8 Klubs, 7 Nationen

Europa-Romantik ist zurück in der Champions League

Seit 1999 war das Viertelfinale der Champions League nicht mehr so gut durchmischt. Doch mitten in der Ära der Kommerzialisierung halfen Ideen, alte Männer und Wunder.

Foto: WON / WON/Montage

Die alten Herren bewiesen erstaunliches Stehvermögen. Spät in der Nacht zum Donnerstag ließen sich einige Chelsea-Stars noch in einer Nobeldiskothek im Londoner Stadtteil Mayfair blicken, wie aus dem Ei gepellt grinsten Ashley Cole oder Didier Drogba in die Fotoapparate der Paparazzi.

Dabei lagen hinter ihnen 120 wilde Minuten Fußball, eine klassische Europapokal-Schlacht mit Irrungen, Wendungen und Wadenkrämpfen. Und danach noch ausgehen, Respekt. Andererseits haben Drogba, Cole und die anderen selbst ja nie behauptet, dass es mit ihnen zu Ende geht.

Das ist eher die externe Sicht der Dinge, und die bleibt prinzipiell richtig, auch nach der fulminanten Aufholjagd samt Happyend im Champions-League-Achtelfinale gegen Neapel. Jedoch ist der Tod einer Mannschaft noch einmal spektakulär verschoben worden.

Der 34-jährige Drogba, der 31-jährige John Terry, der 33-jährige Frank Lampard: Es waren just die prominenten Veteranen, die durch ihre Tore das 1:3 aus dem Hinspiel egalisierten , ehe Branislav Ivanovic kurz vor Ende der ersten Verlängerungshälfte den Siegtreffer zum 4:1 (3:1, 1:0) markierte.

Verdiente Recken drehen die Zeit zurück: ein klassischer Plot des Sports, und beileibe nicht sein schlechtester. Dem Abend an der Stamford Bridge wohnte großer Zauber inne, auch wenn Lampard im Mittelfeld von den flinken Neapolitanern überrannt wurde, auch wenn die vom angeschlagenen Terry befehligte Verteidigung nie so felsenfest stand wie zu den besten Zeiten des Südwestlondoner Bulldozer-Fußballs.

Stilistisch präsentierte Chelsea sich tatsächlich eher als Auslaufmodell, mit einer Mischung von Kick-and-Rush und der Brechstange, von hohen Bällen und noch mehr hohen Bällen. Doch das war gegen die in der Luft anfälligen Italiener taktisch durchaus vorteilhaft, und der Magie tat es auch keinen Abbruch, im Gegenteil. Der simple Fußball betonte umso mehr das eigentliche Geheimnis des Sieges: die schlichte Weigerung, Goodbye zu sagen.

Die sehr englische Art des Sieges akzentuierte damit auch einen Befund der Champions League 2011/2012: Europas Eliteklasse präsentiert sich vielfältiger als in früheren Jahren. Wenn am Freitag in Nyon (12 Uhr, Eurosport) die Viertelfinal- und Halbfinal-Ansetzungen ausgelost werden, befinden sich Klubs aus sieben verschiedenen Ländern in den acht Loskugeln.

Das gab es noch nie, seit 1999 das aktuelle Format mit bis zu vier Startern aus den stärksten Ligen eingeführt wurde. Nur Spanien stellt mit Titelverteidiger und Topfavorit FC Barcelona sowie Real Madrid noch zwei Teilnehmer, dazu kommen neben Deutschland (Bayern) und doch noch England (Chelsea) auch Italien (AC Milan), Frankreich (Marseille), Portugal (Benfica) und, genau, Zypern.

Apoel Nikosias Erfolge gegen alle Wahrscheinlichkeiten und Budgettabellen haben dieser Europapokal-Saison eine romantische Note gegeben, die in Zeiten der Komplett-Kommerzialisierung gar nicht mehr möglich schien. Auch die unglücklich ausgeschiedenen Neapolitaner waren bei ihrem ersten Auftritt seit Maradonas Tagen eine große Bereicherung für das jahrelange Champions-League-Einerlei der immergleichen englischen, spanischen, italienischen und bayerischen Vereine.

Mit einem unkonventionellen 3-5-2-System und dem herrlich anarchischen Offensivtrio Ezequiel Lavezzi, Marek Hamsik und Edinson Cavani warf Napoli in der Gruppenphase überraschend Manchester City aus dem Rennen, den reichsten Klub der Welt. Den zweitreichsten, Chelsea, brachte es immerhin an den Rand des Abgrunds. Etwas mehr Kaltblütigkeit vor dem Tor, ein bisschen mehr Lufthoheit im eigenen Strafraum – und an der Stamford Bridge hätten die Italiener gefeiert.

Chelsea-Coach Di Matteo auf Kuschelkurs

So jedoch fiel Chelseas neuer Trainer Roberto Di Matteo nach dem Schlusspfiff jedem seiner Spieler um den Hals, dem er nur habhaft werden konnte. „Ich habe schon ein paar große Nächte erlebt“, sagte der Italiener, als Aktiver mit dem Verein unter anderem 1998 Europapokalgewinner der Pokalsieger, „aber das heute war Klubgeschichte, mit dem Comeback nach einem Zwei-Tore-Rückstand“.

In der 20-jährigen Champions-League-Historie war es erst das vierte Mal, dass ein Team so einen Rückstand noch umbiegen konnte. „Eine unserer größten Nächte“, jubelte auch Kapitän Terry, der trotz Knieproblemen beispielhaft bis in die Verlängerung durchhielt: „Wir haben gezeigt, aus welchem Holz Chelsea geschnitzt ist“.

Wie viel der Sieg für Binnenklima und Image des kriselnden Klubs bedeutet, unterstrich Roman Abramowitsch, indem er nach dem Schlusspfiff von seiner Loge schnurstracks in die Kabine marschierte. Endlich mal wieder guter Stimmung: Bei seinen letzten Besuchen hatte der Klubmäzen seine kickenden Angestellten noch ins Gewissen geredet.

Wenn der Oligarch den ewigen Traum von Chelseas erstem Champions-League-Sieg schon immer weiter alimentiert, dann will er wenigstens nicht vorgeführt werden. Konkret: Wenn er schon wieder ein Riesendefizit schreibt, weil er einen der Mannschaft nicht genehmen Trainer entlassen musste, dann solle es sich wenigstens gelohnt haben.


Totale Blamage Englands vermieden

In der englischen Presse, euphorisch ob der vermiedenen Blamage eines Champions-League-Viertelfinals ohne Premier-League-Klub, wurde am Donnerstag noch genüsslich gegen den vor zwölf Tagen entlassenen André Villas-Boas nachgetreten. Der hatte das Team zu reformieren versucht, aber dazu ist es nicht in der Lage. Es kann es nur auf seine alte Weise: direkt, physisch. Die Frage ist. Wie gut können sie es noch?

Den Statements der alten, neuen Helden war der Wunsch anzumerken, die Nacht zum Wendepunkt einer problematischen Saison werden zu lassen. „Wenn wir mit diesem Willen und diesem Hunger spielen, können wir es mit jedem aufnehmen“, sagte Lampard.

„So ein Chelsea habe ich schon lange nicht mehr gesehen“, tönte der überragende Drogba. Di Matteo hat die Prätorianer wieder für die gemeinsame Sache gewonnen und die Blauen zumindest wieder auf wettbewerbsfähig getrimmt.

„Viele haben gesagt, das wird mein letztes Champions-League-Spiel“, so Drogba, „aber das Abenteuer geht weiter“. In dieser bunten Saison scheint plötzlich auch für Chelsea wieder alles möglich.