Giuseppe Bergomi

"Italien schaut neidisch auf die Bundesliga"

Giuseppe Bergomi, 48, spielte 519 Mal für Inter in der italienischen Serie A. Im Interview mit Morgenpost Online erklärt er, was er am deutschen Fussball beneidet.

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Morgenpost Online: Schaut Italien neidisch auf die Bundesliga?

Giuseppe Bergomi: Sehr sogar. Noch vor ein paar Jahren hatte ich Probleme damit, mir die Bundesliga anzuschauen – jetzt sehe und kommentiere ich die deutschen Teams wahnsinnig gerne. Die Stadien sind voll, es herrscht großer Enthusiasmus, der Stil verschob sich von Physis auf hochwertige Technik. Außerdem ist die Liga spannend und ausgeglichen, was dem Fußball ungemein gut tut.

Morgenpost Online: Die ersten drei sind punktgleich, der vierte besitzt nur einen Zähler Abstand. Bedeutet das größere Qualität?

Bergomi: Die Bundesliga sollte mit ihren 18 Teams als Beispiel für andere Länder dienen. Eine höhere Anzahl an Klubs mindert die Qualität und vergrößert den Leistungsgraben. Weniger Teams bedeutet, dass sich die Profis qualitativ besser verteilen. In Italien spielen allein in den ersten drei Ligen absurde 78 Klubs, einige davon nahe am Bankrott. Eine Reform wäre nötig, doch hier mahlen die Mühlen bekanntlich langsam.

Morgenpost Online: Wo sehen Sie die Serie A im Vergleich zur Bundesliga?

Bergomi: Strukturell erachte ich den Calcio als schwerkrank und die jüngsten Skandale fügten ihm einen immensen Imageschaden zu. In puncto Taktik liegt Italien mit seinen exzellent ausgebildeten Trainern dennoch vor Deutschland. Und ich denke, dass Premier League, Liga und die Serie A global immer noch eine größere Faszination ausüben als die Bundesliga. Es kommen zwar weniger Superstars als zuvor, in dieser Kategorie liegt Italien aber trotzdem vorne. Doch Deutschland produziert seine Stars zuletzt ja vorbildlich selbst. Die deutsche Nationalelf zu sehen, ist ein Hochgenuss und versöhnt mich mit dem Fußball.

Morgenpost Online: In Europa liegt der letzte deutsche Kluberfolg allerdings schon länger zurück...

Bergomi: Zuletzt gewann Bayern 2001 die Champions League, doch die Münchner gehören regelmäßig zu den stärksten Teilnehmern . Eine weitere deutsche Fußball-Macht hat sich daneben nicht etabliert. Dortmunds Spiel gefällt mir sehr, der BVB schied aber in einer machbaren Gruppe wegen mangelnder Erfahrung aus. Mit dem phantastischen Reus sehe ich neben dem FCB kurzfristig nur Dortmund als potenzielle Größe, wenn man die Topspieler halten kann. Der ökonomische Aspekt spielt allem voran freilich eine signifikante Rolle: Die Bundesliga arbeitet finanziell exemplarisch, während andere Top-Klubs tiefrote Zahlen schreiben.

Morgenpost Online: Wird sich mit dem Financial Fairplay etwas ändern?

Bergomi: Wenn man die geplanten Normativen respektiert, muss die Bundesliga international zwangsläufig an Wettbewerbsfähigkeit gewinnen.

Morgenpost Online: Dann würde ein Ibrahimovic demnächst also nicht zu Milan, sondern nach Deutschland wechseln?

Bergomi: Ich denke, dass sich am Gefüge der Top-Teams mittelfristig kaum etwas ändert. Wenn, dann also höchstens zu den Bayern.