Der traurige Abgang von Michael Ballack

Nach dem Aus in der Nationalelf naht für Michael Ballack auch in Leverkusen das Ende. Wie es für den Capitano weitergeht, kann er derzeit nicht einmal selbst sagen.

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Die Meinungen über Michael Ballack sind schon immer auseinander gegangen und seine Bewertung hat sich im Laufe der Zeit verändert. Aber eine Konstante scheint es doch zu geben in seiner Karriere – er hält eine ganze Menge von sich selbst. „Dem kann man nichts mehr sagen, der ist schon Weltmeister“, befand der Kollege Christian Ziege über ihn. Man schrieb das Jahr 2000.

Zwölf Jahre später haben es auch Rudi Völler und Wolfgang Holzhäuser aufgegeben. Zwar ist Ballack immer noch nicht Weltmeister, aber deshalb lässt er sich noch lange nicht mehr sagen. Eher weniger, wie Sportdirektor und Geschäftsführer von Bayer Leverkusen am Mittwoch feststellten, als sie den mittlerweile 35-jährigen Ex-Capitano zu einer Aussprache baten. Ob es denn nicht möglich sei, öffentlich mal ein paar nette Sätze zu sagen – der kriselnde Klub, die ausgepfiffene Mannschaft, der wackelnde Trainer, sie alle könnten gerade etwas Zuspruch gebrauchen von einer Autorität wie ihm. Doch Ballack weigerte tags darauf sich rundheraus. Was das Fass bei Holzhäuser zum Überlaufen brachte.

Dem Kölner „Express“, der das ergebnislose Treffen in seiner Freitags-Ausgabe beschrieb, gab der Bayer-Geschäftsführer gleich noch die passenden Einschätzungen dazu, Tenor: Man habe sich in Ballack getäuscht und sei von ihm enttäuscht. Gegenüber der „Welt“ präzisierte er seine Fundamentalkritik: „Das Projekt Ballack ist nicht aufgegangen, das muss man klar so sagen.“ Man habe sich in den 20 gemeinsamen Monaten „oft vor Michael gestellt, gerade auch in den Momenten, in denen wir gedacht haben, dass er ungerecht behandelt wird. Aber irgendwann kommt dann auch mal der Punkt, an dem an die Sache rational herangegangen und geschaut werden muss, ob das Projekt noch Sinn macht.“

Mit anderen Worten: Die Liaison von Bayer Leverkusen und Michael Ballack könnte jeden Tag beendet sein. Und was vielleicht noch eklatanter ist: Ballack hat auch seine letzten Freunde im deutschen Fußball verloren.

Viel Geduld bei Bayer

Denn in Leverkusen haben sie ihn ja wirklich immer verteidigt, vor, während und nach seiner schmerzhaften Scheidung von der Nationalelf. Sie haben seine Allüren geduldet, die nach wie vor beachtlich sein sollen. Sie haben sogar ihren erfolgreichen Trainer Jupp Heynckes zu den Bayern ziehen lassen, weil der nicht mehr mit Ballack zusammenarbeiten wollte. Zuletzt lobbyierten sie monatelang beim DFB, um Ballack doch noch zu einem Abschiedsspiel zu verhelfen, Nationalelf gegen Bayer Leverkusen und so. Ballack tat das als „persönliche Sache“ der beiden Bayer-Manager ab, an der er kein Interesse habe. Das war ehrlich, aber es verletzte Eitelkeiten, und auch auf die muss man manchmal Rücksicht nehmen in einer Freundschaft.

Holzhäuser und Völler bestärkte die Episode jedenfalls im Eindruck, dass ihre Beziehung zu Ballack in eine Einbahnstrasse eingebogen war. Sie gaben, Ballack nahm. Nie umgekehrt. Als Ballack dann am Sonntag nach seiner Auswechslung gegen Mainz kopfschüttelnd sowie ohne Handschlag mit Coach Robin Dutt den Platz verließ und dadurch die Animositäten des Publikums gegen Trainer und Team beförderte, analysierte der gewöhnlich gutmütige Völler spitz: „Ich hätte ihn schon in der Halbzeit ausgewechselt.“

Tatsächlich bot Ballack eine schwache Vorstellung, aber die Frage ist, ob er das selbst auch so wahr genommen hat. Ob er wirklich schon verinnerlicht hat, dass er 35 ist und seine größte Zeit unwiederbringlich vorbei. Holzhäuser findet: nein. „Michael ist auf keinem guten Weg, er ist uneinsichtig“, sagt er.

Wer auch seine letzten Fürsprecher verärgert, der wirkt wie ein alter, verbitterter Greis, der am Ende alleine stirbt. Und wie im Familiendrama droht die Entfremdung zwischen Klub und Ballack zu einer Schlammschlacht auszuarten. Auf die bereits heftigen Worte Holzhäusers reagierte Ballacks Berater und Sprachrohr Michael Becker am Nachmittag nämlich mit einer Ausweitung der Kampfzone.

Der Agent, der sich bereits beim DFB durch diverse Verbalinjurien („Schwulencombo“) zur persona non grata erhoben hat, richtete die Aufmerksamkeit auf Dutt. Sein Mandant sei „doch nur das Bauernopfer“, sagte er: „Da es offenbar nicht möglich ist, sich derzeit von Robin Dutt zu trennen, musste man einen anderen Sündebock suchen, und den hat man dann in Michael gefunden.“ Der Quittung werde Bayer bald bekommen: „Diese Rechnung geht ebenso wenig auf, wie die mit Hanno Balitsch, der vor Weihnachten geopfert wurde, weil Ballack, Rolfes und Kießling eine Nummer zu groß waren.“

Wie sein Spieler und der Trainer Dutt nach diesen Äußerungen noch zusammenarbeiten sollen, weiß wohl nicht einmal der liebe Fußball-Gott. Zwar betonte Becker, dass Ballack sich den weiteren Aufgaben bis zum Vertragsende im Sommer stellen werde, aber offenbar haben beide wieder einmal nicht verstanden, dass ein Trainer größer sein kann als ein alternder Star – ob er Joachim Löw heißt oder „nur“ Robin Dutt. Schon im Fall Balitsch stärkten Holzhäuser und Völler dem Coach den Rücken: seinen Koffer packen musste vielmehr der angeblich aufmüpfige Spieler.

Agent beschuldigt Manager

Ebenso wenig dürfte auch Beckers Versuch funktionieren, die beiden handelnden Funktionäre auseinander zu dividieren. Während er Holzhäuser attackierte, versicherte er, dass Ballack mit Völler demnächst noch einmal das Gespräch suchen werde. Als Alliierter bleibt ihm am ehesten noch der Bayer-Konzern. Ballacks Rückholung im Sommer 2010 folgte nicht zuletzt Marketing-Erwägungen.

Dafür bekam der beste deutsche Fußballer der 00er-Jahre ein Gehalt wie zu besten Zeiten und die Aussicht auf lukrative Weiterbeschäftigung nach Karriereende. Laut der Nachrichtenagentur „sid“ soll Ballack Ende Februar als Aushängeschild einer aufwendigen Bayer-Kampagne präsentiert werden. Von Konzernseite hieß es auf Anfrage der „Welt“, man werde die neusten Entwicklungen nicht kommentieren. Jedoch war der Bayer-Gesellschafterausschuss zuletzt über jeden Schritt von Völler und Holzhäuser informiert.

Schon vor den jüngsten Wortgefechten galt als ausgemacht, dass Ballack beim Spiel in Bremen wegen Formschwäche nicht in der Startelf stehen wird. Michael Ballack ist kein Nationalspieler mehr, jetzt droht ihm auch noch ein unwürdiger Abschied vom Vereinsfußball. Vielleicht wäre es langsam an der Zeit, sich nicht mehr immer nur als Opfer zu sehen.