2. Fussball-Bundesliga

WM-Held Odonkor träumt in Aachen von der DFB-Elf

Bei der WM 2006 jubelte ganz Deutschland Flügelflitzer David Odonkor zu. Nach fünf schweren Jahren in Spanien spielt er jetzt bei Alemannia Aachen.

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Reden die Leute über Geschwindigkeit auf dem Fußballplatz, über Hochgeschwindigkeit, dann kommen sie an diesem Namen gar nicht vorbei. David Odonkor (27) ist wirklich ein Schneller. Ein Superschneller. So einen findest du selten. Ganz selten. Auf Tartan, ja, aber auf Rasen?

Wieselflink und kaum aufzuhalten. Oft genug ist er in Lücken gesprintet, noch bevor sie ein anderer gesehen hat. Bei der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 zum Beispiel. Es war noch ein Platz frei im Kader. Der 22. von 22. Dass Teamchef Jürgen Klinsmann ihn ausgerechnet mit David Odonkor von Borussia Dortmund besetzen würde, damit hatte nun wirklich keiner gerechnet.


Sein ganz persönliches Sommermärchen

Was bitte war der denn außer schnell? Ja, superschnell. So begann sein ganz persönliches Sommermärchen. Möglicherweise ging es für ihn sogar zu schnell, viel zu schnell. Es ist halt so. Und kann er für seine Sprinterqualitäten? Ein Nachteil sind sie nie gewesen. Oder? Eher ein Makel.

Fünf Jahre später. David Odonkor ist wieder da. Hat sich zwischenzeitlich in Spanien etwas reicher gemacht, in Deutschland aber irgendwie den Anschluss verpasst. Zurück also. Für immer? „Für immer“, sagt er leicht genervt, das ist der Plan, solange seine Qualitäten gebraucht werden. Qualitäten? Ach ja, die Schnelligkeit. Von Sevilla bis Aachen in knapp fünf Jahren. Vom gefeierten WM-Dritten bis zum kritisch beäugten Zweitligaspieler. Liga zwei, letzter Platz, so war das kürzlich noch. Das ist bitter, das ist schmerzlich.

Erik Meijer, der Manager von Alemannia Aachen, hat ihn im September schnell noch geholt. Risiko? Risiko, ja, vielleicht. Aber auch Peter Hyballa, der Trainer seinerzeit, war überzeugt: „David verfügt über diese Qualität, mit der er immer den Unterschied machen kann: seine Schnelligkeit.“ Risiko? Nein, sagte der Trainer. Odonkors Vertrag gilt doch nur für zehn Monate. Und er ist stark erfolgsabhängig. Bringt er nichts, kriegt er nichts, damit muss Odonkor auch als ehemaliger Nationalspieler leben. Das ist, unausgesprochen, die Misstrauensklausel im Vertrag, aber gut: Verein in Not, Spieler in Not, da können sich zwei schon mal zusammentun. Egal auf welcher Basis, jetzt achtet doch keiner auf Feinheiten.

Nur an einem wollte sich Odonkor, obwohl Stürmer, lieber nicht messen lassen: an der Zahl seiner Tore. Die ist in manchen Jahren unmessbar gewesen, Schwamm drüber: kein Tor, ein Tor, manchmal zwei in der Saison, das war dann schon ein Spitzenwert. Macht doch nichts, sagt Odonkor, er war immer ein Flitzer, meist die rechte Außenlinie auf und ab, für die Verteidiger von gegenüber nur schwer einzufangen. Oder durch fieses Foulspiel. Überhaupt, sagt Odonkor, er rechne ganz anders. Der Höhepunkt seiner Karriere, der bisherige Höhepunkt, wirft er schnell noch ein, das sei ja auch kein Tor gewesen, sondern eine Torvorlage.


Vorlage für Neuvilles Tor gegen Polen

Dortmund im Sommer 2006, Klinsmann wirft ihn auch noch mitten rein ins kalte Wasser, eingewechselt im Spiel gegen die Polen. Odonkor stürmt unaufhaltsam die Linie entlang, den Ball eng am Fuß, der Verteidiger vis-à-vis lässt bald das Hinterherrennen sein. Jetzt nur noch den Ball an den Mann bringen. Odonkor bringt, und Oliver Neuville – auch er gilt als so eine Art letzte Hoffnung –, Neuville also hinterlegt den Ball nach Glanzpass Odonkor im Tor der Polen. 1:0. Sieg, dank Neuville, aber erst recht noch dank David Odonkor, Misstrauen getrotzt, Vertrauen gewürdigt.

Muss ja ein Guter sein. Die Scouts von Betis Sevilla, eher reisefaul und fernsehfleißig, überweisen 6,5 Millionen Euro für den Sprinter, keiner hat sich besser verkauft vor, während und nach der WM. Borussia Dortmund freute sich, Betis Sevilla wunderte sich dann doch.


Verletzt oder genügsam

Fünf Jahre Vertrag, und die hat er voll abgesessen, auch als es mal in die zweite Liga Spaniens ging. Entweder er war verletzt oder genügsam. Fünf Jahre, 51 Ligaspiele, fünf Operationen allein am rechten Knie. Es müsste mal jemand klären, was es in seinem Leben mit der Zahl Fünf sonst noch auf sich hat.

Fünf Kilometer von seinem Zuhause entfernt spielt der TuS Dornberg, und eines Tages, Odonkor war wieder gesund, aber arbeitslos, fragte der Onkel seiner Ehefrau an, ob er nicht mittrainieren wolle, einfach so, zum Fithalten bloß. Frage: Welche Liga? Antwort: Welche Frage? Fünfte natürlich. Was denn sonst? Kein Problem. Ist ein feiner Kerl, der Odonkor, sagen sie jetzt in Dornberg. Und eines haben sie auch gemerkt. „David ist so schnell, dass ich erst mal einen Fallschirm besorgen und Löcher in den Zaun schneiden musste“, sprach Abteilungsleiter Freese. „Denn den kann ja gar keiner stoppen.“ Natürlich freut er sich über derartige Belobigungen, aber mitunter nerven sie auch. Als könne er nur geradeaus rennen.

Vom Sportlichen mal abgesehen war Sevilla eine tolle Zeit. Sprache, Kultur, Primera Division, das sind Erfahrungen, die er fast allen voraus hat, zumindest in der Zweiten Liga. Nach den ersten zehn Spielen steht auch schon ein Tor für ihn zu Buche, das ist mehr, als nach seiner Statistik erwartet werden konnte.

Kleine Schritte, so klein als möglich hat er sich vorgenommen auf dem Weg nach Hause, bloß keine große Klappe mehr, bloß keine Ansprüche stellen. Ranschleichen will er sich an die gute alte Zeit. Stammspieler? „Mal sehen.“ Vorige Woche in Karlsruhe hat er ganze zwölf Minuten gespielt. Na und? Am Sonntagmittag ist 1860 München der nächste Gegner. Gegen Ingolstadt hat er immerhin gleich mal ein Tor gemacht.

Auf seinem Plan ist auch das Wort Nationalmannschaft noch nicht ausradiert. „Ich bin jung, ich kann warten.“ Zwei Jahre gibt er sich, dann könnten wir uns ja mal wieder sprechen. Stammspieler, Torschütze, Bundesliga, so soll das demnach sein. Nicht weitersagen! Und, so ehrlich mit sich selbst ist er dann doch: „Die vergangenen fünf Jahre waren eine Katastrophe für mich.“ Kurzum: Es kann nur besser werden.

Aber gut Ding will Weile haben. „Von Woche zu Woche“, zählt er nur noch auf seinem Weg zurück. Von Tor zu Tor. Das kann dauern, oder ganz schnell gehen. Bei David Odonkor weißt du halt nie.