Socrates †

Als Brasiliens Götter in Schönheit untergingen

Er war Fußballer, Kapitän der Selecao, Kinderarzt, aber auch Kettenraucher und Alkoholiker. Am Sonntag starb der Brasilianer Socrates (57), der nie Weltmeister wurde.

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Der brasilianische Fußball trauert um eines seiner größten Idole. Im Alter von 57 Jahren verstarb der frühere Nationalspieler Socrates , an multiplem Organversagen. Der exzessive Alkoholkonsum hatte seinen Körper geschwächt. Am Donnerstagabend war er zum dritten und letzten Mal in diesem Jahr in ein Krankenhaus eingeliefert worden.

Arzt, politischer Querdenker und vor allem genialer Fußball: Obwohl Socrates Brasileiro Sampaio de Souza Vieira de Oliveira den Brasilianern keinen Weltmeistertitel bescherte, spielte er sich mit dem WM-Team von 1982 für immer in die Herzen der Fans. Am Sonntagmorgen um 4.30 Uhr Ortszeit verlor der "Doktor" seinen letzten Kampf.

Der 57-Jährige war am Donnerstag in das Albert-Einstein-Hospital von Sao Paulo eingeliefert worden. Vermutlich ein bakteriell verseuchtes Mittagessen hatte einen septischen Schock ausgelöst. Am Ende versagten die von jahrelangem exzessiven Alkoholkonsum angegriffenen Organe.

"Ich war Alkoholiker, wenn ich wollte. Wer täglich Alkohol trinkt, ist Alkoholiker. Ich war abhängig vom Alkohol, habe aber nicht jeden Tag getrunken", gestand jüngst der studierte Mediziner, der schon als Spieler seine Bierchen genoss und Kettenraucher war. Nach zwei Krankenhausaufenthalten in diesem Jahr wegen Magen- und Darmblutungen war eine Lebertransplantation angedacht.

Socrates, der seinen Namen der Leidenschaft seines Vaters für die antike Philosophie zu verdanken hat, begann noch zu seiner Studentenzeit seine Profikarriere beim kleinen Botafogo FC aus Ribeirao Preto, wurde dann Anfang der 80er-Jahre beim beliebten SC Corinthians aus Sao Paulo zur Kultfigur.

Mit hagerer Gestalt und Che-Guevara-Bart zelebrierte er einen eleganten Fußballstil, der Hackentrick war sein Markenzeichen.

Doch nicht nur auf dem Platz war der im verarmten Norden Brasiliens (Belem) geborene Komplettfußballer der Kopf des Teams. Er setzte sich am Ende der Militärdiktatur öffentlich in der Kampagne "Diretas Ja" für die direkte Wahl des Staatspräsidenten durch das Volk ein und gehörte zu den treibenden Kräften der "Democracia Corintiana".

"Ich wäre gern Kubaner"

Die weltweit wohl einmalige Demokratiebewegung erlaubte es den Corinthians-Spielern, per Abstimmung in Klubentscheidungen bei Spielerwechseln oder Regeln in Trainingslagern einzugreifen. Politisch links stehend, gab er einst zu: "Ich wäre gern Kubaner."

Die Brasilianer liebten aber vor allem seinen Fußballstil und Tore wie bei der WM 1982 gegen die Sowjetunion (2:1) und Italien (2:3).

Der "Magere", dessen jüngerer Bruder Rai 1994 Weltmeister wurde, bestritt 60 Länderspiele (22 Tore), viele davon an der Seite von Idolen wie Zico, Falcao und Junior. Mit einem verschossenen Elfmeter im verlorenen Viertelfinale der WM 1986 gegen Frankreich verabschiedete er sich aus der Selecao.

Dass er nie Weltmeister wurde, schmerzte ihn sehr. "Die ganz entscheidende Frage ist, wie man Weltmeister wird. Das Team von 1994, das waren Italiener, aber keine Brasilianer. Diese Mannschaft war unkreativ, leidenschaftslos und unfähig, ein Fußballspiel in ein Spektakel zu verwandeln. Diese Mannschaft hatte keine eigene Identität mehr", erklärte Socrates in einem Interview mit der Morgenpost Online.

Götter am Ball, aber zu verspielt

"Die WM 1950 hat uns Brasilianer traumatisiert. Wir hatten das Finale ausgerechnet im Maracaná-Stadion gegen Uruguay mit 1:2 verloren. Damals hieß es, der brasilianische Fußballer sei zwar ein Künstler am Ball, aber eben willenlos. Als wir 1982 und 1986 als Favoriten wieder scheiterten, wurde erneut beklagt: Götter am Ball, aber zu verspielt. Spätestens von da an lautete die Devise: Wir müssen wie die Europäer spielen", sagte der "Magere".

1989 hängte er die Fußballschuhe endgültig an den Nagel. Socrates versuchte sich anschließend als Arzt, Trainer, Sänger, Maler und blieb stets ein Quergeist. "Kein Spieler gibt seine Fußballkarriere auf. Der Fußball ist es, der sich von den Spielern abwendet", sagte er einmal.

Auf die Frage, ob Rauchen und Alkohol zum Leben eines Athleten passen, konterte er mit einem Lächeln und der Antwort: "Ich bin kein Athlet. Ich bin Fußball-Künstler."

Seine Spielweise beschrieb er so: "Der Fußball ist geprägt von dem Wunsch nach persönlicher Freiheit, von Kreativität und Inspiration. Wir verstanden uns Anfang der 80er als Artisten. Wir wollten spielen und nicht etwas bewahren. Nach uns kamen die Konservativen."

"Fußball macht uns freier als alles andere"

Für Socrates verlor der Fußball Anfang dieses Jahrhunderts die Kreativität: "Das Ziel ist zu gewinnen, egal wie. Der sogenannte Systemfußball ist die logische Folge. Seine zentralen Ideen heißen Effizienz und Funktionalität. Dass der Fußball dadurch eindimensional, uninspiriert und somit im ästhetischen Sinne häßlich geworden ist, fällt dabei kaum jemandem auf."

Der Brasilianer hatte ein ganz besonderes Verständnis vom Spiel mit dem Ball am Fuß. "Für den AC Florenz habe ich einmal ein wirklich hässliches Tor geschossen, irgendeinen Freistoß, der nie hätte reingehen dürfen. Aber alle riefen: 'Bravo, Bravo!' Es war noch nicht einmal ein wichtiges Spiel", beschrieb der ehemalige Kapitän der Selecao seinen Aufenthalt in Europa.

Die Wichtigkeit dieses Sports im WM-Gastgeberland von 2014 erklärte Socrates folgendermaßen: "Wir Brasilianer haben einen Freiheitsbegriff, der sehr auf uns selbst bezogen ist. Deshalb spielt der Fußball in unserer Kultur so eine bedeutsame Rolle. Einen Ball findet man immer, ein Spielfeld auch. Und in einer Partie zählt weder Rasse noch Herkunft, weder Bildung noch Besitz. Es zählt allein Talent, die Fähigkeit zur Imagination und zur Kreativität. Ich denke, das ist die Essenz unserer Kultur. Fußball macht uns freier als alles andere."