Champions League

Chelsea ist die letzte Hoffnung der Engländer

Roberto Di Matteo, Chelseas neuer Trainer, will das Schicksalsspiel gegen Neapel gewinnen. Damit will er eine historische Blamage der Engländer verhindern.

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Freunde? Roberto Di Matteo hat da klare Prinzipien. „Wenn jemand kommt und sagt, ‚Ich habe einen Freund von dir getroffen’, weiß ich, er ist ein Lügner. Ich habe keine Freunde.“

Der neue Trainer des FC Chelsea bezeichnet diese kühle Philosophie als Lebenshaltung, aber es war wohl eher kein Zufall, dass er sie just wenige Tage nach der Amtsübernahme kundtat. Immerhin hat es der 41-Jährige mit einem Kader zu tun, der landläufig als unbeherrschbarer Sauhaufen gilt. Da schien es ratsam, gleich mal Autorität zu markieren, um irgendwie noch zu retten, was vielen Experten zufolge nicht mehr zu retten ist.

Am Mittwoch kommt der SSC Neapel zum Achtelfinalrückspiel der Champions League an die Stamford Bridge, im Gepäck ein 3:1 aus dem Hinspiel , als die überschwänglichen Italiener ein schlaffes Chelsea einfach überrannten. Die Partie am Vesuv veranschaulichte zwei aktuelle Zyklen des kontinentalen Fußballs. Den eines zarten Comebacks der Serie A, und jenen des Verfalls der zuvor jahrelang dominanten Premier League.

"Nicht die beste Liga“

Schafft Chelsea nicht die Wende, wird erstmals seit 1996 kein englischer Vertreter im Viertelfinale des wichtigsten Europapokals stehen. Selbst in der Europa League wurde Tabellenführer Manchester United vorige Woche von Athletic Bilbao deklassiert, derweil der Zweite, Manchester City, bei Sporting Lissabon verlor.

Ex-Leitwolf Roy Keane bringt die Lehre der Saison auf den Punkt: „Sie mag die beste Marke sein, aber sie ist nicht die beste Liga“, sagt er über die Premier League.

Kaum ein anderer Klub wirkte dabei zuletzt so müde wie Chelsea. Quälend langsam vollzieht sich das Ende einer Ära, jener Mannschaft, die Jose Mourinho zwischen 2004 und 2007 mit den Millionen von Roman Abramowitsch aufbaute.

Bereits in der Vorsaison unter Trainer Carlo Ancelotti wirkte Chelsea vitaler in den Ränkespielen hinter den Kulissen als auf dem Platz. Und die Renovierungsarbeiten des von vielen Spielern boykottierten und vor zehn Tagen geschassten Andre Villas-Boas blieben letztlich zielloses Stückwerk.

Di Matteo war Assistent des entlassenen Portugiesen, aber er ist doch auch mehr als das: eine Chelsea-Figur, wenngleich der Vor-Abramowitsch-Zeit.

Bis ihn kurz nach der Jahrtausendwende die Folgen eines dreifachen Beinbruchs zum Karriereende zwangen, war der torgefährliche Mittelfeldspieler, 1996 für den damaligen Klubrekord von knapp fünf Millionen Pfund aus Italien verpflichtet, entscheidend mitverantwortlich für Titel in FA Cup, Ligapokal und Europapokal der Pokalsieger. Als er aufhören musste, wurde er in Chelseas Jahrhundertelf gewählt.

Diese Vergangenheit gilt als Bonus bei seiner aktuellen, von Klubseite bis Saisonende begrenzten Mission. Zwar taugt der reservierte „Mr. Cool“ („The Sun“) gewiss nicht zum Volkstribun, doch gerade diese nüchterne, betont stressresistente Art („Ich stehe weiter morgens auf und trinke Kaffee“) scheint bisher ganz gut anzukommen.

Di Matteo, neunter Chelsea-Trainer in ebenso vielen Jahren Abramowitsch, ist realistisch genug, zu wissen, was in den nächsten Monaten möglich ist und was nicht. Das Zukunftsthema ist erst mal verschoben, über Visionen wird nicht mehr gesprochen. Jetzt geht es darum, aus den Lampards, Drogbas oder Essiens noch einmal die letzten Reserven zu pressen.

Turnaround geschafft

„Wir müssen die Leidenschaft wieder entdecken, die Liebe zum Spiel, die Augen des Tigers“: Diese Botschaft will er den Kickern in langen Einzelgesprächen eingebimst haben. Seine ersten beiden Spiele brachten schon einmal eine gewisse Besserung, im Pokal wurde die nächste Runde erreicht , in der Liga durch einen Arbeitssieg über Stoke der Anschluss an die Champions-League-Ränge gewahrt.

Auch in der Berichterstattung hat Di Matteo den Turnaround geschafft. Wurde nach seiner Bestellung noch gelästert, der Vize sei bei den Spielern sogar unbeliebter als Villas-Boas, schreiben die Zeitungen nun von neuem Optimismus an der Stamford Bridge.

Am besten unter Interimstrainern

Man mag es ironisch finden oder bezeichnend – aber seit dem Abgang von Mourinho im Herbst 2007 funktionierte Chelsea immer am besten unter Interimstrainern . Avram Grant führte „die Blauen“ 2008 bis auf einen Elfmeter an den Champions-League-Sieg (John Terry rutschte aus), Guus Hiddink sie 2009 bis auf wenige Sekunden in ein erneutes Champions-League-Finale (Iniesta traf für Barcelona in der Nachspielzeit).

Offenbar bekommt es dieser schwierigen Mannschaft am besten, wenn niemand groß an ihrer DNA herumdoktert.

Im Umfeld wird bereits diskutiert, ob sich Di Matteo sich mit einem Triumph über Neapel eine Festanstellung erspielen könnte. Anderenfalls träumen viele Fans von einer Rückkehr Mourinhos, sie haben froh registriert, dass der Portugiese kürzlich beim Hauskauf in London gesichtet wurde. Aber ob der „Special One“ sich Chelsea wirklich noch einmal antun will? Egal, wie es gegen Neapel ausgeht, die Probleme sind bloß vertagt.