Klub-WM

Messias Neymar hofft auf das Duell mit Messi

Wahrscheinlich trifft Brasiliens Supertalent Neymar mit dem FC Santos im Finale der Klub-WM auf den FC Barcelona. Er möchte bald selbst für die Katalanen spielen.

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Neymar breitete die Arme aus wie die Christus-Statue über Rio de Janeiro. Erleichtert, glücklich nach dem Schlusspfiff im Halbfinale der Klubweltmeisterschaft, diesem Turnier, das in weiten Teilen Europas wenig gilt, in Südamerika aber als wichtigstes überhaupt im Vereinsfußball. Dank eines 3:1 (2:0) über Kashiwa Reysol steht der FC Santos, Neymars Klub, im Finale. Und er, auf den alle geschaut haben – er hat nicht enttäuscht.

Nach 19 Minuten zum Beispiel zog er den Ball unter der rechten Fußsohle an einem der japanischen Gegner vorbei und schlenzte ihn mit links ins lange Eck. Es war das 1:0, es leitete den Sieg ein, es war ein wunderbares Tor. Das globale Statement eines Spielers, der erst 19 ist, und über den doch schon so viel geredet wird. Seine Dribblings, seine Zukunft, sogar seine Frisur – alles von staatstragender Bedeutung. Denn in seiner Heimat ist dieser Neymar da Silva Santos Junior ja tatsächlich so etwas wie ein Messias.

Zunächst einmal soll er seinen Klub erlösen, am Sonntag im Endspiel der Klub-WM, wenn es in Yokohama gegen den FC Barcelona geht – so dieser am Donnerstag sein Semifinale gegen die Katarer von Al-Sadd übersteht (11.30 Uhr, Eurosport). 1963 hat Santos zuletzt den Weltpokal gewonnen, angeführt von einem gewissen Pele – die Sehnsucht ist groß. Auf Neymars Weg aber erscheint auch der Sonntag nur als Zwischenetappe. Sein Date mit dem Schicksal beginnt am 12. Juni 2014. Wenn das Eröffnungsspiel der Heimweltmeisterschaft angepfiffen wird.

Brasiliens Fußball befindet sich gerade in einer Periode des Wandels. Auf den ersten Blick ist es eine des Niedergangs: Die Nationalelf schwächelt, und in Europas führenden Klubs sind die kreativen Schlüsselpositionen momentan von Spaniern, Portugiesen, Argentiniern besetzt, statt wie früher von den Gesandten aus der Heimat des schönen Spiels. Doch andererseits fließt aus der boomenden Wirtschaft viel mehr Geld in den Fußball als früher. Damit fällt auch eine andere Gewissheit – nicht jeder gute, junge Brasilianer muss mehr beim erstbesten Angebot nach Europa wechseln.

Nicht einmal beim zweiten, dritten oder vierten, wenn es um Neymar geht. Der begnadete Angreifer hat mehrmals hochdotierten Offerten vom FC Chelsea und insbesondere von Real Madrid widerstanden. Die Spanier baggerten monatelang an ihm, schickten ihn sogar schon durch den Medizincheck, boten 56 Millionen Euro Ablöse und zehn Millionen Euro Jahresgehalt – dennoch entschieden sich Neymar, sein Vater und Berater sowie sein Klub am Ende gegen einen Wechsel. Genüsslich berichtete Santos-Präsident Luis Alvaro de Oliveira, wie dämlich sich die Herren aus Madrid angestellt hätten. So habe Trainer Jose Mourinho verlangt, Neymar müsse seinen Irokesen-Schnitt stutzen, derweil Präsident Florentino Perez „erbärmlich und arrogant“ aufgetreten sei, „mit der Mentalität eines Kolonialherrn“.

Und so lässt sich das aufstrebende Brasilien eben nicht mehr behandeln. Zahlreiche Unternehmen und sogar Staatspräsidentin Dilma Rouseff schalteten sich ein, um das neue Gesicht des Fußballs im Lande zu halten. Am Ende konnte Santos ein beachtliches Gehaltspaket schnüren. Neymar bleibt fürs erste zu Hause („Ich weiß, dass ich damit Geschichte schreibe“) und verdient trotzdem wie in Europa. Wie beim Salär verhält es sich auch bei den Meriten. Er war der einzige unter den 23 Kandidaten für die Wahl zum „Weltfußballer des Jahres“, der nicht in Europa spielt.

Trotz des großen Erwartungsdrucks hat sich Neymar seine kindliche (manchmal kindsköpfige) Freude am Fußball bewahrt und auch von Rückschlägen nicht unterkriegen lassen. Kurz nach einer persönlich wie mannschaftlich eher unbefriedigenden Copa America mit Brasilien etwa schoss er im Juli gegen Flamengo sein schönstes Tor, ein Solo diagonal über den Platz mit Doppelpass und zahlreichen Finten. Der Treffer ist für die Wahl zum „Tor des Jahres“ nominiert, neben einem von Wayne Rooney und einem von Lionel Messi.


Spiel der Giganten am Sonntag?

Auf Barcelonas Weltfußballer wird er am Sonntag dann wohl treffen, besonders in Südamerika wird dieses brasilianisch-argentinische Spiel im Spiel seit Wochen zum Duell der Giganten hochgejazzt. Neymar selbst sieht das etwas realistischer, „ich muss noch sehr hart arbeiten, um auf sein Level zu kommen“, sagte er jüngst. Auch sonst äußerte er sich zuletzt auffällig freundlich über den wahrscheinlichen Finalgegner: „Ein Vergnügen und eine große Ehre“ wäre es, gegen „die Außerirdischen“ aus Katalonien zu spielen, erklärte er in einem Interview. „Wer liebt Barcelona denn nicht?“, fragte er in einem anderen. „Sie verdienen alles Lob für den Fußballgenuss, den sie uns allen bereiten“.

Im Hintergrund der charmanten Worte steht auch eine Entscheidung, heißt es. Wenn er irgendwann nach Europa geht, will Neymar für Barcelona spielen. Es war „Barca“-Präsident Sandro Rosell, der durch seine guten Brasilien-Kontakte den Deal mit Madrid torpedierte. Laut Spaniens Medien wurde vereinbart, dass Neymar 2014, wenn sein Vertrag ausläuft, zu den Katalanen wechselt – je nach Begehr von Trainer Josep Guardiola soll auch ein früherer Transfer nicht ganz ausgeschlossen sein. Der Trainer gilt bislang eher als Gegner der Operation – aber vielleicht lässt er sich nun ja persönlich überzeugen.