DFB-Pokal

Düsseldorf fordert die Mannschaft des Jahres heraus

Der Düsseldorfer Traditionsverein war mausetot. Nun winkt der Bundesliga-Aufstieg – und vielleicht sogar eine Sensation im DFB-Pokal gegen Borussia Dortmund.

Foto: Bongarts/Getty Images/Getty

Wer von Aufstieg und Niedergang berichten will, vom Scheitern und wieder Aufstehen, der kommt an Norbert Meier nicht vorbei. Einst hatte er eine glänzende Karriere als Fußballer hingelegt, absolvierte 292 Bundesligaspiele für Werder Bremen und Borussia Mönchengladbach und wurde 1988 mit den Hanseaten Deutscher Meister.

Er beschloss, seinem Lehrmeister Otto Rehhagel nachzueifern und Trainer zu werden. Und er machte seine Sache nicht schlecht, bis zu jenem verhängnisvollen 6. Dezember im Jahr 2005.

Da spielte sein MSV Duisburg gegen den 1. FC Köln, und Meier legte sich an der Außenlinie mit dem Kölner Spieler Albert Streit an. Meier versetzte ihm einen Kopfstoß, ließ sich dann selbst fallen und war binnen einer Sekunde zur Lachnummer der Liga geworden, zu einem YouTube-Clown, millionenfach geklickt und belacht.

Der Verein entließ ihn, er kam ein Jahr bei Dynamo Dresden in der Dritten Liga unter und wurde dann wegen Erfolglosigkeit entlassen. Auf seine Karriere hätte zu diesem Zeitpunkt wohl keiner mehr einen Cent gesetzt.

Im November 2011 ist von der tragischen Figur Meier nichts mehr übrig geblieben. In Großaufnahme sieht man ihn über den Rasen flitzen, die Augen aufgerissen, das Gesicht entrückt vor Freude. Mit einem Riesensatz springt er auf eine Spielertraube, die sich jubelnd am Boden wälzt. Fortuna Düsseldorf hatte gerade den 2:1-Siegtreffer gegen Dynamo Dresden erzielt – in allerletzter Sekunde. Und Meier in seinem dunklen Anzug wirkte wie das Sahnehäubchen auf dem Fortuna-Glückskeks.

Zu Meier gestanden

Doch wer glaubt, dass Meier und Düsseldorf sofort zusammenpassten wie Altbier und Karneval, der irrt. Im Januar 2008 holte der gestürzte Traditionsverein den Trainer in die Dritte Liga. Klare Zielstellung: „Aufstieg“. Doch Meier scheiterte.

Danach begann der Düsseldorfer Aufschwung: Die Verantwortlichen um Sportdirektor Wolf Werner widerstanden den marktüblichen Reflexen und beließen den Trainer im Amt. Er dankte es ihnen, stieg in der folgenden Saison auf und steht nun vor der Krönung seiner Laufbahn: Am Dienstag tritt Fortuna Düsseldorf im DFB-Pokal gegen Borussia Dortmund an (20.30 Uhr/ZDF und Sky).

Eigentlich eine klare Sache für die Mannschaft des Jahres 2011 – doch Düsseldorf ist in einem derartigen Höhenflug, dass sich selbst der Meister vorsehen muss, nicht von der Fortuna überrascht zu werden.

Erste Niederlage

Der Klub steht an der Spitze der Zweiten Liga, 41 Punkte nach 17 Spielen bedeuteten Ligarekord, seit 1995 die Dreipunkteregel eingeführt wurde. Bevor es am vergangenen Freitag ein 2:3 gegen Paderborn setzte, war der Spitzenreiter in 27 Pflichtspielen in Serie ungeschlagen, zu Hause gar seit dem 27. September 2010.

Kein Wunder, dass die Niederlage gefasst zur Kenntnis genommen wurde. „Das darf die Mannschaft nicht umwerfen, sondern muss ihr ganz klar vor Augen führen, was sie immer wieder abrufen muss“, sagte Trainer Meier.

Für die Düsseldorfer Fans ist es ohnehin eine Art Wiederauferstehung, der sie gerade beiwohnen. Eigentlich war der Klub aus der Landeshauptstadt bereits klinisch tot. 2001 rettete ihn nur die Hilfe der „Die Toten Hosen“ vor dem Bankrott.

Die heimische Punkrockband war damals Trikotsponsor. Von 2002 bis 2004 krauchte die altehrwürdige Fortuna in der vierten Liga herum, bis 2009 war sie drittklassig. In der Saison 2009/10 schaffte der Zweitligaaufsteiger dann um ein Haar die Sensation und scheiterte nur knapp am Durchmarsch in die Eliteklasse. Nach einem Durchhänger in der vergangenen Spielzeit setzt Düsseldorf nun zum Sprung in altbekannte, doch längst vergessene Gefilde an.

Von 1971 bis 1987 gehörte der Verein ununterbrochen zur Bundesliga. Spieler wie Klaus und Thomas Allofs, Gerd Zewe und Rudi Bommer spielten dort, Alexander Ristic reifte im Rheinstadion zum bonbonverteilenden Kulttrainer heran. Dreimal in Folge kam Fortuna ins DFB-Pokalfinale: Nach einer Niederlage 1978 gegen den 1. FC Köln holte Düsseldorf 1979 gegen Hertha BSC und ein Jahr darauf gegen den 1. FC Köln den Pokal.

Nun scheint die große Depression zu verschwinden, die den Klub seit Jahren schüttelt. 27.700 Zuschauer besuchten diese Saison im Schnitt die Heimspiele, mehr kamen nur zu Eintracht Frankfurt. Endlich ist in der schmucken Arena, die 2004 eingeweiht wurde und seitdem meist nur bei Länderspielen gut besucht war, wieder etwas los.

„Unsere Fans haben gezeigt, wie leidensfähig sie sind. Selbst zu Oberliga-Zeiten sind sie mit diesem Klub durch dick und dünn gegangen. Wenn der Lieblingsverein einige Jahre aus dem bezahlten Fußball verschwindet, hat man es als Fan nicht leicht“, sagt Norbert Meier.

Düsseldorf träumt

Nun träumt Düsseldorf vom ganz großen Wurf: ein Sieg gegen Dortmund und im Sommer aufsteigen, das wär’s. „Es ist das Recht eines jeden Fortunen, von der Rückkehr in die Bundesliga zu träumen. Aber das heißt nicht, dass wir jetzt automatisch jeden Gegner aus dem Stadion fegen werden“, sagt Kapitän Andreas Lambertz.

Wie Meier ist der 27-Jährige eine Symbolfigur für den Düsseldorfer Weg. Seit 2002 spielt er bei der Fortuna, und noch nie ist es einem Spieler gelungen, mit einem Klub von der vierten bis in die erste Liga durchzurauschen. „Lambertz ist das Paradebeispiel für den Aufstieg dieses Klubs. Er geht leistungsmäßig immer voran. Es ist wichtig, dass wir solche Leute haben, mit denen sich das Publikum vollends identifizieren kann“, sagt sein Trainer.

Aber auch für Meier wäre der Aufstieg ein Sieg über die Dämonen der Vergangenheit. Den Kopfstoß gegen Streit habe er zwar „längst abgehakt“, sagt der 53-Jährige: „Aber es war ein weiter Weg für mich, den ich mir selbst eingebrockt habe. Ich habe mich nicht unterkriegen lassen. Ich habe immer gesagt, dass ich wieder zurückkommen werde – auch wenn daran nicht viele Beobachter geglaubt haben.“ Ein Schicksal, das er mit seinem Verein teilt…