Im Angesicht der Gewalt

Ein Tag der Polizei – Auge in Auge mit den Ultras

Von der Besprechung bis zum Feierabend begleitete der Morgenpost Online-Reporter die Konfliktmanager der Polizei beim Bundesliga-Spiel Hannover 96 gegen Schalke 04.

Foto: dpa / dpa/DPA

Ganz plötzlich lösen sich einige Schalker aus der Masse und durchbrechen die Polizeisperre Richtung Innenstadt. Dorthin, wo sich die gewaltbereiten Fans von Hannover 96 versammeln. Die gerade erst am Hauptbahnhof in Hannover angekommenen Schalker klettern über Fahrräder, ihre Kameraden hinterher.

Eine Frau presst sich an ein Auto. Sie versteckt sich vor einem Mob, der außer Kontrolle geraten ist. „Scheiße“, brüllt ein Polizist, keine drei Meter von der Frau entfernt, setzt sich den Helm auf und drückt mit aller Kraft zwei Schalker Fans zurück, die auch in die Schillerstraße laufen wollen. Links und rechts rennen die anderen an ihm vorbei. Polizeipferde galoppieren hinter ihnen her. Die Situation ist eskaliert. Das hätte aus Sicht der Polizei niemals passieren dürfen. Die vorgegebene Route muss eingehalten werden, um die Fanlager voneinander fernzuhalten. Die Frau beginnt zu weinen.

10.30 Uhr: Die erste Einsatzbesprechung

Als Guido von Cyrson, Leiter der Polizeiinspektion West in Hannover, knapp drei Stunden zuvor mit seinem Laserpointer über die Luftaufnahmen huscht, über den Hauptbahnhof, den Steintorplatz im Zentrum, das Stadion und besonders den Gästeeingang Südwest, hört sich das Ganze noch nach einer Sightseeing-Tour für die Schalker Anhänger an. Entspannte sechseinhalb Kilometer um die Innenstadt herum zum Stadion. Geführt von der niedersächsischen Polizei.

Der Konferenzraum in dem nagelneuen Polizeigebäude ist bis auf den letzten Platz gefüllt, es riecht nach frischer Wandfarbe, 30 Beamte sitzen hier – und es ist leicht zu erkennen, wer wofür zuständig ist. Der Herr über die Pferdestaffel hat schon seine Reitschuhe mit den Sporen an, der Chef der Motorradfahrer seine Motorradjacke, nur die zwei mit den Overalls, die aussehen als seien sie aus dem Film „Top Gun“ gefallen, sind doch keine Hubschrauberpiloten.

Sie sind von der BFE, der Beweismittel- und Festnahmeeinheit. Das klingt nach Pfadfindern in Polizeiuniformen, doch das sind die harten Jungs, die dann reingeschickt werden, wenn sich sonst keiner mehr traut. Unter den 240 Beamten die heute im Einsatz sind, zählen 60 zur BFE. Unterstützt werden sie von neun Pferden und sechs Hunden.

Von Cyrson erzählt die Fakten: 49.000 Zuschauer werden erwartet, ausverkauft. 8000 davon Schalker. „300 B’s und 35 bis 40 C’s, zehn mit Stadionverbot“, sagt von Cyrson. Kategorie B, das sind gewaltbereite Fans, Kategorie C heißt: gewaltsuchende. Heutige Parallelveranstaltungen: Ein verkaufsoffener Sonntag und ein Martinsumzug. „Da müssen wir aufpassen, nicht, dass die Kinder noch Außerirdische sehen“, sagt der Einsatzleiter. Die Außerirdischen sind die randalierenden Fans, die spätestens seit dem Pokalausflug der Dresdner nach Dortmund vor knapp drei Wochen als ernsthaftes Problem auf der politischen Agenda stehen.

11.30 Uhr: „Viel Erfolg“

Mit diesen Worten, die von Cyrson am Ende der Besprechung in den Raum wirft, beginnt der Einsatz von Ulrich Musmann. Der 53-Jährige ist Konfliktmanager bei der Polizei in Hannover. Zusammen mit dem ein Jahr älteren Detlev Kofbinger nimmt er die Gästefans in Empfang, begleitet sie zum Stadion, stellt sich dort mit in den Block und bringt sie wieder zurück. Sie sollen erste Ansprechpartner sein, Konflikte vermeiden, bevor sie entstehen.

Musmann – Norweger-Pullover, angegrautes Haar, eckige randlose Brille, Typ Sozialpädagoge – und Kofbinger, Typ Heiner Brand, steigen in die Autos und machen sich auf den Weg zum Hauptbahnhof. Dort legen sie ihre leuchtend-roten Westen an. „Polizei“ steht darauf und „Konfliktmanagement“. Sie sind unbewaffnet und ungeschützt.

800 Schalker Anhänger sollen gleich im Regionalexpress 4847 auf Gleis neun einrollen. Musmann ärgert sich noch, dass die Bundespolizei teilweise schon behelmt auf sie wartet. Er wünscht sich einen anderen Empfang, weniger aggressiv. „Das sind doch Gäste.“

Musmann wirkt merkwürdig euphorisiert. Er will unbedingt sehen, wie die Schalker aus dem Zug steigen. „Wenn die ankommen, dieses Platzhirschgehabe, das ist genial“, sagt er. Musmann und Kofbinger akzeptieren nicht nur die Fankultur, sie sind fasziniert von ihr.

13 Uhr: „Die Schalker, die sind da!“

Kofbinger begrüßt einen der Ultras mit Handschlag. Man kennt sich. Der Konfliktmanager ist auch Schalke-Fan. Er kommt aus Gelsenkirchen, hat sogar einen Mitgliedsausweis – oder besser zwei: einen von Schalke 04 und einen von Hannover 96. Wie Peter Neururer.

Als „der Mob“, wie ihn von Cyrson, Kofbinger, Musmann und alle Polizisten unverblümt nennen, geschlossen das Bahnhofsgebäude verlässt, stehen draußen noch einmal so viele Schalker und applaudieren. Es ist ein Empfang als würde ein Hofstaat inklusive Oberhaupt den Ernst-August-Platz betreten.

Doch unvermittelt nehmen einige Reißaus, die Frau zwischen den Autos weint und Kofbinger muss durch die Fußgängerzone hetzen, um den Mob wieder einzuholen. Die Pferde und ihre Reiter haben die meisten mittlerweile wieder eingefangen. Jetzt schließen die Ultras ihre Reihen abermals. 1500 marschieren und skandieren. Die Straßen gehören ihnen.

„Für den, der das nicht kennt, ist das wie Krieg“, sagt Musmann. Er kennt das. „Wir sind doch nur ein bisschen gelaufen“, sagt einer der Anführer zu ihm. Und mit „Laufspielen“ müsse man schließlich immer rechnen. „Das war ein Spaß, nichts gegen die Polizei.“ Natürlich nicht.

Am Stadion begrüßt Einsatzleiter von Cyrson die Fanbetreuer und Szenekundigen Beamten beider Lager. Er überragt seine Gesprächspartner deutlich. „Unnötiger Stress“ nennt er den Gewaltausbruch am Bahnhof. Von „hoher Anspannung“ spricht ein Schalker Fanbetreuer und von einer „Hetze der Presse“ gegen die Ultras. Keiner kommentiert das.

14.30 Uhr: Die Einsatzzentrale

Dann geht’s hoch unter das Dach der Arena, in eine umgebaute Loge. 23 kleine Schwarz-weiß- und zwei Farbmonitore flimmern hier, zwei Beamte sitzen davor und beobachten durch die vielen Kameras permanent die Fans. Aus dem Stadion dringt kaum ein Geräusch durch die großen Scheiben in die Einsatzzentrale.

Ein Beamer wirft den Einsatzablauf an die Wand. „14:25. EMS-Einsatz Schillerstraße, Schalke-Fan, männlich, Kat. b/c, greift Pol.-Beamten von hinten an, im Rahmen der Nothilfe setzt weiterer Pol.-Beamter EMS gegen den Angreifer ein.“ EMS ist der Einsatz-Mehrzweck-Stock, der Polizeiknüppel.

Drei Beamte schauen von hier oben auf den Rasen, halten den Kontakt zu den vielen Polizisten da draußen, eine Kollegin tippt alles in ihren Computer. In der Ecke sitzt auch noch ein Mann von der Bundespolizei. Doch es ist nicht sein Hoheitsgebiet.

Hinter ihm warten fünf Mitglieder des Innenausschusses des niedersächsischen Landtags. Von Cyrson muss ihnen die Arbeit erklären. Und im Moment auch viel kämpfen, für sein Konzept der ausgestreckten Hand, mit den Konfliktmanagern vorneweg.

15.25 Uhr: Noch fünf Minuten

Kofbinger und Musmann gehen Richtung Gästeblock. Immer mit dabei: Vier Beamte aus Lübeck. Praktikanten. Sie wollen in der Hansestadt auch Konfliktmanager werden. Und lernen jetzt, dass das Spiel die entspannteste Zeit des Tages wird. „In den Block können wir, wenn es brenzlig wird, eh nicht rein“, sagt Musmann, der am Kopf der Gästekurve steht. Keine Chance. Das Spiel beginnt. Schalkes Finne Pukki trifft – und das erste Bengalo brennt im Schalker Block. „Ihr müsst die Idioten gleich da raus holen“, sagt ein Schalker Fan zu Musmann, „geht mir nicht in Kopp rein, sowatt“. Verteidiger Papadopoulos trifft zum 1:1 ins eigene Tor.

16.17 Uhr: Halbzeit-Besprechung

„16:07. Ergänzung zu Pyrotechnik Gastfanblock. Keine Hinweise auf den Verursacher“, wirft der Beamer in der Einsatzzentrale an die Wand. Da nützten auch all die Kameras nichts.

Von Cyrson doziert über den Einsatz. Wieder sind die Verantwortlichen aus der 10.30-Uhr-Konferenz zusammengekommen. Der Ausbruch der Fans an der Schillerstraße? „Da hat man keine Chance. Gut, dass wir die Pferde hatten.“ Dann geht es um den Rücktransport der Gästefans. Den Zug vom Fischerbahnhof, der ganz in der Nähe des Stadions liegt, werden die Schalker Ultras nicht nehmen, ist sich der Fanbeauftragte sicher. Da sei nur ein Kiosk. Zu wenig Bier für hunderte Fans.

Also müssen sie wieder um die Innenstadt herum zum Hauptbahnhof geführt werden. Es wird eingeteilt: Nordkurve, Nordvorplatz, die Hunde sollen am Schützenplatz in Bereitschaft gehalten werden, die Gäste werden über die Stadionbrücke zurückgebracht. „Wir müssen verhindern, dass die Schalker zum Schützenplatz durchbrechen“, sagt von Cyrson. Es ist hier wie bei der Lagebesprechung des Oberkommandos kurz vor dem entscheidenden Feldzug.

Auf dem Weg zurück in den Gästeblock verpasst Musmann das 2:1 seiner Hannoveraner. Verdammte Halbzeitbesprechung. Am Ende steht es 2:2. Der kleine Finne hat noch ein zweites Mal getroffen.

17.30 Uhr: Abmarsch

Vor dem Stadion sammeln sich wieder die Ultras aus Gelsenkirchen, die Reihen werden geschlossen. Sechs Pferde nehmen sie in Empfang, rechts und links die Polizisten mit Helmen und Schlagstöcken. Der Abmarsch beginnt. Doch kurz hinter der Stadionbrücke wird es eng. Die rechten Fahrbahnen sind durch Autos verstopft.

Die Straßensperre hat nicht funktioniert. Der Mob bleibt nicht stehen. Die Pferde werden nervös, sie scheuen. Jedes Zucken der riesigen Tiere wird von höhnischem Gelächter und Gepfeife angefacht. Die Schalker werden immer lauter. „Die Straße frei“, rufen einige. Man gefällt sich in der Rolle des Puppenspielers – mit Pferden und Polizisten als Marionetten.

Immer wieder rennen Polizisten in Schutzmontur und Helm auf dem Kopf vorbei. Sie schwitzen, ihre Gesichter sind rot von der Anstrengung, die Straßen abzuriegeln, damit die Ultras nicht entfliehen können. „Optische Führung“, hatte von Cyrson das in der Halbzeitbesprechung genannt.

Und während die Polizisten vorbeihecheln, schließt immer wieder der noch 500 Mann umfassende Mob ganz dicht auf die Pferde auf und versucht, sie nervös zu machen. Nur zehn Meter Abstand haben Reiter und Fans. Und dazwischen: Musmann und Kofbinger.

Rechts taucht die Straßenbahn in einer Unterführung ab, bestimmt fünf Meter geht es dort bergab, der Bürgersteig auf der linken Seite wirkt plötzlich unendlich weit weg, vor der Brust haben sie die Pferde, im Rücken die grölenden Fans.

Nach der Eskalation an der Schillerstraße hatte Musmann gesagt: „Auch wenn es so aussieht, als hätten wir die im Griff, das haben wir nicht.“ Warum tun sich die beiden Konfliktmanager das an? Musmann hatte früher die Hausbesetzerszene in seinem Revier. Er mag es, im Konfliktbereich zu stehen, „ideal“ nennt er den Job – und muss dabei selbst lachen. Er weiß, das klingt verrückt. „Ich schlichte gern.“ Kofbinger machte den Job vor drei Jahren gar völlig allein.

Konfliktmanager waren und sind Teil der Deeskalationsstrategie, nur wollte keiner die Aufgabe übernehmen. „Also hab ich mich halt gemeldet“, sagt Kofbinger: „Anfangs sind wir belächelt worden. Heute findet ein Umdenken statt. Nicht immer nur Knüppel-raus. Und mittlerweile kommen Praktikanten zu uns, wollen unser System kopieren.“

Und die Angst? „Wenn ich Angst hätte, wäre das der falsche Job. Außerdem wollen die mir doch nichts.“ Viel Urvertrauen in zusammengerottete Menschenmassen. Um 18.50 Uhr fährt der Entlastungszug nach Gelsenkirchen ein, es wird ein letztes Mal laut, die Fans drängeln, einige klettern über die Fenster in den Zug. Abfahrt.

Musmann und Kofbinger ziehen ihre roten Westen aus. Arbeitsende. „Geschmeidig“, nennt Musmann den Einsatz. Dann gehen sie ein Bier trinken.