Siegtor im Derby

Lazio-Stürmer Klose ist der "wahre König von Rom"

Nach seinem Siegtreffer im Derby gegen den AS Rom feiern Lazio und Italien Miroslav Klose. Der Nationalstürmer nimmt die WM 2014 in Brasilien ins Visier.

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Dritte Minute der Nachspielzeit, ein gelupfter Pass in den Strafraum, eine Ballannahme, ein bisschen Glück im Zweikampf, ein perfekter Abschluss mit dem Innenrist ins lange Eck. Letzte Aktion des Spiels, das Tor zum Sieg: Aus diesem Stoff ist er, der ewige Stürmertraum.

Miroslav Klose hat ihn am Sonntagabend erlebt , und doch ist das erst die halbe Geschichte. Denn es war ja nicht irgendein Ligamatch, das er da 22 Sekunden vor Spielende entschied, sondern das Spiel der Spiele, jedenfalls in dem Kosmos, in dem er jetzt lebt.

Das Römer Derby zwischen Kloses Lazio und AS ist nicht das hochklassigste Stadtduell der Welt und auch nicht das traditionsreichste, aber an Intensität und purem Wahnsinn können es nicht viele mit ihm aufnehmen.

In Rom geht es um mehr

In Rom bekämpfen sich die beiden Klubs nicht, sie hassen sich, wie Lazios Christian Brocchi sagt, und in Rom geht es auch nicht darum, dass Erfolg im Fußball nach allgemeiner Übereinkunft in Titeln gemessen wird. In Rom wird die Saison in erster Linie durch die Derbys definiert.

Ein größeres Tor als das von Miroslav Klose am Sonntagabend zum 2:1 (0:1) im Derby kann ein Fußballspieler in der ewigen Stadt also gar nicht schießen. Der Deutsche wird das spätestens gemerkt haben, als er nach kurzem Solojubel von den Kollegen eingeholt wurde: Klubkollegen, wohlgemerkt.

Bis hin zu Ordnern und Mitarbeitern des Vereinsradios stürmten die „Laziali“ auf ihren neuen Heros zu – die vergangenen fünf Derbys hatten die Hellblauen allesamt verloren, eine Menge Frust musste sich da entladen. Hätte Klose seinen berühmten Torsalto eingebaut, sie hätten ihn wahrscheinlich aus der Luft gefangen und auf Händen aus dem Olympiastadion getragen.

"Wahrer König von Rom"

Zum „Mito Klose“, Mythos Klose , inthronisierte den Deutschen am nächsten Tag die „Gazzetta dello Sport“. Den „wahren König von Rom“, nennt ihn die Konkurrenz vom „Corriere“. Sein Imperium basiert dabei nicht nur auf der Größe des Augenblicks, sondern hat sich in drei Monaten beim Klub schon ein erstaunliches Fundament erarbeitet.

Nach acht Pflichtspielen steht Klose bei sechs Treffern, fünf Vorlagen – und einer unumstrittenen Führungsrolle . Wo Mitspieler und Fans anfangs denken mochten, sie bekämen einen abgehalfterten Altstar vorgesetzt, haben sie den ewigen Klose kennen gelernt – der rackert und Lücken reißt, der ein feiner Fußballspieler ist, aber das nicht mit Allüren vor sich her trägt, und der immer noch so motiviert ist wie am ersten Tag beim 1. FC Kaiserslautern.

Deshalb wollten sie ihn bei Lazio unbedingt, deshalb haben sie ihm trotz seiner 33 Jahre den Dreijahresvertrag, die Einsatzgarantien und die Wertschätzung gegeben, die der Sicherheitsmensch Klose braucht, um zu gedeihen. Drei Jahre, das ist der letzte Zyklus seiner Karriere, und wie er jetzt im „Kicker“ andeutete, würde er ihn gern voll machen, einschließlich Nationalmannschaft und einer Teilnahme an der Weltmeisterschaft 2014. „Wer meinen Ehrgeiz kennt, weiß, dass mich das reizt“, sagte er.

Trainer dankt persönlich

Die ungestillte Ambition fasziniert auch seinen Trainer Edoardo Reja, der Klose „außergewöhnlich“ nennt. Mit kindlichem Elan fegte der 67-Jährige nach dem Siegtor über den Platz, bis er Klose in seinen Armen hielt. Dass er dafür vom Schiedsrichter auf die Tribüne verbannt wurde, war ihm herzlich egal. Es galt persönlich Dank zu sagen.

Vor einem Monat stand Reja vor dem Rücktritt, trotz insgesamt sehr ordentlicher Arbeit – in seiner ersten Saison rettete er Lazio vor dem Abstieg, in der zweiten wurde er mit einem nicht gerade luxuriösen Kader Fünfter. Doch wie gesagt, solche vermeintlich objektiven Erfolge nutzen in Rom wenig, wenn einer gleichzeitig die Derbys verliert.

Reja also konnte die ständigen Mäkeleien nicht mehr ertragen, erst die Mannschaft überredete ihn zum Weitermachen. Klose soll einer der Wortführer gewesen sein, aber vor allem hat er jetzt dieses Tor geschossen, das Reja so dringend benötigte. „Endlich haben wir ein Derby gewonnen, ich hoffe, das führt zu einer Aussöhnung zwischen mir und den Fans“, sagte der Trainer.

Lazio-Fans unappetitlich wie eh und je

Lazio und seine Fans, das ist nicht erst seit Reja ein Thema für sich. Zwar hat es Präsident Claudio Lotito geschafft, die Macht der strammrechten Ultras etwas einzudämmen, aber zum Derby gerierte sich die Lazio-Kurve wieder so unappetitlich wie eh und je.

Vor Spielbeginn wurden die AS-Anhänger mit antisemitischen Gesängen verunglimpft, was umso geschmackloser war, als sich am Sonntag die Deportation der Römer Juden durch die Nazis von 1943 jährte.

Derweil kam Miroslav Klose in den zweifelhaften Genuss der Heldenverehrung nach Art des Hauses. In der Kurve, der einer seiner Vorgänger im Lazio-Sturm, Paolo di Canio, einmal den faschistischen Gruß entboten hatte, hing ein Plakat auf Deutsch: „Klose mit uns“. Die beiden „S“ kopierten die Runenschriftzeichen der SS.

Vor diesem Hintergrund klingt es nicht ganz so glücklich, dass viele Medienvertreter den neuen Starstürmer der Serie?A beharrlich „Il Panzer“ nennen. Auch wenn der Ausdruck eher bewundernd gemeint sein mag – spätestens seit Sonntag gibt es originellere Titel.