Manchester United

Alex Ferguson unterwirft auch die Zeit seinem Willen

Am Sonntag feiert der eiserne Schotte sein 25. Dienstjubiläum bei Manchester United. Seine Lebensleistung verblüfft die Fußball-Branche.

Foto: dapd / dapd/DAPD

Es klingt wie aus einem Western, aber der Showdown war schon vorüber, als Ottmar Hitzfeld und Alex Ferguson in einem langen, dunklen Gang unter Barcelonas Camp Nou aufeinander zuliefen. Hinter ihnen lag das denkwürdigste Finale der Europacup-Geschichte, draußen tobte immer noch der Lärm, aber unten war alles ruhig, ein Moment der Einkehr nach dem Wahnsinn: Die beiden Feldherrn näherten sich, blieben stehen. Dann nahm Ferguson sein Gegenüber in die Arme, er sagte ein Wort, nur ein einziges Wort: „Sorry“.

Ferguson begann mit dieser Geste eine Freundschaft, die bis heute Bestand hat, denn Hitzfeld hat sie nie vergessen. Im Triumph, mehr noch als in der Niederlage, zeigt sich der Charakter – und ja, ein Triumph war es, dieser Champions-League-Sieg 1999 durch zwei Tore in der Nachspielzeit gegen Bayern München. Als erste englische Mannschaft gewann Manchester United dadurch das Triple, Ferguson war endgültig angekommen im Pantheon seiner Gilde. Wenige Wochen später wurde er zum Ritter des britischen Empire geschlagen. 58 Jahre alt, seit 13 Jahren beim Klub – bestimmt würde er sich an eine alte Weisheit des Sports halten und auf dem Höhepunkt den Rückzug vorbereiten.

Er hat es versucht, das 60. Lebensjahr sollte sein letztes auf der Trainerbank werden, aber an Neujahr 2002, einen Tag nach seinem Geburtstag, stand seine Frau mit den drei Söhnen vor seinem Bett. Lady Cathy sagte: „Wir haben entschieden, dass du nicht zurücktrittst.“

Seitdem wurde über das Thema nicht mehr gesprochen, und wenn er 1999 in das Pantheon des Fußballs einzog, dann erhebt ihn dieser Sonntag in den Olymp. Ferguson feiert heute sein 25-jähriges Dienstjubiläum bei Manchester United. Die durchschnittliche Amtszeit eines Kollegen im relativ trainerfreundlichen England beträgt zwei Jahre, in den anderen Spitzenligen liegt sie noch darunter. 25 Jahre, tagein, tagaus, Liga, Pokal, Champions League, jede Entscheidung seziert von Hunderten Journalisten, relevant für ein milliardenschweres Business und über 330 Millionen Fans weltweit. 25 Jahre, quer durch die Epochen – der des falschen Pathos unverdächtige Hitzfeld nennt es „ein kleines Wunder“.


1986 soffen die Profis noch, was das Zeug hielt

Als Ferguson am 6. November 1986 in Manchester anfing, gab es noch kein Bezahlfernsehen, keine Ernährungstrainer, die Fußballer verdienten sechsstellig und soffen, was das Zeug hielt. Uniteds große Zeiten von Trainer Matt Busby und Spielmacher Bobby Charlton lagen Jahrzehnte zurück, der Klub war nur noch Mittelmaß, seine Strukturen „ein Regen voller Scheiße“, wie Ferguson einmal sagte in seiner typisch unverblümten Diktion. Der Sohn eines Werftarbeiters aus Glasgows härtestem Viertel Govan hatte sich nach einer Lehre an den Docks – für sieben Pfund die Woche – und einer soliden Stürmerkarriere bereits beim FC Aberdeen den Ruf eines besonderen Trainers erworben; für ein paar Jahre brach er dort die ewige Übermacht der Glasgower Klubs Celtic und Rangers und holte 1983 mit Siegen gegen Bayern und Real Madrid sogar den Europapokal der Pokalsieger. Aber an United, dem kranken Mann des englischen Fußballs, drohte auch er zu scheitern. Allein Busby und Charlton bewahrten ihn vor dem Rausschmiss, ehe er 1990 mit dem FA Cup den ersten Titel gewann.

Das Timing war günstig, englische Klubs durften erstmals nach der tödlichen Randale von Heysel wieder am Europacup teilnehmen und im Sommer darauf entstand die Premier League; mit ihr kam das große Geld. Ferguson baute ein Spitzenteam nach dem nächsten, von Cantona über Beckham und Keane bis Ronaldo und Rooney: Er schaffte, was noch keinem Trainer gelungen war – die Generationen kommen und gehen zu lassen, dabei selbst zu bleiben und nie an Qualität einzubüssen. Zwölf der 19 Titel, die United zu Englands Rekordmeister machen, hat er gewonnen.

Das geht nur, wenn einer, wie Hitzfeld betont, „harte Entscheidungen“ treffen kann und wenn er „authentisch“ ist. Die Geste von 1999, sie hat Hitzfeld viel über Ferguson gesagt. „Ehrlichkeit und Glaubwürdigkeit, er ist jemand, der Werte vermittelt.“ Ewige Werte – so altmodisch er wirken mag, wenn er auf dem Trainingsgelände seinen Lieblingssong von Josef Locke, einem Revuesänger der 1950er-Jahre, trällert, so zeitlos sind seine Reden über Fußball. Wayne Rooney berichtet: „Nach manchen seiner Ansprachen gehen wir auf den Platz und denken nur: ‚Wie gut war das denn‘“.

Rooney gilt als Paradebeispiel dafür, wie die harte, nur bisweilen herzliche Hand des ehemaligen Gewerkschafters noch die schwierigsten Spieler diszipliniert. „Man management“, sagen sie auf der Insel – Ferguson hat dazu einst die Regierung Blair beraten, und er macht aus seinem autoritären Führungsstil keinen Hehl. Eine gute Beobachtungsgabe und die Moderation des Wandels seien wichtige Säulen seines Erfolgs, erklärte er einmal Studenten der Universität Dublin. Aber am wichtigsten sei Kontrolle. „Verliere ich einmal die Kontrolle über diese ganzen Multimillionäre in unserer Kabine, bin ich erledigt. Also verliere ich sie nie. Widersetzt sich jemand meiner Kontrolle, ist er erledigt.“

Ferguson treibt an, eine Welt nach seinem Willen zu ordnen. Im Morgengrauen bricht er auf zur Arbeit, spätnachts kommt er nach Hause. Cathy ist das recht so. „Wo willst du sonst hin, mit deiner ganzen Energie?“, hat sie ihn damals vor dem Bett gefragt. Diese Woche hat der Jubilar ein Dinner gegeben und zur allgemeinen Überraschung das poetische Wort „Märchen“ über sich im Mund geführt, aber vor allem gesagt: „Mich interessieren die nächsten 25 Jahre.“ Die Vergangenheit kümmert ihn nur so lange, bis er sie überwunden hat. Nach dem 1:6 gegen den neureichen Nachbarn Manchester City von vor zwei Wochen hat er da ordentlich zu tun.


Legendärer Jähzorn nach Niederlagen

Ottmar Hitzfeld war bei der deftigsten Pleite in der Karriere seines Freundes im Stadion, vor dem Match trafen sie sich auf einen Tee, „danach wollte ich ihn lieber nicht mehr stören“. Fergusons Jähzorn nach Niederlagen ist legendär, David Beckham kickte er im Affekt einmal den Fußballschuh ins Gesicht. Beckham, Produkt von Fergusons geliebter Jugendakademie, sagt, dass es die Angst vor dem „Boss“ sei, die United-Spieler zu Höchstleistungen stimuliere, aber er sagt auch: „Er ist der Grund, warum ich erfolgreich war. Er gab uns alles, was wir brauchten, um zu werden, was wir heute sind – als Spieler und Menschen.“

Und so bastelt der Sir aus Govan weiter, an Männern und an Titeln. Wie lange das noch so geht? „Schwer eine Prognose zu stellen“, sagt Hitzfeld, „aber ein Ende ist nicht in Sicht.“ Nur in einem ist sich der alte Rivale sicher: „25 Jahre bei einem Verein – ich kann mir nicht vorstellen, dass so etwas noch einmal erreicht wird.“