Real Madrid

Mourinho verbannt Sahin – aber lässt ihn nicht gehen

Während sich Özil und Khedira bei Real zu Weltstars entwickeln, sitzt Sahin auf der Tribüne. In Dortmund hält sich das Mitleid in Grenzen: "Wir haben ihn gewarnt."

Foto: dapd/DAPD

Gute Nachrichten empfangen den Besucher auf Nuri Sahin s Webseite. "Sahin zum besten Spieler der Saison gekürt" steht dort, und der Erwählte reckt dazu freudig den Daumen in die Höhe. Die Meldung stammt vom 27. Mai 2011. Es ist der letzte Eintrag.

Aber was hätte auch geschrieben werden sollen seither – in einem verlorenen Jahr? Wenn Real Madrid am Mittwoch in der Champions League gegen ZSKA Moskau antritt, um nach dem 1:1 im Hinspiel den Einzug ins Viertelfinale perfekt zu machen, wird der beste Bundesligaspieler der Saison 2010/2011 wieder nur auf der Tribüne sitzen. Wie schon so oft seit seinem Wechsel in die spanische Hauptstadt.

Ein einziges Mal ist er in der Primera Division für die "Königlichen" aufgelaufen – am 12. Spieltag wurde er beim Stand von 6:1 gegen Osasuna eingewechselt und durfte noch 23 Minuten mitspielen. Im Pokal und in der Champions League kam er ebenfalls zu Einsätzen, zuletzt am 20. Dezember in der "Copa del Rey" beim 5:1 gegen Drittligist Ponferradina. Im Jahr 2012 ist er der einzige Spieler von Real Madrid, der noch nicht zum Einsatz kam.

Dabei war der in Lüdenscheid geboren Deutsch-Türke mit wehenden Fahnen nach Madrid gewechselt. Nicht nur, dass seine Kollegen ihn zum besten Akteur der vergangenen Saison gewählt hatten: Mit seiner Galaleistung hatte Sahin auch maßgeblichen Anteil daran gehabt, dass Borussia Dortmund Deutscher Meister geworden war.

Vertrag bis 2017

In 30 Spielen hatte er sechs Tore erzielt und acht Treffer vorbereitet. Im Wettbieten der Großklubs setzte sich schließlich Real Madrid durch und überwies die festgeschriebene Ablöse von zehn Millionen Euro für den heute 23-Jährigen. Ein vermeintliches Schnäppchen. Doch das sitzt nun auf der Bank – und das mit einem Vertrag bis 2017 in der Tasche.

Das Mitleid der Dortmunder hält sich in Grenzen, wenn sie über ihr einstiges Wunderkind sprechen. Bekniet haben sie ihn damals zu bleiben, und waren finanziell an ihre Schmerzgrenze gegangen.

"Wir haben ihn gewarnt und geraten, bei uns zu bleiben. Aber wenn Real ruft, bist du machtlos. Nuri war nicht zu halten", sagt BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke Morgenpost Online. Bei der Borussia sei das Spiel auf den Mittelfeldmann zugeschnitten gewesen: "Dass das in Madrid auch so sein würde, damit war wohl kaum zu rechnen."

Ein Telefonat mit Trainer Jose Mourinho soll den Ausschlag gegeben haben für Sahins Entschluss, seinen Heimatklub zu verlassen, in dem er seit 2001 gespielt hat. Jener Mourinho, der mit Blick auf seinen Sommereinkauf nun Sätze sagt wie: "Ich lasse keine Leute spielen, die ihre Leistung nicht bringen".

Viele Verletzungen

Das ist allerdings nicht fair: Zahlreiche Verletzungen hatten Sahin immer wieder zurückgeworfen, und als er endlich fit war, hatte sich die Mannschaft gefunden und spielte meisterhaft auf. Für Dortmunds ehemaligen Mittelfeldchef blieb kein Platz mehr.

Stattdessen spielt Sami Khedira (24) neben Xabi Alonso auf Sahins Position, der "Doppelsechs" vor der Abwehr. Sollte einer der beiden ausfallen, stehen Lassana Diarra und Esteban Granero als Vertretung bereit. Sahin rangiert bei Real nur unter "ferner liefen".

Khedira fast unverzichtbar

Khedira war ein Jahr vor Sahin zu den Madrilenen gewechselt, und das mit deutlich weniger Vorschusslorbeer. Doch der deutsche Nationalspieler bestritt auf Anhieb 25 Ligapartien in seiner ersten Saison und zählt mittlerweile zu Mourinhos Stammpersonal. Ebenso wie Mesut Özil, der mittlerweile unantastbare Spielgestalter.

Khedira und Özil entwickeln sich im Schmelztiegel der Fußballmacht Madrid endgültig zu Weltstars. Die anfängliche Skepsis, ob es die jungen Bundesligaspieler wirklich schaffen würden, sich beim Exzentriker Mourinho durchzusetzen, ist der Gewissheit gewichen: Ja, sie können es.

Selbst eine kleine Formkrise im vergangenen Herbst konnte Mesut Özil nichts anhaben. Als sich der Brasilianer Kaka aufschwang, das Zepter im Mittelfeld zu übernehmen, zog sein deutscher Konkurrent wieder an. Mittlerweile ist er unumstrittener denn je in einer Mannschaft, die den angeblich unbesiegbaren FC Barcelona in der Meisterschaft mittlerweile um zehn Punkte abgehängt hat und scheinbar mühelos dem Titelgewinn entgegenstrebt.

Auch in der deutschen Nationalmannschaft sind die beiden Real-Stars gesetzt. Nuri Sahin hingegen wird mittlerweile wohl mit seiner Entscheidung hadern, sich einst gegen Deutschland und für die türkische Mannschaft entschieden zu haben. Dort kommt er zwar zu Einsätzen, doch bei der Qualifikation zur Europameisterschaft scheiterten die Türken im Play-off gegen Kroatien, nachdem sie in der Gruppenphase zweimal gegen Deutschland verloren hatten.

Leichter in der Nationalelf

Als Sahin jüngst beim 1:2 im Testspiel gegen die Slowakei eine respektable Leistung zeigte, motzte Mourinho trotzdem: "Real Madrid ist um einiges besser als die Türkei. Ohne jemanden beleidigen zu wollen: Es ist leichter für ein Nationalteam zu spielen als für einen Klub wie Real."

Nun wird über Nuri Sahins Wechsel spekuliert. Nach Morgenpost Online-Informationen lagen Real Madrid bereits im Winter zahlreiche Anfragen für ihn vor. Doch Mourinho blockte alle ab: "Wir haben ihn nicht für sechs Monate, sondern für sechs Jahre geholt."

Auch in Dortmund soll darüber nachgedacht worden sein, Sahin zurückzuholen. Das dürfte aber spätestens seit der kostspieligen Verpflichtung von Marco Reus, der für 17 Millionen Euro von Borussia Mönchengladbach kommt, hinfällig sein. "Real wird ihn kaum für kleines Geld wieder abgeben. Bei uns ist eine Verpflichtung deshalb derzeit kein Thema", sagt Hans-Joachim Watzke.