Neuer DFB-Präsident

Wie Niersbach 1990 Platini bespitzelte

Wolfgang Niersbach ist zum neuen DFB-Präsidenten gewählt worden. Er war Sportjournalist und ist noch immer ein pfiffiger Hund mit dem Gen des Organisators.

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Der unvergessene ARD-Rateonkel Robert Lembke ("Was bin ich?") war ursprünglich Sportjournalist und hat als solcher schon seinerzeit erkannt: "Das Problem beim Fußball ist, dass die einzigen, die genau wissen, wie man spielen müsste, auf der Pressetribüne sitzen." Jetzt zieht der Fußball daraus endlich die Konsequenzen: Ein Sportjournalist wird DFB-Präsident.

Wolfgang Niersbach (61), der im Verband Deutscher Sportjournalisten (VDS) registriert ist unter der Mitgliedsnummer 1.500.211, übernimmt am Freitag in Frankfurt das Oberkommando über den mit 6,8 Millionen Mitgliedern größten Sportfachverband der Welt , und alle wesentlichen Fragen sind geklärt – bis auf eine: Wer ist dieser Niersbach?

Bevor wir uns mit einem tiefen Griff in den Fundus unserer persönlichen Erfahrungen auf die Suche nach einer Antwort begeben, wollen wir mit denen von Michel Platini beginnen. Der Uefa-Präsident wurde neulich von Morgenpost Online gefragt : Wie haben Sie Niersbach kennengelernt? "Ich habe ihn beschimpft", antwortete der Franzose.

"Hey, du Lump, verzieh dich!"

Das war 1990. Platini war Nationaltrainer, und bei einem Länderspiel gegen uns Deutsche schlich sich plötzlich der damalige DFB-Pressesprecher Niersbach hinter die Trainerbank, spitzte die Ohren und gab Platinis taktische Anweisungen an DFB-Teamchef Beckenbauer weiter. Platini sah es – und ging in die Luft: "Hey, du Lump, verzieh dich!"

Bis hierher steht also schon einmal fest: Niersbach ist ein pfiffiger Hund. Was Platini über den Spion im Schützengraben erzählt, deckt sich in puncto Ausgeschlafenheit und Organisationstalent jedenfalls mit dem, was schon der Sportjournalist B., VDS-Mitgliedsnummer 1.600.160, in seinen frühen Reporterjahren mit dem Kriegskameraden Niersbach an der Fußballfront erlebt hat – in jenen Pionierzeiten, über die der neue DFB-Chef sagt: "Ich habe den Journalismus in kleinsten Schritten von der Pike auf gelernt, angefangen mit einer Kurzmeldung über drei Zeilen."

So war es auch beim Schreiberling B., und als wir beide einen kompletten Satz unfallfrei formulieren konnten, ging es los. Mit A wie Ascochinga. Das war bei der WM 1978, in der argentinischen Pampa. Wir fuhren über eine Schotterpiste und endeten in der abgeschiedenen Friedhofsruhe eines Luftwaffenerholungsheims der Junta des Generals Videla.

Es gab kein Entrinnen

Unter einem Dach haben wir Journalisten dort mit Helmut Schöns Titelverteidigern wochenlang gelebt und erfolglos versucht, der Eintönigkeit dieser Einöde zu trotzen. Bei jedem Mittagessen klimperte Franz Lambert an seiner Orgel das Heimatliedgut herunter, und aus den Zimmern der Spieler erklang abends Udo Jürgens mit "Es wird Nacht, Senorita". Es gab kein Entrinnen.

Doch das größte Problem hatten wir Journalisten: Das Übermitteln der Texte. Es war noch die Zeit der Buschtrommeln, jedenfalls gab es im DFB-Camp nur ein Telefon – und um das schlugen sich – vor lauter Heimweh – die Spieler. Wir Griffelspitzer wären verloren gewesen. Aber wir hatten Niersbach.

Der war noch ein Jungspund beim Sport-Informations-Dienst, hatte das Gen des Organisators aber schon im Blut. Er verordnete uns einen Zeitplan, der strikt eingehalten werden musste, und Reporter B. tippte jeden Tag seinen Bericht über den Lagerkoller, anschließend ratterte Niersbachs Fernschreiber und sandte den Text gen Heimat.

Ein Mannschaftsspieler

Ohne die Übermittlungskünste Niersbachs wüsste Fußball-Deutschland bis heute nichts von der "Schmach von Cordoba"– und noch 1986, bei der WM in Mexiko, hat er als Chef der Faxzentrale im DFB-Quartier in Queretaro notfalls die Gelbe Karte gezückt: "Wo bleibt Dein Text?!"

"Ich war immer ein Mannschaftsspieler", sagt Niersbach heute, "kein Solist, eher Kapitän." Ja, er war unser Kapitän. Auch auf dem Platz. Damals, 1986, haben wir Journalisten gegen eine gefährliche Mischung aus Ex-Weltmeistern und WM-Zweiten, von "Bomber" Müller über Breitner bis Haller und Hölzenbein.

Wiederholt musste Torwart B. mit unfassbaren Reflexen die Schnitzer von Niersbach auswetzen, aber in Wahrheit hat der nur über den Ball gehauen, weil es für einen guten Zweck war: Für jedes Tor spendete ein Sponsor 1000 Mark für die Erdbebenhilfe in Mexiko. Schiedsrichter war Walter Eschweiler, und mit dem hat Niersbach dann noch ausgeheckt, dass am Ende so lange Elfmeter geschossen wurden, bis 27.000 Mark zusammen waren. Wir verloren 12:15.

Ein guter Mensch ist Niersbach also auch noch, und dass er zwei Jahre später die Seiten gewechselt hat, hinüber zum DFB, hat Letzterem nicht geschadet. Als Pressechef und "Kaiser"-Spion hat der gewiefte Wolfgang gleich mal den Weg zum WM-Sieg 1990 geebnet und als kontaktfähiger Kommunikator später beim WM-Sommermärchen 2006 so generalstabsmäßig die Drähte gezogen, dass der "Kaiser" zur Krönung von Niersbachs 60. Geburtstag plötzlich sein altes Liebeslied "Gute Freunde kann niemand trennen" zu singen begann.

Nicht nur gute Freunde hat der neue DFB-Präsident, sondern auch noch die richtigen – jedenfalls wird Niersbach allerorts geschätzt, sogar bis hin zum ehemaligen Bundespräsidenten. Das Bundesverdienstkreuz am Bande hat ihm der im vergangenen Jahr verliehen.

Aber zu der Zeit konnte Christian Wulff beim besten Willen noch nicht das Unbegreifliche ahnen, das sich Niersbach mittlerweile geleistet hat: Obwohl sein gutdotierter Vertrag als DFB-Generalsekretär noch bis 2016 gelaufen wäre, verzichtet er auf eine Abfindung und begnügt sich als DFB-Chef brav mit einer ehrenamtlichen Aufwandsentschädigung.

Er lässt sich nicht aufs Glatteis führen. Er kennt seine alten Brüder und Pappenheimer von den Medien – er weiß, wie wir ticken. Er ist einer von uns.