WM-Qualifikation 2014

Argentinien hat einen Messi, aber keine Mannschaft

Insgesamt 139 Spieler und drei Trainer in drei Jahren – warum Argentinien trotz Superstar Lionel Messi in der Krise steckt.

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Die Fotografen kannten keine Gnade. So nah wie möglich fingen sie das Gesicht von Martin Demichelis ein. Der Blick starr nach unten gerichtet, die Augen glasig. In einem der bittersten Momente seiner Karriere wird der ehemalige Bayern-Profi froh gewesen sein, dass das Stadion "El Monumental" in Argentiniens Hauptstadt Buenos Aires an diesem Nachmittag mit knapp 25.000 Zuschauern nicht einmal halb voll war. Sonst hätte er wohl noch Tage später Ohrensausen von den gellenden Pfiffen gehabt.

Die Zuschauer hatten Demichelis als Sündenbock für das dürftige 1:1 (0:0) in der WM-Qualifikation gegen Bolivien ausgemacht. Seinen haarsträubenden Fehler hatte Moreno Martins, einst bei Werder Bremen unter Vertrag, in der 55. Minute zur Führung für den Außenseiter genutzt. Zwar gelang dem eingewechselten Ezequiel Lavezzi vom SSC Neapel nur wenig später der Ausgleich (59.), ein weiteres Tor wollte aber trotz bester Chancen und deutlicher Feldüberlegenheit nicht fallen.


Es fehlt eine erfolgreiche Spielidee

Und so blieb die Erkenntnis: Auch unter Alejandro Sabella, dem neuen Trainer, steckt Argentiniens Nationalelf in der Krise. Mit großen Erwartungen gestartet, hat es auch der als Taktikgenie bekannte Nachfolger von Sergio Batista nicht geschafft, der Mannschaft um Weltfußballer Lionel Messi eine Erfolg versprechende Spielidee zu vermitteln. Nachdem der Auftakt in die südamerikanische Qualifikationsrunde zur WM 2014 mit einem 4:1 über Chile noch überaus vielversprechend verlaufen war, zeigt die Formkurve jetzt deutlich nach unten. Erst folgte ein 0:1 in Venezuela und nun eben das Remis gegen den 115. der Rangliste des Weltverbandes Fifa.

Konsterniert ob der erneut dürftigen Darbietung seiner Stars, die in ihren Klubs in Europa allesamt zu den tragenden Kräften zählen, gab Sabella zu, dass sein Team "keine brillante Partie" abgeliefert habe. Stattdessen verwaltet auch Sabella das zentrale Problem, das auch bereits seine Vorgänger plagte: Die Nationalmannschaft ist trotz herausragender Einzelkönner wie Barcelona-Star Messi oder Real-Madrid-Torjäger Gonzalo Higuain nach wie vor eine Wundertüte. Besonders die Defensive leistet sich in schöner Regelmäßigkeit aberwitzige Fehler, der Martin-Demichelis-Patzer gegen Bolivien war nur das jüngste von etlichen Beispielen.


"Davon abhängig, was Messi macht"

"Wenn wir so weitermachen, sind wir davon abhängig, was Messi macht. Und das ist dann keine Mannschaft", hatte sich kürzlich Weltmeistertrainer Cesar Luis Menotti mahnend zu Wort gemeldet. Insgesamt 139 nominierte Spieler in den vergangenen drei Jahren sind Ausdruck der Konzeptlosigkeit und Grund dafür, dass die Auswahl derzeit als zusammengewürfelter Haufen begabter Solisten ohne Automatismen auftritt. Schon bei der Weltmeisterschaft 2010 scheiterten sie auch deshalb bereits im Viertelfinale, ebenso wie bei der Copa America vor wenigen Monaten.

Nach der chaotischen Amtszeit von Diego Maradona und dem ebenso kurzen wie erfolglosen Batista-Intermezzo sehnt sich der zweimalige Weltmeister Argentinien nach Seriosität und Kontinuität. Sabella sollte es richten. "Er bringt alles mit: Ernsthaftigkeit, Ordnung und Bescheidenheit, um die Dinge ein bisschen zu ordnen", lobte Verbandsboss Julio Grondona, als er ihn vor gut drei Monaten vorstellte. Nun steht der Hoffnungsträger jedoch gleich mächtig unter Druck.


Unterstützung von Pekerman

Unterstützung kommt ausgerechnet von dem Mann, in dessen Amtszeit Argentinien letztmals vom Jugendbereich bis zur Nationalmannschaft eine einheitliche Philosophie verfolgt hat: Jose Pekerman. Unter seiner Führung glänzte Argentinien bei der WM 2006 in Deutschland mit technisch feinem und auf Ballbesitz angelegtem Spiel. "Alle, denen der argentinische Fußball am Herzen liegt, sollten Sabella mit aller Kraft unterstützen", fordert Pekerman. Wer eine Idee verfolge, brauche Geduld. Am Ende werde sich der Erfolg einstellen.

Viel Zeit bleibt Sabella allerdings nicht. Er braucht dringend einen Sieg, und zwar schon in der nächsten Partie am Dienstag in Kolumbien. Kein einfaches Unterfangen. Denn nicht nur der Gegner hat sich nach Jahren der sportlichen Tristesse wieder zu einem ernst zu nehmenden Kandidaten für ein WM-Ticket gemausert. Hinzu kommen 40 Grad Hitze und eine hohe Luftfeuchtigkeit, die in Barranquilla erwartet werden. Mit Sorge erinnern sich die Argentinier an die Partie in Venezuela, bei der ihnen bei ähnlichen klimatischen Bedingungen am Ende die Luft ausging.