AC Mailand

Am liebsten würde Berlusconi auf die Trainerbank

Italiens ehemaliger Ministerpräsident Silvio Berlusconi will wieder Präsident des AC Mailand werden. Er versetzt Spieler und Trainer damit in Angst und Schrecken.

Foto: picture-alliance/ dpa/Abaca

Niemals geht man so ganz – und ein Silvio Berlusconi schon gar nicht. Am Freitag versicherte der Cavaliere auf einem Parteikongress in Marseille noch fix, dass Italien absolut solide sei, „ein verschuldeter Staat zwar, aber mit wohlhabenden Bürgern“. Und überhaupt trage viel mehr Deutschlands starres Verhalten die Schuld an der Euro-Krise.

Die Italiener müssten sich hingegen keinerlei Sorgen machen. Das gilt weniger für Milan-Trainer Massimiliano Allegri und dessen Spieler. Denn neben funkelnden Wirtschafts-Prognosen kündigte Berlusconi an, mit absoluter Sicherheit in Kürze wieder das Amt als Präsident des AC Mailand zu übernehmen.

Für jeden Übungsleiter der Mailänder ist die regelmäßige Präsenz Berlusconis in San Siro eine beunruhigende Nachricht. Als Berlusconi 2008 zu Italiens Premier ernannt wurde, nötigte ihn das Gesetz, die schillernde Rolle des „Presidente“ bei Milan aus Interessenkonflikt abzutreten.

Das Amt blieb am Hofstaate des Egomanen vakant, Entscheidungen liefen fraglos weiterhin nur über seinen Schreibtisch. Knisternde Herrenrunden statt Spar-Pakete oder Sentenzen wie „Besser hübsche Frauen anzuschauen als schwul zu sein“ drückten seine politische Reputation unter die Haltbarkeitsgrenze. Er trat als Premier ab und machte sich selbst den Weg frei, um zu seiner Paraderolle zurückzukehren: offiziell der selbst erklärten Herzensangelegenheit AC Milan vorzustehen.

Ohne die große Glamour-Plattform kann er eben nicht, der Initiator des italienischen Privatfernsehens und Perfektionierer ausgefeilter Pathos-Inszenierungen. Anfang 2012 soll ihn der Aufsichtsrat als alten, neuen Präsidenten wählen, so der Plan Berlusconis. Freilich eine reine Formalie. „Ich möchte daran erinnern, dass kein Präsident mehr Titel als ich gewonnen hat. Auf Platz zwei liegt Santiago Bernabeu mit der Hälfte meiner Trophäen“, sagte Berlusconi.

Bernabeu gelang mit Real Madrid zwar ein Titel mehr (29), doch im Hause Milan rückt sich Berlusconi die Realität willkürlich werbewirksam zurecht. Als ihn die Tifosi im Sommer 2010 wegen Abstinenz im Stadion und ausbleibender Investitionen kritisierten und zum Abgang drängten, erwiderte Berlusconi beleidigt: „Kein Klub der Welt holte mehr internationale Trophäen als Milan. Für ähnliche Meriten benannte man in Madrid das Stadion nach dem Präsidenten.“ Es wäre fraglos sein ultimatives Privatkino, wenn der AC künftig im Stadio Silvio Berlusconi aufliefe, und vielleicht kommt es ja tatsächlich eines Tages noch so.

Seine Mission illustrierte er bereits vor über 25 Jahren und 28 Trophäen. Im Februar 1986 hatte der Unternehmer den Klub gekauft und von drängenden Schulden erlöst. Bei der ersten Saisonpräsentation im folgenden Sommer ließ er den Kader per Hubschrauber in Mailands Arena einfliegen, über die Lautsprecher donnerte Wagners „Walkürenritt“.

Kontroll-Freak Berlusconi

„Wir müssen das stärkste Team der Welt werden und dabei spektakulären Fußball offerieren“, rief Berlusconi zur johlenden Masse. Dabei ist ihm sportlich stringentes Kalkül und findiges Gespür jedoch nicht abzustreiten.

Er professionalisierte Umfeld und Image, baute das formidable Trainingszentrum Milanello aus. Die unbeschriebenen Blätter Arrigo Sacchi und Fabio Capello waren riskante Trainer-Wetten, die er imposant gewann. Mittlerweile bilanziert Milan unter seinem Regime unter anderem acht Meisterschaften und fünf Titel in der Champions League.

Auch wenn Kontroll-Freak Berlusconi freilich am liebsten selbst auf der Bank sitzen würde. „Als ich coachte, spielte mein Team stets überragenden Offensiv-Fußball“, betont er gern. Einst trainierte er die Werksmannschaft seiner Baufirma „Edilnord“ in der Kreisklasse.

„Oja, er war ein exquisiter Coach – bei Edilnord“, ironisierte Nils Liedholm zu Beginn der Berlusconi-Ära und wurde kurz darauf entlassen. Einige Trainer stellte er per Live-Schalte im TV in Achtung, andere degradierte er als Schneider, die des Milan-Stoffes unwürdig seien. Überhaupt habe er so manchem Coach die gewinnbringende Aufstellung in den Block diktiert. Und waren die Trainer an Misserfolgen schuldlos, lag es eben an kommunistischen Referees.

Gewinnen und überzeugen

Berlusconis kategorischer Imperativ lautet „vincere e convincere“ (gewinnen und überzeugen), Ex-Spieler und Coach Leonardo sagte einmal: „Er würde in jeder Partie am liebsten 89 Minuten Ballbesitz inklusive 6:0-Erfolg sehen.“

Dass andere Klubs nun derartigen Fußball präsentieren, versetzt seinem Ego zweifelsohne peinigende Nadelstiche – vor allem im selbst ernannten Wohnzimmer Europapokal, da Milan neben der Herzensangelegenheit stets auch als persönliche Werbetrommel und Imagepolierer diente.

„Den müssen wir schnellstens entlassen“, fauchte der Patron kürzlich infolge der 2:3-Heimniederlage gegen Titelverteidiger Barcelona . Gemeint war natürlich Trainer Allegri, dem Berlusconi bei Amtsantritt 2010 flugs einen ordentlichen Haarschnitt nahelegte und lächelnd klarstellte: „Allegri ist ein hervorragender Lehrer, aber ich bin der Professor. Und mit dem Professore auf der Bank hätte Milan in den letzten Jahren alles gewonnen.“

Seit 2008 scheiterte der AC regelmäßig in der ersten K.-o.-Runde der Champions League. Mit dem Professor am Ruder sollte im Wohnzimmer demnächst alles wieder nach Plan laufen. Nur Spieler und Trainer zittern ein wenig davor.

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