Aktion auf dem Rasen

Berlins Schiris unterbrechen aus Protest Spiele

Berlins Unparteiische unterbrechen an diesem Wochenende aus Protest alle Spiele und werden den Platz verlassen. Eine Aktion, um auf Gewalt gegen Schiedsrichter im Amateurfußball hinzuweisen.

Foto: Jakob Hoff

Am Wochenende werden die Fußball-Schiedsrichter in Berlin alle Spiele in der zehnten Minute unterbrechen und den Platz für fünf Minuten verlassen – eine Aktion, um auf Gewalt gegen Unparteiische im Amateurfußball hinzuweisen. Vor dem Protest diskutierten die beiden Schiris Ceyhun Aydin (21, seit acht Jahren Schiedsrichter) und Jakob Alaaeddine (17, seit einem Jahr Schiedsrichter), der Spieler und Trainer Gökhan Beyazgül (28) und der Vorsitzende des Berliner Fußball-Verbandes, Bernd Schultz (54).

Morgenpost Online: Meine Herren, was wäre der Fußball ohne Schiedsrichter?

Ceyun Aydin: Es gibt ja mittlerweile bei jedem Wettbewerb so etwas wie eine Jury, auch beim Eurovision Song Contest. Ohne Schiedsrichter geht es nicht. Aber die Frage muss man eigentlich dem Spieler stellen…

Gökhan Beyazgül: Man könnte sich gleich auf dem Bolzplatz treffen. Aber es geht um Meisterschaften.

Morgenpost Online: Viele Spieler vermitteln aber nicht den Eindruck, als seien ihnen die Schiedsrichter besonders wichtig. In Berlin gibt es immer wieder Fälle, in denen welche tätlich angegangen wurden. Hat man da als Unparteiischer noch Lust?

Aydin: Für mich geht es beim Schiedsrichtersein darum, mich persönlich zu entwickeln. Ich muss 22 Leute delegieren, etwas organisieren. Man lernt dadurch für den Alltag. Es ist ja nicht so, dass ich auf den Platz gehe, das Spiel anpfeife, abpfeife und wieder nach Hause fahre.

Jakob Alaaeddine: Ich liebe Fußball, und ich lasse ihn mir von niemandem kaputt machen, egal was passiert.

Morgenpost Online: Herr Aydin, Herr Alaaeddine, was haben Sie für negative Erfahrungen gemacht?

Aydin: Mich hat ein Spieler weggestoßen, mehr ist nicht daraus geworden, weil andere Spieler dazwischengegangen sind. Die haben mich dann auch in die Kabine gebracht, damit es dabei bleibt.

Alaaeddine: Ich habe ein E-Jugend-Spiel gepfiffen, die Spieler sind also noch nicht mal zehn Jahre alt. Es gab ein paar Aufreger. Und dann kam plötzlich ein Zuschauer aufs Spielfeld, während des Spiels, direkt auf mich zu. Er hätte mich wahrscheinlich geschlagen.

Morgenpost Online: Aber?

Alaaeddine: Andere Eltern haben sich dazwischengestellt. Ich habe das Spiel dann abgebrochen. Weil meine Kabine nicht abschließbar war, aber zwei Eltern gepöbelt haben und hinein wollten, habe ich die Polizei gerufen. Ich hatte panische Angst.

Morgenpost Online: Was haben diese Erfahrungen mit Ihnen gemacht?

Alaaeddine: Ich hatte Angst, den Eltern in der U-Bahn zu begegnen. Meiner Mutter habe ich direkt nach dem Spiel gesagt, ich höre auf mit dem Pfeifen, das lasse ich mit mir nicht machen.

Morgenpost Online: Offenbar haben Sie sich doch anders entschieden.

Alaaeddine: Ja, ein paar Tage später hatte ich mich beruhigt, da ging es wieder. Ich habe mich dann gefragt, ob ich etwas falsch gemacht habe.

Morgenpost Online: Haben Sie?

Alaaeddine: Vielleicht. Ich bin noch unerfahren. Aber man kann immer noch was Positives daraus ziehen, lernen.

Aydin: Man überlegt sich, ob man seine Gesundheit für sein Hobby gefährden will. Aber wenn ich nicht dabei wäre, würden die sich auf dem Feld untereinander die Köpfe einschlagen. Ich versuche, den Menschen etwas zu vermitteln, zu verhindern, dass etwas passiert. Deshalb mache ich weiter. Und es muss einfach in die Köpfe der Leute, dass ein Schiedsrichter Fehler machen darf. Ich gehe doch auch nicht zum Spieler und mache den an, weil er das Tor nicht getroffen hat.

Morgenpost Online: Herr Beyazgül, Sie sind Fußballer. Berichten Sie mal von Ihrem Umgang mit Schiedsrichtern.

Beyazgül: Handgreiflich bin ich nie geworden, verbal habe ich sie oft attackiert. Fußball lebt von Emotionen. Man trainiert vier, fünf Mal, am Spieltag schauen die Eltern zu, da will man alles geben. Jeder Fußballer geht davon aus, dass er der Größte ist. Man kann alles, man weiß alles. Und wenn man dann kurz davor ist, ein Tor zu schießen und der Schiedsrichter pfeift ab, dann reagiert man über. Ich kenne den Schiedsrichter ja gar nicht persönlich, aber in dem Moment ist er jemand, der mich an meinem Erfolg gehindert hat.

Morgenpost Online: So ein Verhalten ist also gerechtfertigt?

Beyazgül: Auf keinen Fall.

Morgenpost Online: Seit einer Weile sind Sie auch Trainer einer Mannschaft mit 16 bis 17 Jahre alten Jungs.

Beyazgül: Ich sehe alles von draußen, da ist der Blick ein ganz anderer. Man kommt nicht mehr, spielt Fußball und geht wieder nach Hause. Es ist viel mehr. Seitdem habe ich großen Respekt vor Schiedsrichtern. Ich helfe ihnen, wo ich kann. Wenn sie etwas nicht sehen können, beim Einwurf oder so, zeige ich es an. Und zwar im Zweifel gegen meine Mannschaft.

Morgenpost Online: Herbert Fandel, der Vorsitzende der DFB-Schiedsrichter-Kommission, sagt, dass Gewalt gegen Unparteiische ein gesellschaftliches Problem ist, weil man den Frust von unter der Woche auf dem Platz ablässt.

Bernd Schultz: Man kann unter der Woche angestauten Frust natürlich am Wochenende nicht ausblenden. Aber da müssen Spieler sich fragen, ob das Hobby der richtige Platz ist, um ihn abzubauen. Das kann also eine Erklärung sein, aber man darf es sich auch nicht zu einfach machen, weil man den Leuten damit ein Alibi bietet.

Beyazgül: Wenn man gute Laune hat, dann spielt man gut. Wenn man schlechte Laune hat, spielt man schlecht. Dann entsteht Frust, weil es mit dem eigenen Spiel nicht klappt. Und plötzlich ist da jemand, der hat die Macht und versucht dich in die Schranken zu weisen.

Morgenpost Online: Haben Schiedsrichter durch arrogantes Verhalten manchmal einen Anteil daran, dass die Spieler wütend werden?

Beyazgül: Manche versuchen, ihre Autorität bis zum Äußersten auszunutzen. So nimmt man den Spielern den Spaß. Und das kann nicht Sinn und Zweck sein.

Morgenpost Online: Was macht man dann?

Aydin: Ich habe einen Schiedsrichterkollegen erlebt, der bei einem A-Jugend-Spiel allen 22 Spielern Gelb gezeigt und außerdem drei Leute verwarnt hat. Dann muss man so klug sein, und sich zusammenreißen. Der Verein kann sich später beim Schiedsrichteransetzer beschweren. Und wenn die Kritik berechtigt ist, dann wird da auch reagiert.

Schultz: Auch bei den Schiedsrichtern gibt es unterschiedliche Typen. Man kann versuchen, deren Persönlichkeit weiterzubilden, aber niemand kann garantieren, dass so etwas nicht mehr passiert. Deshalb gibt es ja auch bei den Schiedsrichtern Auf- und Abstiege. Und die richtig guten pfeifen in den oberen Ligen.

Morgenpost Online: Inwieweit haben Bundesligaspieler mit ihrem Verhalten gegenüber Unparteiischen eigentlich eine Vorbildfunktion?

Beyazgül: Ich glaube, dass die großen Stars andere Fußballer beeinflussen, das sehe ich ja bei meinen Jungs. Wie die sich verhalten, wie die sich kleiden, wie die sich stylen vor dem Spiel. Die wollen alle mal ein Cristiano Ronaldo sein. Und wenn Schiedsrichter Fehler machen, dann erkennt man im Verhalten der Spieler Dinge wieder, die man am Tag davor in der Sportschau gesehen hat.

Schultz: Sehe ich auch so. Profifußballer müssen sich absolut bewusst sein, dass sie Vorbilder sind. Wobei man sagen muss, dass in der Bundesliga keine Schiedsrichter verprügelt werden.

Morgenpost Online: Was kann man als Schiedsrichter tun, um Aggressionen von Spielern zu verhindern?

Aydin: Bei manchen Spielern kann man alles versuchen. Man kann lieb zu ihnen sein, man kann streng zu ihnen sein. Ganz egal. Wenn sie Stress machen wollen, werden sie es tun. Ich kann sie vom Platz stellen, mehr nicht. Verändern können sie nur die Vereine. Die sehen ihre Spieler mehrmals in der Woche. Ohne deren Unterstützung geht es nicht.

Morgenpost Online: Eine Maßnahme ist auch die Aktion am Wochenende. Schiedsrichter gehen nach zehn Minuten für fünf Minuten vom Platz. Kann man damit etwas erreichen?

Alaaeddine: Nein, muss ich ganz deutlich sagen. Das wird gar nichts bringen. Ich habe mit vielen darüber geredet. Schiedsrichtern, Spielern, Trainern. Die sind alle meiner Meinung. Der Schiedsrichter geht für fünf Minuten runter, kommt wieder, und es geht weiter.

Schultz: Das ist natürlich nicht Sinn der Aktion. In den fünf Minuten soll man nachdenken oder sie zur Diskussion nutzen. Wir sind überzeugt davon, dass es mindestens für die Darstellung nach außen Auswirkungen hat. Wir werden nicht sämtliche Verhaltensweisen ändern können. Soweit gebe ich dir Recht.

Aydin: Die Frage ist, ob es die Leute interessiert. Ein Beispiel: Mich hat mal ein Verein gefragt, ob ich vor dem Training mit Spielern und Trainern darüber reden kann, wie man die Kommunikation auf dem Platz verbessert. Also haben wir uns unterhalten. Nach fünf Minuten saß ich dort noch mit einem Stürmer, einem Trainer und einem Betreuer. Die anderen haben aufs Tor geschossen.

Beyazgül: Meine Mannschaft hat ein richtungsweisendes Spiel. Wenn der Schiedsrichter das dann einfach unterbricht und abhaut, dann werden sich die Spieler schon umschauen.

Vier Angriffe auf Referees

Faustschlag: Letzter Auslöser für den Protest war ein Vorfall Mitte September, als Schiedsrichter Gerald Bothe (50, Hertha BSC) nach einem Faustschlag durch einen Spieler bewusstlos ins Krankenhaus gebracht wurde. Kurz stand sogar ein Streik zur Diskussion, doch der Berliner Fußball-Verband wollte keine neue Konfrontation.

11 Spielabbrüche hat es in dieser Saison schon gegeben, vier davon wegen Gewalt gegen den Schiedsrichter. Vier Spieler wurden bereits bestraft.

Kreisliga: Auch die Top-Schiedsrichter des BFV beteiligen sich. Angeführt von Bundesliga- und bald auch Fifa-Schiedsrichter Felix Zwayer pfeifen sie Spiele der unteren Berliner Ligen.