DFL-Studie

Das größte Vorbild der Bundesliga ist Cacau

Die Deutsche Fußball Liga lässt erforschen, welche gesellschaftliche Bedeutung Fußballstars haben, wer der beliebteste Spieler ist und wer am wenigsten als Vorbild taugt.

Es muss ja nicht gleich ausarten wie bei Martin Hüschen. Der Anhänger von Borussia Dortmund hat sich im Frühjahr ein Porträt des BVB-Trainers Jürgen Klopp auf den Rücken tätowieren lassen. Lebenslang bekloppt, sozusagen. Für gewöhnlich geht die Fanliebe nicht derart unter die Haut. Und doch ist die Begeisterung der Deutschen für ihre liebste Sportart inniger denn je: Mehr als 32 Millionen Menschen interessieren sich hierzulande für Fußball, mit durchschnittlich 42.663 Besuchern wurde in der vergangenen Saison der neunte Bundesliga-Zuschauerrekord in Folge aufgestellt.

Gern wird der Profi-Fußball auf seinen Status als gigantische Unterhaltungsindustrie reduziert – und doch ist er viel mehr. Fußball ist tief verwurzelte Leidenschaft, und für so manchen Fan ist die Beziehung zu seinem Klub wie eine Ehe, mit allen Höhen und Tiefen. Kein Wunder, dass die Hauptdarsteller seit jeher verdammt und vergöttert werden. Kaum ein Berufsstand hat derart großen Einfluss auf die Gesellschaft wie die Fußballspieler. In den 50er Jahren war es Fritz Walter, zu dem die Menschen aufschauten. Dann kamen Uwe Seeler , Franz Beckenbauer , Jürgen Klinsmann : Stars und Leitfiguren.

"Deutschland braucht den Superstar"

Nun wurde die Liebe der Fans erstmals wissenschaftlich unter die Lupe genommen. Das Institute for Sports, Business & Society (ISBS) der EBS Universität hat unter Leitung von Prof. Dr. Sascha L. Schmidt in Zusammenarbeit mit der Deutschen Fußball Liga (DFL) und mit Unterstützung des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) die Studie „Deutschland braucht den Superstar“ erstellt, die „Morgenpost Online“ exklusiv vorliegt. Sie geht der Frage nach, wer die beliebtesten Fußballer Deutschlands sind und welche gesellschaftliche Bedeutung die Superstars haben.

Dabei gaben über 75 Prozent der Befragten an, dass es im Sport Superstars gebe. Zum Vergleich: Die Politik kam auf 12,7 Prozent. Am häufigsten wurde die Musikbranche (81,5 Prozent) genannt. Bei Fußball-Fans liegt der Sport sogar deutlich in Führung. Auf die Frage: „Nennen Sie spontan den Superstar, der Ihnen als erstes einfällt“ fiel der Name Michael Jackson am häufigsten. Danach folgt bereits Franz Beckenbauer. Noch vor Popsängerin Madonna und Dieter Bohlen. Auf Platz zehn kommt Lionel Messi vom FC Barcelona, 14. ist Cristiano Ronaldo (Real Madrid). Der erste noch aktive Bundesliga-Spieler liegt auf Rang 16: Michael Ballack .

Der Fanliebling Nummer eins hingegen ist Mario Götze . Mit großem Abstand wählten 3000 befragte Fußballfans den 19-Jährigen Dortmunder zum beliebtesten Spieler der Bundesliga. Ihm folgen Thomas Müller, der Schalker Raul , Arjen Robben und Bastian Schweinsteiger . Bei drei Spielern von Bayern München in den Top fünf verwundert es nicht, dass der Rekordmeister auch der beliebteste Klub des Landes ist. Ein Viertel der Befragten (25,1 Prozent) sympathisiert mit den Münchnern, 18,6 Prozent schwärmen für Borussia Dortmund.

Doch was macht einen Spieler beliebt? Die Gründe sind vor allem sportlicher Natur. Der „Einsatz auf dem Platz“, „außergewöhnliche Fähigkeiten und Talent“ sowie „herausragende Leistungen“ sind die drei wichtigsten Kriterien, die ein Fußballer erfüllen sollte. Als einsatzfreudigsten Spieler sehen die Fans den Bayern-Stürmer Ivica Olic, ihm folgen Manuel Neuer und Benedikt Höwedes (Schalke). Attribute wie „gutes Aussehen“ oder „glamouröser Lebensstil“, für Stars aus der Showbranche unabdingbar, spielen kaum eine Rolle.

Wichtiger ist da schon ein vorbildliches Verhalten abseits des Platzes, das bei den Kriterien für die Auswahl des Lieblingsspielers immerhin auf Platz acht kommt und damit wichtiger ist als vorbildliches Verhalten auf dem Platz. Dazu passt: Fast 40 Prozent der Befragten sehen ihren Lieblingsspieler als persönliches Vorbild, 55 Prozent gar als ein gutes Vorbild für die Gesellschaft.

Cacau als größtes Vorbild

Die größte gesellschaftliche Vorbildfunktion billigen die Fans dem Stuttgarter Cacau zu, gefolgt von Raul und Shinji Kagawa von Borussia Dortmund. „Ich komme aus armen Verhältnisse, und mir haben viele Menschen in meinem Leben geholfen“, sagt Cacau. „Deswegen helfe ich, wann immer ich kann, auch Menschen, denen es schlecht geht und die kein Gehör finden. Ich möchte anderen Menschen etwas zurückgeben.“ Am wenigsten von den 20 beliebtesten Spielern taugt übrigens Franck Ribery als gesellschaftliches Vorbild, umso mehr dafür als persönliches Idol. Dort kommt er auf Platz drei, auch hier führt Cacau.

Der Einfluss von Fußballern ist besonders bei der Jugend immens. Mehr als die Hälfte der Unter-18-Jährigen wird von ihrem Lieblingsspieler dazu motiviert, in allen Lebensbereichen ihr Bestes zu geben. 60 Prozent von ihnen halten Superstars für wichtig für die Gesellschaft, bei den Über-50-jährigen tun das nur 33 Prozent. „Fußballstars kommt aufgrund ihres hohen Bekanntheitsgrades eine besondere Vorbildfunktion zu, der sie sich kaum entziehen, die sie aber effektiv gestalten können“, sagt Studienleiter Schmidt. Die Spieler seien ein perfektes Beispiel dafür, was mit Wille und Einsatz erreicht werden könne. Diese Erkenntnis werde von den Fans dann auf andere Lebensbereiche übertragen.


Profis gründen Stiftungen

Ihrer gesellschaftlichen Verantwortung tragen die Spieler zunehmend Rechnung. Profis wie Philipp Lahm , Per Mertesacker, Christoph Metzelder oder Gerald Asamoah haben Stiftungen gegründet, um Menschen in Not zu helfen. Andere werben als Repräsentanten für die gute Sache: Thomas Müller sammelt für die Nicolaidis-Stiftung, die sich um Jugendliche kümmert, die einen Elternteil oder eine andere wichtige Bezugsperson verloren haben. Arne Friedrich unterstützt die CF-Selbsthilfe Osnabrück, die sich um an Mukoviszidose erkrankte Menschen kümmert.

„Natürlich hat man als Fußballprofi eine besondere Verantwortung, weil genauer beobachtet wird, was man macht – vor allem von Kindern“, sagt Nationalspieler Simon Rolfes. Aufgrund der eigenen Popularität sei es leichter, karitative Dinge anzuschieben: „Hier kann man mit relativ geringem Aufwand viel erreichen und gute Sachen unterstützen. Deshalb denke ich, dass jeder bekannte Fußballprofi die Verantwortung hat, sich sozial zu engagieren.“

Verantwortung haben die Spieler auch gegenüber ihren Arbeitgebern. Zwar müssen die Lieblingsspieler nicht zwangsläufig beim Lieblingsklub der Befragten sein, doch sie spielen für die Identifikation der Fans mit dem Verein eine wichtige Rolle. Vor allem bei den „Herzblutfans“, die intensiv am Schicksal ihres Klubs teilnehmen: Für 43 Prozent von ihnen ist ihr Lieblingsspieler ein Identifikationsgrund mit dem Klub.

Am stärksten zur Fan-Verein-Bindung trägt – wenig überraschend – Lukas Podolski bei. Der Kölner Publikumsliebling wurde im Verein ausgebildet und nach seinem Gastspiel beim FC Bayern wie ein Heiland in Köln empfangen. Auch Bayern-Nationalspieler Bastian Schweinsteiger kommt aus der Jugendabteilung seines aktuellen Vereins, er belegt Rang zwei. Überraschend auf dem dritten Platz liegt Ron-Robert Zieler. Der Torwart von Hannover 96 kam erst 2010 zu den Niedersachsen, hat mit starken Leistungen die Fans überzeugt.

Auf eines weist die Studie aber auch hin: Das Leben eines Fußballstars ist nicht nur Glanz und Glamour. Superstars seien stets akuter Absturzgefahr ausgesetzt, schreiben die Autoren, und verweisen auf Negativbeispiele wie Diego Maradona. Und auch Wolfgang Huber, der ehemalige Ratsvorsitzende der evangelischen Kirche, warnt: „Die Stellung als Star ist aus meiner Sicht eine existenziell gefährdete. Psychische Überanstrengungen können dazu führen, dass die Biografien einen schweren Knick bekommen. Unter Umständen sogar einen lebensgefährdenden.“

Hier finden Sie die komplette Studie als PDF zum Download.