FC Brügge

Christoph Daum träumt von der Premier League

Brügges Trainer Christoph Daum spricht im Interview mit Morgenpost Online über den Titelkampf in der Bundesliga, Gegner Hannover 96 und die beste Liga Europas.

Morgenpost Online: Herr Daum, im Rahmen seiner Vorstellung bei Hertha BSC überraschte Michael Skibbe mit der Aussage , dass Eintracht Frankfurt mit ihm „nie im Leben“ aus der Bundesliga abgestiegen wäre und es ein Fehler gewesen sei, ihn durch Sie zu ersetzen. Haben Sie sich darüber geärgert?

Christoph Daum: Wenn das die Meinung von Michael Skibbe ist, dann soll er sie ruhig vertreten. Es ist ja möglich, dass er damit Recht hat. Zumindest kann ich ihm das Gegenteil nicht beweisen. Warum sollte ich also widersprechen?

Morgenpost Online: Aber es gehört sich doch nicht, unter Berufskollegen so nachzutreten.

Daum: Michael Skibbe hat bei Eintracht Frankfurt ganz sicher gute Arbeit abgeliefert und ich habe vor meiner Zusage ja sogar noch versucht, Vorstandschef Heribert Bruchhagen zu überreden, ihn zu behalten. Ich habe gesagt: ‚Heribert, warum willst du nach einem Sieg gegen den FC St. Pauli den Trainer entlassen? Überlege dir das lieber noch mal.’ Aber er meinte, das sei beschlossene Sache und wenn ich es nicht mache, dann würde er einen anderen holen. Ich konnte ihn leider nicht überzeugen und dachte mir, wenn es überhaupt kein Zurück gibt in dieser Entscheidung, dann versuche ich, dem Verein und Heribert Bruchhagen zu helfen. Leider ist es anders gekommen, das war für alle Beteiligten enttäuschend.

Morgenpost Online: Für Sie bedeutete es den ersten Abstieg aus der Bundesliga – und einen Imageverlust als Trainer.

Daum: Sehen Sie das so? Als ich nach Frankfurt kam, steckte der Verein in einer schwierigen Situation. Verschiedene Faktoren haben dazu geführt, dass der Klassenverbleib nicht erreicht wurde: die Verletztenmisere, die Formschwächen einiger Leistungsträger und dann hat uns sicher auch das nötige Glück gefehlt. Auch diese bittere Erfahrung hat mich wieder weiter gebracht.

Morgenpost Online: Bereuen Sie im Nachhinein Ihr zweimonatiges Engagement?

Daum: Ich bin fest davon überzeugt, dass mich jede Erfahrung weiter bringt. Ob das Lob oder Kritik ist, ob das Erfolge oder Misserfolge, ob das Titelgewinne oder so enttäuschende Momente wie der Abstieg mit Eintracht Frankfurt sind.

Morgenpost Online: Würden Sie das Kapitel Bundesliga für sich als abgeschlossen betrachten?

Daum: Nein. Die Topliga in Europa ist für mich die Premier League, dann kommt schon die Bundesliga und dahinter mit Abstrichen Spanien, Italien und Frankreich. Daher hat die Bundesliga für mich nach wie vor einen sehr hohen Stellenwert. Aber das sollte für jeden gelten, der in diesem Konzert mitmischt. Ein Klub in der Bundesliga ist immer eine gute Adresse.

Morgenpost Online: Haben Sie das Ziel, zurückzukehren?

Daum: Ich lasse diese Dinge auf mich zukommen, arbeite nicht mehr so sehr mit persönlichen Zielsetzungen. Denn dann könnte sich eine Unzufriedenheit einschleichen, wenn ich diese Ziele nicht in einem gewissen Zeitrahmen erreiche. Ich bin einfach glücklich darüber, was ich dem Fußball habe geben können, und ich habe in meinem Leben auch sehr viel vom Fußball zurückbekommen.

Morgenpost Online: Wenn Sie schon nicht mit Zielen arbeiten, haben Sie denn noch Träume?

Daum: Ich laufe nichts und niemandem hinterher. Aber es gibt genügend spannende Aufgaben. Für mich wäre es ein Traum, in der Premier League zu arbeiten. Aber es ist schwierig, dort Fuß zu fassen. Ich war vergangenes Jahr für längere Zeit in England, um Kontakte herzustellen, aber daraus hat sich nichts Konkretes ergeben. Sicher würde es mich auch reizen, eine Nationalmannschaft bei einem großen Turnier, einer Welt- oder Europameisterschaft, zu begleiten.

Morgenpost Online: Im November haben Sie eine neue Herausforderung in Belgien angenommen. Was ist drin mit dem FC Brügge?

Daum: In diesem Klub hat es viele Veränderungen gegeben, in der Organisation sowie innerhalb des Kaders. Elf Spieler sind im Sommer gegangen, zwölf Spieler wurden verpflichtet. Ich bin nach dem ersten Saisondrittel als Trainer geholt worden. Da will ich nicht gleich einen Titelanspruch formulieren. Wenn man das so vorgibt, dann heißt es immer gleich: ‚Toll, der ist richtig ehrgeizig, der will mit das Maximum mit aller Macht erreichen.’ Aber das ist nicht vernünftig. Wir sind Dritter, mein Anspruch ist es, dass wir uns in der Spitzengruppe etablieren und erneut den internationalen Wettbewerb erreichen. Am liebsten die Champions League. Aber ich werde nicht vollmundig den Titel als Ziel ausrufen. Dann wäre der zweite Platz schon eine Enttäuschung. Wir müssen uns finden und diese Entwicklung muss nicht verbal beschleunigt werden, sondern durch Arbeit.

Morgenpost Online: Im Sechzehntelfinale der Europa League treffen Sie auf Hannover 96. Was ist drin für Sie und den FC Brügge?

Daum: Das sind offene Spiele. Ich schätze die Qualität meiner Mannschaft so ein, dass sie in der Bundesliga um einen einstelligen Tabellenplatz kämpfen würde, wenn es gut läuft. Hannover hat im Vergleich zu uns den Vorteil, in einer stärkeren Liga zu spielen und Woche für Woche auf hohem Niveau gefordert zu werden. Die Bundesliga weist eben eine größere Leistungsdichte auf als die Jupiler League. Wir werden versuchen, in diesen Spielen über die Grenzen hinaus zu gehen und mit einer außergewöhnlichen Leistung am Ende ein außergewöhnliches Erlebnis zu haben. Ich bin gespannt darauf .

Morgenpost Online: Wie schätzen Sie Hannover 96 ein?

Daum: Der Verein hat eine sensationelle Entwicklung durchlaufen. Ich habe großen Respekt davor, wie Präsident Martin Kind diesen Klub zu einem gesunden Wirtschaftsunternehmen aufgebaut hat. Jörg Schmadtke erledigt im Management einen sehr guten Job und Trainer Mirko Slomka – das muss man einfach anerkennend feststellen – hat das Optimum aus der Mannschaft herausgeholt. Der Verein strahlt auf mich Ruhe aus.

Morgenpost Online: Und sportlich…

Daum: …zahlt es sich aus, dass in den entscheidenden Bereichen so gut zusammengearbeitet wird. Slomka hat mit der Mannschaft einen wunderbaren Konterfußball erarbeitet. Damit haben sie in der Bundesliga viele Gegner überrascht, damit haben sie in den Play-off-Spielen zur Europa League mit dem FC Sevilla ein höher eingeschätztes Team gestürzt. Ich traue Hannover zu, sich langfristig im oberen Mittelfeld zu etablieren.

Morgenpost Online: Wie beurteilen Sie die Chancen des FC Bayern und Bayer Leverkusen in der Champions League ?

Daum: Sie gehen mit völlig unterschiedlichen Voraussetzungen in ihre Achtelfinalspiele. Der FC Bayern ist gegen Basel hoher Favorit, Bayer Leverkusen gegen den FC Barcelona krasser Außenseiter. Aber für beide Partien gilt, dass es sich als Außenseiter bekanntlich sehr gut lebt, während es der Favorit schwieriger hat.

Morgenpost Online: Das klingt so, als würden Sie auf Basel und Leverkusen tippen.

Daum: Nein, so weit will ich nicht gehen. Aber für den FC Bayern ist das Duell mit Basel kein Selbstläufer. Wenn ich mich daran erinnere, wie sie in der Gruppenphase in den beiden Spielen gegen Manchester United aufgetreten sind. Das war vom Feinsten, da habe ich zweimal hingeguckt. Aber die Münchener verfügen über so überragende individuelle Qualität und die nötige Erfahrung, dass sie sich am Ende durchsetzen dürften. Und Barcelona ist für mich erste Sahne im Weltfußball. Sie haben Lionel Messi und eine ganze Reihe von Leuten, die es ähnlich gut können wie Messi. Für Leverkusen bietet sich die Gelegenheit, das unmöglich erscheinende möglich zu machen. Ich sage immer: Er hatte keine Chance, darum nutzte er sie.

Morgenpost Online: In der Bundesliga ist der FC Bayern zur Halbzeit vorn. Sehen Sie einen ernst zu nehmenden Kontrahenten?

Daum: Auf jeden Fall: Borussia Dortmund. Ich bin davon überzeugt, dass der Meister auch in dieser Saison bis zum Schluss ein ganz heißer Titelanwärter sein wird . Die Münchner können sich nichts erlauben, denn dann wird Jürgen Klopp mit seinem Team sofort zur Stelle sein. Und so wird es bleiben, denn Dortmund hat sich mit Marco Reus schon jetzt sensationell für die kommende Serie verstärkt. Mit dieser Verpflichtung haben sie wieder einen Riesenschritt gemacht. Das ist sehr weitsichtig, denn sollte es im Sommer ein Transfertheater um Mario Götze geben, haben sie mit Reus schon vorgebaut. Dazu kann ich Borussia nur gratulieren.

Morgenpost Online: Im Sommer bilden die Stars aus München und Dortmund das Gerüst der deutschen Nationalmannschaft. Trauen Sie der DFB-Auswahl den Titel zu?

Daum: Na klar, aber das hängt wie bei jedem Turnier von Kleinigkeiten ab, von der Tagesform, von Verletzungen und Sperren. Da erinnere ich mich direkt an das Halbfinale der WM 2010 und stelle mir die Frage, wie das Spiel gegen Spanien wohl ausgegangen wäre, wenn Thomas Müller mitgespielt hätte. Die Voraussetzungen für einen Erfolg sind gegeben, Joachim Löw verfügt über eine Vielzahl von hochtalentierten und erfahrenen Spielern. Wir gehören zu den Topfavoriten, das haben wir uns erarbeitet. Und wenn das berühmte Quäntchen Glück in Polen und der Ukraine dazu kommt, dann werden wir Europameister.