Rückrundenvorbereitung

Im Trainingslager wird vor allem gepokert

Die 18 Bundesligisten nehmen ab Montag ihr Training wieder auf. Dort wird fleißig gelaufen und richtig gezockt. Die Spielerberater haben Hochkonjunktur.

Kleine Quizfrage zu Anfang – und bitte nicht spicken: Welches Bundesligateam startet als Erstes ins Trainingslager? Bestimmt Wolfsburg mit „Schleifer“ Felix Magath? Nein, der VfL ist sogar am spätesten dran. Auch nicht der Tabellenletzte SC Freiburg, der gerade Cheftrainer Marcus Sorg entlassen hat. Es ist der FC Bayern, der schon am 2. Januar Richtung Doha abhebt, um sich in der Hauptstadt von Katar sieben Tage lang fit zu machen für die Rückrunde.

Die Liga folgt ihrem Branchenprimus: Insgesamt 16 Klubs schwärmen aus, um dem deutschen Winter zu entfliehen. Neben Bayern München zieht es auch den VfL Wolfsburg und Schalke 04 an den Persischen Golf. Fünf Vereine haben sich für das türkische Belek entschieden. Der Rest tummelt sich in Spanien oder Portugal. Nur der FC Augsburg und die TSG Hoffenheim bleiben zu Hause.

Trainingslager sind Charakterprüfungen für den Teamgeist. Harmonieren die Spieler hier, klappt es meist auch in der Liga. Doch nicht immer ging es gut: Carsten Pröpper vom FC St. Pauli entleerte einst seine Blase im spanischen Chiclana an einer Palme – leider stand die in der Hotellobby.

Ähnliche (alkoholbedingte) Gründe trieben auch Gladbachs Torwart Dariusz Kampa 2005 dazu, sich vor Kollegen und Journalisten zu übergeben. Wie betrunken er gewesen sein muss, zeigte sich auch daran, dass er zuvor Peter Neururer um den Hals gefallen war und ihn als „besten Trainer, den ich je hatte“ bezeichnet haben soll. Neururer war zu diesem Zeitpunkt übrigens Coach des VfL Bochum.

Doch es wird nicht nur getrunken und trainiert unter südlicher Sonne. Oft geht es in den Quartieren zu wie auf einem Basar. Zwar haben Spielerberater in den meisten Mannschaftshotels keinen Zugang mehr, weil sie früher die Hotelhallen gleich scharenweise bevölkerten. Und doch sind sie allgegenwärtig. Spieler flüstern per Handy mit ihnen, wenn sie einen neuen Verein suchen. Manager wählen ihre Nummern, wenn sie auf der Suche nach Verstärkungen sind. Sie sind die heimliche Macht im Fußball, die Gespenster der Trainingslager.

Raul Gonzalez Jordan zum Beispiel dürfte derzeit massiv seine Telefonrechnung hochtreiben. Der Peruaner betreut den Schalker Offensivspieler Jefferson Farfan, dessen Vertrag im Sommer ausläuft. Jüngst zog der Klub sein Angebot zurück, das Farfan einen neuen Vertrag bis 2014 und ein Jahresgehalt von geschätzten sechs Millionen Euro eingebracht hätte. Stattdessen lieh Manager Horst Heldt den Hoffenheimer Stürmer Chinedu Obasi aus und übte so Druck auf Farfan aus. Angeblich kann er für sieben Millionen Euro den Klub verlassen.

Nicht nur auf Schalke wird umstrukturiert. Natürlich ist auch beim VfL Wolfsburg Hochbetrieb. „Magath hat gesagt, dass er sich Verstärkungen wünscht. An uns soll es nicht liegen, wir sind vorbereitet“, sagte Volkswagen-Vorstandchef Martin Winterkorn. Petr Jiracek vom tschechischen Meister Viktoria Pilsen ist bereits verpflichtet worden. Bis zu sechs Spieler, darunter Patrick Helmes und Sotirios Kyrgiakos, dürfen den Klub verlassen. Beim Hamburger SV bekam Kapitän David Jarolim die Freigabe. Und Michael Skibbe, der neue Trainer von Hertha BSC, will dem Vernehmen nach den Freiburger Linksverteidiger Felix Bastians in die Hauptstadt lotsen.

Bei den Spielerberatern herrscht also Hochkonjunktur. Allerdings kratzt der Weltverband Fifa an ihren Privilegien. Im Frühjahr 2012 soll ein Beschluss verabschiedet werden, der die Einnahmen von Beratern auf drei Prozent des Bruttojahresgehaltes des Spielers oder des Wechselvolumens begrenzt. Derzeit liegt der Satz meist bei zehn Prozent. Zudem soll das undurchsichtige Lizenzierungsverfahren abgeschafft werden.

Grund für die Fifa-Offensive ist eine Mahnung der Europäischen Union, die mehr Transparenz einfordert. Die Wirksamkeit der Maßnahmen wird in der Szene allerdings bezweifelt.

„Wer keine Lizenz hat, braucht nur mit einem Anwalt zusammenzuarbeiten, und schon darf er mitmischen. Und wenn Provisionsgrenzen eingezogen werden, kann sich der Berater einfach als Scout vom Verein bezahlen lassen – die fallen nicht unter die Regelung“, sagt Tobias Schade, Inhaber der Beratungsagentur „Back-4 Sports“. Die Drei-Prozent-Provisionsregel hält er für schädlich: „Dafür kann ich keinen Spieler in der Dritten Liga beraten. Da kommen höchstens die Telefonkosten wieder raus.“

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