Bundesliga-Rechte

Der große Angriff auf die ARD-"Sportschau"

Das Wettbieten um die TV-Rechte beginnt. Die Telekom attackiert Sky, und das Internet gewinnt an Bedeutung: Gibt es die "Sportschau" bald bei "Bild.de"?

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Oft lässt sich Christian Seifert, 42, nicht in Bundesligastadien sehen. Am Freitag aber saß der Vorsitzende der Geschäftsführung der Deutschen Fußball Liga (DFL) in Mönchengladbach, um sich den Rückrundenauftakt der Borussia gegen den FC Bayern anzusehen.

Er verhielt sich neutral beim 3:1 der Gastgeber, obwohl es kein Geheimnis ist, dass er früher an (fast) gleicher Stelle der legendären Fohlenelf zugejubelt hat. Vielleicht hat Joachim Löw, der neben Seifert saß, so viel Ruhe ausgestrahlt. Zumindest zeigte die Nähe zum Bundestrainer, welchen Stellenwert der DFL-Boss mittlerweile genießt.

Eigentlich hat er derzeit keine Zeit für solche Ausflüge. Es bahnt sich Wegweisendes für den deutschen Fußball an, und Seifert ist der Mann, auf den es dabei ankommt. Bis Mai soll der neue Fernsehvertrag ausgehandelt sein, der festlegt, wer in den Jahren 2013 bis 2017 wo und wann Bundesligafußball zeigen darf. Die spannendste Frage dabei ist, ob es mehr Geld geben wird als bislang. Und ob die „Sportschau“ (ARD) den Bieterwettstreit überleben wird.

412 Millionen Euro pro Jahr

Der aktuelle Vertrag brachte den 36 Profivereinen in der Ersten und Zweiten Liga zuletzt 412 Millionen Euro pro Jahr aus der Inlandsvermarktung. Zusammen mit Auslandsrechten und anderen Lizenzen kamen 505 Millionen Euro zusammen.

Zum Vergleich: In Italien kommen rund 900 Millionen Euro aus der medialen Verwertung, die englische Premier League kassiert rund 1,2 Milliarden Euro. „In Sachen TV-Geld sind wir in der Liste der fünf größten Fußballnationen Europas derzeit Letzter. Von diesem Platz müssen wir wegkommen. Die anderen sind uns davon gelaufen. Wir waren da zu lange passiv“, sagt Karl-Heinz Rummenigge, Vorstandschef des FC Bayern, „Morgenpost Online“.

Warum verdienen andere Ligen so viel mehr? Weil zum einen die Entwicklung in der Auslandsvermarktung hierzulande lange verschlafen wurde. Während die Engländer in den 90er Jahren den asiatischen Markt eroberten, dämmerte die Bundesliga noch unter der Obhut des Deutschen Fußball-Bundes dahin. Zum anderen gibt es keine Pay-TV-Tradition im „Sportschau-Land“. Im Gegenteil: Hier gilt der Fußball als Kulturgut, das dem Zuschauer wie der Wetterbericht und das „Wort zum Sonntag“ kostenlos ins Haus geliefert werden muss.

Das könnte sich nun ändern. Noch bei der vergangenen Rechtevergabe schmiss sich das Kartellamt schützend vor die „Sportschau“ und untersagte einen TV-Vertrag, der den Klubs drei Milliarden Euro für sechs Jahre garantiert hätte. Voraussetzung: Die erste frei empfangbare Zusammenfassung der Samstagsspiele sollte nicht vor 22 Uhr ausgestrahlt werden, um das Pay-TV exklusiver zu machen.

Das Kartellamt schritt ein: Es müsse eine „zeitnahe Zusammenfassung“ im Free-TV geben, verkündeten die Wettbewerbshüter, ansonsten würden sie der zentralen Vermarktung der Bundesligarechte durch die DFL nicht zustimmen. Das hat der neue Kartellamtschef Andreas Mundt geändert.

Zwar muss die erste Zusammenfassung weiterhin vor 20 Uhr erfolgen, darf aber auch alternativ im Internet ausgestrahlt werden. Diese Entscheidung schlug in der Branche ein wie eine Bombe. Wer sich die Rechte für das Segment „Web-/Mobile-TV“ sichert und dort Erstzugriff auf jenen Bereich hat, der die „Sportschau“ bisher am Leben erhielt, wird seiner Internetplattform im Handumdrehen traumhafte Besucherzahlen bescheren. Und damit Werbeeinnahmen in neuen Dimensionen generieren.

Entsetzen bei der ARD

Bei der ARD sorgte die Nachricht für Entsetzen: „Diese Entscheidung ist nicht im Sinne der Zuschauerinnen und Zuschauer“, kritisiert die Vorsitzende Monika Piel prompt. Auch aus der Liga kam Unterstützung: „Die Sportschau ist eine heilige Kuh. Sie hat entscheidend dazu beigetragen, dass die Bundesliga so populär ist“, sagt Rummenigge.

Der ARD-Sportintendant Ulrich Wilhelm appelliert, „bei der Vergabe darauf zu achten, dass der Bundesliga-Fußball auch weiterhin eine Verbreitung erfährt, die seiner gesellschaftlichen Bedeutung und Verantwortung gerecht wird.“

Was die ARD-Oberen nicht sagen: Bislang haben sie das „wertvollste Medienrecht Deutschlands“ (Seifert) für vergleichsweise kleines Geld bekommen. Die rund 100 Millionen Euro pro Jahr, die das „Erste“ an die Liga zahlt, entsprechen umgerechnet 20 Cent pro Gebührenzahlen und Monat. Dafür bekommen die Zuschauer etwas ab 18.30 Uhr, das in Italien erst nach 22.40 Uhr und in Frankreich frühestens am Sonntagmorgen ausgestrahlt werden darf.

Zahlreiche Konzerne interessiert

Ein Recht, auf das auch andere Bieter scharf sind. Nach Informationen von „Morgenpost Online“ sind zahlreiche Konzerne am Bieterverfahren interessiert. Darunter Google, das die „Internet-Sportschau“ über Youtube ausstrahlen könnte.

Im Sommer übertrug die Plattform bereits den Supercup zwischen Dortmund und Schalke in diverse Länder. Auch Yahoo und der Axel-Springer-Verlag sollen Interesse an den Nicht-Live-Rechten haben. Letzterer könnte dafür die Internetplattform „Bild.de“ nutzen. „ Ich glaube noch nicht daran, dass die Yahoos und Googles dieser Welt soweit sind, die Qualität und vor allem die Quote zu garantieren, die wir brauchen“, sagt Karl-Heinz Rummenigge.

Für die „IPTV-Rechte“, also das Ausstrahlen über digitale Datennetze, das bisher in der Hand der Deutschen Telekom („Liga total“) war, sollen sich Vodafone und der spanische Kommunikationsriese Telefonica („O2“) interessieren.

Gemischte Gefühle

Die Telekom wiederum wird sich wohl zusätzlich in den Kampf um die Übertragungsrechte per Satellit einbringen – bislang das Hoheitsgebiet von „Sky“ und das Filetstück des TV-Vertrags. Derzeit steuert „Sky“ rund 225 Millionen zu den 412 Millionen Gesamteinnahmen bei. Zusammen mit dem Rechtehändler „Sirius“, den der verstorbene Medienmogul Leo Kirch aufgebaut hat, will sich die Telekom nun dieses Paket sichern.

In Ligakreisen wird das mit gemischten Gefühlen zur Kenntnis genommen. „Sky“ gilt als verlässlicher Partner. Verliert der Pay-TV-Sender die Liverechte an der Bundesliga, ist seine Existenz gefährdet. Zudem müssten die Abonnenten, die weiter Live-Fußball sehen wollen, sich binnen kurzer Zeit neue Empfangsboxen oder zumindest neue Empfangskarten besorgen.

„Wir wollen keine Fantasieangebote, bei denen den Bietern nach zwei Jahren die Luft ausgeht“, sagt Christian Seifert. DFL-intern soll eine Steigerung auf 450 Millionen Euro pro Jahr als realistisches Ziel gelten.