Kopftreffer

Ein Querschläger, dann wurde Prödl schwarz vor Augen

Jochbeinbruch, Oberkieferfraktur, Platzwunden: Neun schwere Gesichtsverletzungen haben die Liga aufgeschreckt. Die hohe Spielgeschwindigkeit befördert Unachtsamkeit.

Foto: Pressefoto ULMER/Claus Cremer

Es ist hohe Fußballkunst, ein kurzer Triumph über die Schwerkraft. Gefühlte 80 Prozent der „Tore des Monats“ fallen durch Fallrückzieher. Klaus Fischer, der Spezialist für diese Luftakrobatik, erzielte so gar das „Tor des Jahrhunderts“. Nur Sebastian Prödl wird künftig schlecht auf das Thema zu sprechen sein.

Am vergangenen Samstag lief die 23. Minute im Spiel zwischen dem 1. FC Kaiserslautern und Werder : Der Bremer Innenverteidiger hatte im gegnerischen Strafraum seine Chance gewittert. Ein Querschläger von links kam auf Höhe des Fünfmeterraums in seine Nähe. Er setzte zum Kopfball an – der Ball war das letzte, was Prödl sah, bevor ihm schwarz vor Augen wurde.

Zeitgleich hatte Gegenspieler Dorge Kouemaha versucht, per Fallrückzieher zu klären. Dass Prödl in seinem Rücken herangeeilt war, spürte der Stürmer erst, als sein Fuß den Werderaner voll im Gesicht traf. Er brach ihm den Oberkiefer und das Nasenbein, zudem erlitt der 24-Jährige eine Gehirnerschütterung. „Mir geht es dreckig“, schrieb er vom Krankenbett aus auf seine Homepage. Wer sich das Foto dazu ansieht, glaubt ihm.


Höwedes prallte mit Mitspieler Höger zusammen

Was schwere Gesichtsverletzungen angeht, befindet sich Prödl in prominenter Gesellschaft. Am selben Spieltag wurde der Schalker Kapitän Benedikt Höwedes mit einem Jochbeinbruch ins Krankenhaus eingeliefert – er war im Eifer des Gefechts mit seinem Mannschaftskollegen Marco Höger zusammengestoßen.

Bereits in der Hinrunde erlitten Michael Ballack, Maik Franz und Klaas-Jan Huntelaar Nasenbeinbrüche. Die schwere Platzwunde des Lauterers Christian Tiffert nach einem Ellbogencheck des HSV-Verteidigers Slobodan Rajkovic (der dafür Rot sah) musste noch auf dem Platz genäht werden. Dem Dortmunder Neven Subotic setzte sein Wolfsburger Gegenspieler Sotirios Kyrgiakos so arg zu, dass er mit Mittelgesichtsfraktur fünf Spiele ausfiel und immer noch drei Stahlplatten den Oberkiefer und die Augenhöhle stabilisieren.

Subotics Teamkollegen Sven Bender und Sebastian Kehl erwischte es in der Champions League: Gegen den FC Arsenal zog sich Bender einen doppelten Kieferbruch zu. Kehl hatte gegen Olympique Marseille noch Glück, dass er nach einem Tritt von Stephane Mbia mit einer schweren Prellung des Augapfels und des Jochbeins davon kam. „Ich sehe aus wie nach einem Kampf gegen beide Klitschkos gleichzeitig“, twitterte der BVB-Kapitän.

Eine mehr als zufällige Häufung


Insgesamt neun schwere Gesichtsverletzungen gab es bereits in dieser Saison. Zwar fehlen vergleichende statistische Erhebungen, doch die Häufung scheint mehr als Zufall zu sein. „Es ist schon auffällig, wie häufig sich Spieler derzeit im Gesicht verletzen“, sagt Klaus Eder, Physiotherapeut der deutschen Nationalmannschaft. Absicht stecke keine dahinter, sagt er „Morgenpost Online“, vielmehr sei das Spiel in den vergangenen Jahren immer schneller und athletischer geworden: „Es bleibt kaum noch Zeit, den Ball anzunehmen. Die hohe Spielgeschwindigkeit kann ein Grund dafür sein, dass unachtsamer gespielt wird.“

Zugleich scheinen die Schiedsrichter durch die Vielzahl an kniffligen Situationen zunehmend an ihre Grenzen zu stoßen – Kouemahas Tritt an Prödls Kopf beispielsweise blieb ungeahndet. „Das ist unfassbar für mich. Der Schiedsrichter hat mir in der Halbzeit gesagt, dass er es nicht gesehen hat. Wenn er sich die Bilder anschaut, wird er schon wissen, was Kouemaha gemacht hat“, zeterte Werder-Trainer Thomas Schaaf. Auch der dreimalige Weltschiedsrichter Markus Merk sprang Referee Robert Hartmann nicht bei: „Das war ein 100-prozentiger Elfmeter, da gibt es keine zwei Meinungen“, sagte der "Sky"-Experte.

Herbert Fandel, Vorsitzender der Schiedsrichterkommission des Deutschen Fußball-Bundes, beobachtet die steigende Zahl an Vergehen mit Gesichtsverletzungen mit Sorge. „Gerade Ellbogenvergehen haben wir seit geraumer Zeit auf der Agenda. Davon wird recht rücksichtslos Gebrauch gemacht“, sagte er „Morgenpost Online“.

Auch Fandel, bis 2009 als Bundesliga-Schiedsrichter aktiv, führt die höhere Grundgeschwindigkeit des modernen Fußballs als Grund an: „Das Spiel ist athletischer, schneller und aggressiver geworden. Dadurch kommt es auf dem Platz zu mehr Konfrontationen als früher. Für den Schiedsrichter ist es dabei oft sehr schwierig zu beurteilen, ob ein Foul absichtlich oder unabsichtlich geschieht.“ Von daher sei es auch schwierig, strengere Regelauslegungen zu fordern.


Cech spielt seit Jahren mit Gummihelm

International wird seit längerem über einen Kopfschutz für Fußballspieler diskutiert. Der tschechische Nationaltorhüter Petr Cech (FC Chelsea) spielt seit fünf Jahren mit einem Gummihelm, nachdem er sich im Oktober 2006 bei einem Zusammenstoß mit einem Gegenspieler einen Schädelbasisbruch zugezogen hatte.

„Viele ehemalige Fußballspieler leiden gegen Ende und nach ihrer aktiven Zeit an neurologischen Defiziten“, sagt der Schweizer Neurologe Reto Agosti. Nach Hunderten von Kopfbällen sei etwa die Hälfte der ehemaligen Profis von Spätfolgen betroffen: „Häufig ist die rechte Hirnhälfte beeinträchtigt, was zu einer Schwächung der räumlichen Orientierung führen kann.“ Ein Kopfschutz, wie Cech ihn trägt, würde das Risiko einer Gehirnerschütterung um mindestens 50 Prozent senken, sagt der Experte.

Sebastian Prödl wurde am Montag aus der Kaiserslauterer Klinik entlassen. Benedikt Höwedes hingegen wurde zeitgleich operiert. Immerhin hatte er nach dem 3:1-Sieg der Schalker über den VfB Stuttgart seinen Humor nicht verloren: „Drei Punkte sind im Sack, aber leider auch ein dreifacher Jochbeinbruch“, twitterte Höwedes aus dem Krankenhaus. Gute Besserung!