Kongress in Berlin

Fußballfans kämpfen um ihr Recht auf Feuerwerk

Am Wochenende hat die Iniative "ProFans" zum Treffen nach Berlin geladen. Vor allem in einem Punkt liegen sie mit DFB und DFL weit auseinander.

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Einen besseren Ort hätten die Veranstalter kaum auswählen können, zumindest was den Namen angeht. Im "Kosmos", einem ehemaligen Kino im Berliner Bezirk Friedrichshain, dreht sich am Samstag und Sonntag alles um den Fußball und seine Fans. Die Initiative „ProFans“, an der sich Fan- und Ultra-Gruppen aus ganz Deutschland beteiligen, hat zu diesem Fankongress, dem ersten seiner Art in Deutschland, geladen.

In Diskussionsrunden, Vorträgen und auch Workshops reden die Anhänger der schönsten Nebensache der Welt über die Zukunft des Fußballs an sich, aber auch darüber, welche Rolle die Fans in den kommenden Jahren im Millionenspiel Fußball einnehmen werden. Mehr als 500 Teilnehmer aus 60 Vereinen haben sich bereits angemeldet, rund 70 Referenten ihr Erscheinen zugesagt.


"Randalemeister" Frankfurt

Angesichts der Vorfälle im vergangenen Jahr erscheint eine solche Begegnung notwendiger denn je. Die Bilder vom „Deutschen Randalemeister“ aus Frankfurt, die unfassbaren Vorfälle aus Rostock, wo Fans des FC St. Pauli von Hansa-Chaoten mit Feuerwerkskörpern beschossen wurden, das immer wiederkehrende Szenario von brennenden Bengalos im Stadion, die Krawalle durch Dresdner „Fans“ beim DFB-Pokalspiel in Dortmund, zuletzt die Ausschreitungen beim Hallenturnier in Hamburg – alles Szenen, die dem Fußball an sich, vor allem aber den Personengruppen nicht gerade zu mehr Ansehen verholfen haben, die eigentlich für bedingungslose, aber faire Unterstützung ihrer Mannschaften stehen sollen und wollen.

Das Bild vom stets gewaltbereiten Stadiongänger hat sich dadurch in den vergangenen Monaten in der Öffentlichkeit mehr denn je verfestigt. Genau dieses Bild, ohne Zweifel verursacht durch einige wenige Fehlgeleitete und mitnichten durch die breite Masse der Anhänger, will der Kongress gerade rücken.

„Wir wollen Freiräume und Verantwortung, deshalb ist es an der Zeit, dass wir unsere Zukunft selber in die Hand nehmen“, sieht Philipp Markhardt, Pressesprecher von „ProFan“, den Kongress als logischen nächsten Schritte, nachdem im Oktober 2010 über 6000 Fußballfans in Berlin „Zum Erhalt der Fankultur“ demonstriert haben.


"Ohne uns kein Kick!"

Schon damals machten die Teilnehmer deutlich, dass der Fan ein elementarer Bestandteil im Stadion ist. Dass „Ohne uns kein Kick!“ stattfindet, wie auch das Motto von „ProFans“ heißt. Es soll diskutiert werden, analysiert, Ideen ausgetauscht und – ganz wichtig – Lösungsansätze entwickelt werden.

Dass die Initiative für einen solchen Kongress von den Fans selbst und nicht vom Deutschen Fußball-Bund (DFB), der Deutschen Fußball Liga (DFL) oder der Politik ausgeht, darf als gutes Zeichen gewertet werden. Es soll miteinander geredet werden, nicht übereinander.

So haben neben DFL-Geschäftsführer Holger Hieronymus auch der DFB-Sicherheitsbeauftragte Henrik Große Lefert sowie der DFB-Fanbeauftragte Gerhard von Gorrison ihr erscheinen angekündigt. Hieronymus sieht dies als „Signal, dass wir an einem konstruktiven Dialog weiter interessiert sind“.

Doch irgendwie passt es ins Bild, dass sich noch vor Beginn der Veranstaltung die Gemüter schon wieder erhitzen. Von bewusster Stimmungmache vor dem Kongress ist sogar die Rede. Stein des Anstoßes ist eine Umfrage, die DFB und DFL zum Thema Einsatz von Pyrotechnik im Stadion in Auftrag gegeben hatten. Demnach würden 84,4 Prozent der Fußballinteressierten das Abbrennen von Pyrotechnik ablehnen.


"Kein Bestandteil der Fankultur"

Verband und Liga fühlen sich dadurch bestätigt, ihr Verbot aufrechtzuerhalten. „Die an Deutlichkeit kaum zu überbietende Meinung der Fans unterstützt die konsequente Haltung von DFB und DFL. Der gefährliche Einsatz der Pyrotechnik ist nicht, wie immer behauptet, ein Bestandteil der Fankultur – das unterstreichen die ermittelten Zahlen ausdrücklich“, sagte Hieronymus.

Es liegt auf der Hand, dass die Fans dies natürlich völlig anders sehen. Die Fragestellung in der Umfrage sei suggestiv, die Möglichkeit, nur mit „Ja“ oder „Nein“ zu antworten, spiegele „zudem nicht die Komplexität wider, welche das Thema insgesamt aufweist“, heißt es in einer Stellungnahme von „ProFans“.

Auch hinterlasse die Veröffentlichung der Umfrage im Vorfeld des Fankongresses „einen faden Beigeschmack, wenn die DFL-Geschäftsführung gleichzeitig die Wichtigkeit eines Dialogs mit den Fans betont“. Laut „ProFans“-Sprecher Markhardt „leisten die Ergebnisse dieser Studie aus unserer Sicht in der Gesamtdebatte keinerlei inhaltlich verwertbaren Beitrag. Vielmehr wirft dieses Vorgehen für uns neue Fragen auf.“


Rückkehr zur Sachlichkeit?

Zum Beispiel, was DFB und DFL mit der Veröffentlichung der Umfrage zu diesem Zeitpunkt bezwecken. Oder warum eine solche Meinungsumfrage überhaupt in Auftrag gegeben wurde, obwohl der DFB die Gespräche mit den Fans zum Thema Pyrotechnik bereits im November vergangenen Jahres für beendet erklärt hatte – nachdem er die Fans selbst zu einem Dialog eingeladen hatte.

„Wir fordern an dieser Stelle erneut die Rückkehr aller Beteiligten zur Sachlichkeit in den betreffenden Themenfeldern und stehen weiterhin für seriöse, an Lösungen orientierte Gespräche bereit“, sagte Markhardt. DFL-Geschäftsführer Hieronymus ließ jedoch schon durchblicken: „Wir haben keine Lösung des Problems.“

Ob das so genannte norwegische Modell eine solche Lösung bieten kann, bleibt abzuwarten. Es sieht vor, Bengalos und römische Lichter vor dem Anpfiff eines Spiels auf dem Spielfeld abbrennen zu dürfen. Natürlich nur mit entsprechender Erlaubnis von Polizei, Feuerwehr und des Stadionbetreibers. Stadionbesucher auf den Rängen würden dadurch weit weniger gefährdet werden. Die Gefahren an sich, die beim Abbrennen solcher Bengalos nicht wegzudiskutieren sind, bleiben dennoch bestehen.


Verhärtete Fronten

Wer will sich schon gern von 1000 Grad heißen Fackeln verbrennen lassen. Auch ein kontrolliertes Abbrennen, das laut Fans möglich sei und deshalb auch immer wieder als ein Argument für die Legalisierung der Zündelei im Stadion angeführt wird, kann solche Temperaturen nicht verhindern. Die Fronten in dieser Diskussion sind verhärteter denn je.

Vor diesem Hintergrund treten diverse andere Themen, die auf dem Fankongress erörtert werden sollen, fast schon in den Hintergrund. Themen wie „Stradionverbote: Präventivmaßnahme oder Ersatzstrafrecht?“, die „Fankultur als soziales Phönomen“, wo über die Bedeutung von Ultra-Gruppen über das Fußballspiel hinaus gesprochen werden soll, und auch die Identifikation der Fans mit ihrem Verein in Zeiten des modernen Fußballs werden durchleuchtet.

Die Sorge, dass Vereine mehr und mehr zu Marken oder gar Konzernen umfunktioniert werden (wie bereits in Leipzig durch einen österreichischen Brausehersteller geschehen), steht dabei im Vordergrund. Der Gesprächsbedarf ist jedenfalls groß, im Kosmos der Fußballfans.