir zur ersten Englischstunde gehen“) bald aus weiteren Deutschen bestehen könnte, ist keinesfalls auszuschließen.

Die Bundesliga steht auf der Insel als Beuterevier momentan generell hoch im Kurs. Jüngste Importe wie Demba Ba oder Demba Papiss Cissé (beide Newcastle United) haben sich rasant etabliert, dazu stimmt im Vergleich zu den teils absurd hohen Ablösen für mittelmäßige englische Kicker auch das Preis-Leistungs-Verhältnis. Als nächster könnte Dortmunds Shinji Kagawa folgen, an dem Manchester United erhöhtes Interesse haben soll – nur zu verständlich, wenn man Uniteds Darbietung im Derby zugrunde legt; sie war ideenlos und altbacken. Das Team konnte keine Torchance herauszuspielen.

Besonders an hochklassigen Kreativspielern herrscht auf der Insel akuter Mangel. Auch Chelseas heldenhaft ermauerter Finaleinzug in der Champions League ändert ja nichts am Befund, dass die Premier League derzeit spielerisch nicht das Maß aller Dinge ist. Schon seit einiger Zeit reagieren die Spitzenklubs darauf, indem sie alle spanischen Stars abgreifen, die nicht bei Barcelona oder Madrid unter Vertrag stehen. Bei City führt David Silva Regie, bei Arsenal oft Mikel Arteta, für Chelseas besondere Momente ist Juan Mata zuständig. Da jedoch selbst der spanische Fundus nicht unbegrenzt ist, richtet sich der Blick verstärkt auf Europas wohl zweitbestes Spielerreservoir – das in Deutschland lagert.

Klischees wurden pulverisiert

„Er ist ein aufregender Spieler, er ist technisch sehr gut“, befand Chelseas Trainer Roberto Di Matteo über Marin: „Er wird das Team mit einigen Qualitäten bereichern.“ Auch wenn das mancher Beobachter auf beiden Seiten des Kanals skeptischer sehen mag, verraten diese Sätze doch, wofür gerade die jungen deutschen Profis inzwischen stehen – für Spektakel, für guten Fußball. Mit der neuen Generation sind hartnäckigste Klischees binnen kurzer Zeit pulverisiert worden. Während man etwa nach dem Sieg der Bayern über Madrid in Deutschland überwiegend doch wieder auf die alten Erklärungsmuster Torwart und mentale Stärke zurückfiel, verneigten sich spanische Medien vor dem niveauvollen Fußball der Münchner.