Hamburger SV

Auch im Training treffen die Stürmer selten

Die Chronik eines Trainingstages. Die Verteidiger halten sich zurück, damit die Angreifer Selbstvertrauen tanken können. Tore fallen dennoch wenige.

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Nach der jüngsten 1:3-Pleite gegen den SC Freiburg wurde beim HSV vor allem geredet. Der Vorstand sprach mit der Mannschaft, der Trainer sowieso, aber auch die Spieler im Rahmen ihrer Trainingseinheiten am Stadion unter sich.

Es gab ein „Krisengespräch“ im Hotel „Gastwerk“ am späten Montagabend mit dem Mannschaftsrat – lediglich auf ein mannschaftsinternes Treffen außerhalb der HSV-Mauern verzichten die Profis in dieser Woche.

Denn, wie Trainer Thorsten Fink sagte: „Durchhalteparolen allein bringen nichts. Es gibt nur einen Beweis für das Können, und das ist das Tun. Damit müssen wir am Freitag in Wolfsburg anfangen.“ Im Training, so der Coach weiter, würden die Grundlagen für künftige Erfolge gelegt – und somit für den Klassenerhalt, der auf der Kippe steht.

Guerrero und Ingreso kommen als erste

Zwei Tage vor dem mit Spannung erwarteten Auftritt in der Volkswagen-Arena an diesem Freitag (20.30 Uhr, Sky live) sind 26 HSV-Spieler auf dem Trainingsrasen aktiv. Nur der leicht grippekranke Norweger Per Skjelbred fehlt.

Schon vor neun Uhr dreht der noch für sechs Spiele gesperrte Paolo Guerrero, der an Achillessehnenproblemen leidet, mit Nachwuchsspieler Kevin Ingreso Runden. Athletik-Trainer Markus Günther ist ebenfalls früh draußen und übt mit Ersatztorwart Tom Mickel, der wegen eines Mittelhandbruchs nur mit dem Fuß arbeiten kann.

Gegen 9.15 Uhr beginnt der sichtbare Arbeitstag der Assistenz-Trainer Frank Heinemann, Patrick Rahmen und Nikola Vidovic, die für das um zehn Uhr angesetzte offizielle Training Hütchen auf dem Platz verteilen. Um 9.51 Uhr schlendern die Abwehrspieler Heiko Westermann, Dennis Aogo und Dennis Diekmeier als Erste von der Umkleidekabine zum Platz. Der Jüngste der drei, Diekmeier, trägt die Bälle.

Trainer Thorsten Fink kommt gemeinsam mit Sportdirektor Frank Arnesen als Letzter zum Training. Es ist 10.07 Uhr, und die ersten Kiebitze fragen sich: „Wo ist Torwart Jaroslav Drobny?“ Der Tscheche hat in dieser Woche mit Muskelproblemen im Oberschenkel zu tun und tritt etwas kürzer.

Er verzichtet auf das Trainingsspiel und kommt erst um 10.42 Uhr, um mit Torwarttrainer Ronny Teuber eine Sonderschicht abzuhalten. Auf dem Trainingsplatz geht es ruhig zu. Thorsten Fink beobachtet in erster Linie, Sportdirektor Arnesen guckt vom zweiten Trainingsplatz aus zu und telefoniert unablässig.

Nach Flanken fallen keine Tore

An diesem Tag, so viel ist klar, wird nicht geknüppelt. Es gibt verschiedene Spielformen, den berühmten Kreis, einmal als sechs gegen zwei, auf einem anderen abgesteckten Bereich mit drei Viererteams. Um 10.51 Uhr beginnt der Part, der die etwa 80 Zaungäste besonders interessiert.

Auch der Zoom der fünf Fernsehkameras, die jede Bewegung verfolgen, wird schärfer gestellt. Beim Spiel „elf gegen elf“ ist die jeweils verteidigende Mannschaft angehalten, nicht zu aggressiv nach dem Ball zu jagen.

Auf einen Pfiff von Fink-Assistent Rahmen startet aus dem Passspiel heraus ein schneller Angriff, der dann fast ohne Abwehrspieler zu Ende geführt werden darf. Offenbar sollen sich die Stürmer einfache Erfolgserlebnisse holen. Das freilich gelingt nur sporadisch. Trotz vieler Chancen treffen allein Tomas Rincon für das A- und Heung Min Son für das B-Team.

Nach einer Viertelstunde werden die Tore auf die Strafraumgrenze nach vorn geschoben – nun geht es zur Sache. Die 2:0-Führung der Stammelf durch Treffer von David Jarolim und Marcus Berg gleichen die Reservisten durch Son und Gökhan Töre aus.

Der Türke trifft mit einem sehenswerten Freistoß. Auffällig: Hin und wieder wird das Spiel unterbrochen, um Standard-Situationen einzustreuen – dies ist eine Achillesferse des HSV in dieser Saison. Nach Flanken fallen bei diesem Training aber keine Tore.

Nach dem Ende der Übungseinheit um 11.28 Uhr schnappt sich Mladen Petric die Bälle. Der Stürmer schießt Freistöße aus 25 Metern. Bei 13 Versuchen muss Torwart Sven Neuhaus drei Tore zulassen. Der vorbeieilende Dennis Aogo darf sich auch einmal probieren – sein Schuss scheppert an die Latte.

HSV will nicht mehr so brav sein

Etwa eine Stunde später sitzt Mannschaftskapitän Heiko Westermann in der Pressekonferenz. „Wir haben in den letzten drei Wochen den Faden verloren“, analysiert der gebürtige Franke. „Jetzt wollen wir wieder die Kurve kriegen.“

Der HSV dürfe schon in Wolfsburg nicht mehr so lieb, nicht mehr so brav sein wie bei den drei aufeinander folgenden Niederlagen gegen Stuttgart (0:4), in Schalke (1:3) und eben gegen Freiburg. „Es ist kurz vor zwölf“, sagt Westermann.

Trainer Thorsten Fink pflichtet seinem Kapitän anschließend bei. „Wir haben aber auch alles in unseren Händen. Und das wollen wir auch nicht aus der Hand geben“, so der Trainer. Einen Sieg in Wolfsburg könne er nicht versprechen – aber seine Mannschaft soll zumindest alles dafür tun.

Nach dem Pressetermin verschwindet Fink im Büro des Vereinsvorstands. Für die Spieler ist der Arbeitstag beendet, nach und nach fahren sie nach Hause. Eine Handvoll Fans bittet noch um Autogramme. Fröhliche Gesichter sind eine Seltenheit, sowohl bei Anhängerschaft als auch bei den Profis. Eine Chance zu besserer Laune gibt es erst wieder am Freitag ab 20.30 Uhr.