Christian Ulmen

"Als Regisseur würde Heynckes Pilcher-Filme drehen"

Warum Christian Ulmen Spieler mit großer Klappe vermisst, Prolls auf und neben dem Platz liebt und Jupp Heynckes mit Rosamunde Pilcher in Verbindung bringt.

Foto: dpa / dpa/DPA

Jeden Morgen verwandelt sich Christian Ulmen, 35, in einen Sportdirektor. Nach dem Zeitungslesen loggt er sich mit seinem Computer in ein Internet-Managerspiel ein. Der in Berlin lebende Hamburger ist einer der erfolgreichsten Schauspieler des Landes – sein neuer Film „Männerherzen 2“ kommt am 15. September in die Kinos. Und er ist riesiger Fußball-Fan.

Morgenpost Online: Und, Herr Ulmen? Haben Sie eine gute Mannschaft zusammen?

Christian Ulmen: (klickt sich durch seinen Kader) Klar. In vier Jahren bin ich in unserer Liga dreimal Meister geworden. In dieser Saison habe ich zum Beispiel Mario Gomez im Sturm. Und Mathew Lecki, den Neuen von Borussia Mönchengladbach. Der wird einschlagen.

Morgenpost Online: Wären Sie auch in echt ein guter Fußball-Manager?

Ulmen: Das ist ja das Tolle am Fußball: Jeder denkt, dass er das kann. Ich natürlich auch.

Morgenpost Online: Sie haben Erfahrungen mit Spielern: Für eine Werbeaktion spielten Sie einen FC-Bayern-Fan und verbrachten einige Tage im Klub.

Ulmen: Vor der Aktion war ich dem Pflicht-Klischee erlegen, die Bayern doof finden zu müssen. Ich war überrascht, wie gewöhnlich es dort zugeht. Lucio kam mir vor dem Training mit seinem Turnbeutel entgegen, wirklich. Mit Bastian Schweinsteiger musste ich ein Wetttrinken absolvieren. Dabei habe ich den urgewaltigen Killerinstinkt der Bayern kennengelernt. Schweinsteiger hat selbst dieses Quatsch-Spiel todernst genommen und innerhalb kürzester Zeit sieben halbe Liter eiskaltes Wasser auf Ex getrunken. Er konnte danach kaum Aufstehen und hat sich fast übergeben, aber eben gewonnen. Darum ging’s. Um jeden Preis. Ich finde den Klub seither regelrecht okay.

Morgenpost Online: Ihr Lieblingsverein ist Hertha BSC.

Ulmen: Ja. Meine schönste Hertha-Zeit war, als die Boateng-Brüder noch da waren. Und Ashkhan Dejagah. Als die sich mit Patrick Ebert zur Hip-Hop-Gang formierten. Da passte die Mannschaft erstmals kongenial zu Berlin: Leicht angeprollter Ghetto-Flair. Toll. Wie aus einem alten Sido-Track. Dafür wurde Hertha kritisiert, Boateng und Co bekamen ein sogenanntes „Persönlichkeitstraining“ von Dieter Hoeneß (damaliger Hertha-Manager/d. Red.) verordnet. Fand ich schade, denn Boateng ist mehr Berlin als Fabian Lustenberger.

Morgenpost Online: Ist es Ihnen als Fan wichtiger als der Erfolg, solche Typen in Ihrem Klub zu haben?

Ulmen: Nein, aber ich fand diesen rauen Geist originell und dem Erfolg zuträglich. Im Hip-Hop hält sich jeder Protagonist standesgemäß für den besten und betont, wie geil er ist. Das hatten diese Spieler damals auch alle. Sie hielten sich für unbesiegbar. Diese unterhaltsame Arroganz, die mir gefällt und leider vielen Spielern abtrainiert wird. Damit sie in Interviews nicht sagen: ,Natürlich werden wir Meister.’ Sondern: ,Wir streben einen gesunden Mittelfeldplatz an.’ Ihnen wird beigebracht, den Mund nicht zu voll zu nehmen.

Morgenpost Online: Ihnen fehlen die Typen in der Bundesliga?

Ulmen: Ich stelle nur eine Tendenz fest. Borussia Dortmund hat die Typen zum Beispiel.

Morgenpost Online: Aber die haben in der vergangenen Saison sogar als Tabellenführer lange nicht von der Meisterschaft gesprochen.

Ulmen: Das ist das einzige Manko (lacht). Aber sie strahlen Selbstbewusstsein aus, eine sympathische Arroganz!

Morgenpost Online: Sie wünschen sich also mehr Authentizität bei Spielern anderer Klubs?

Ulmen: Als Zuschauer will ich sehen, dass die alle eitel vorpreschen. Und ich will auch hinterher schadenfroh sein können, wenn sie den Mund zu voll genommen haben. So wie vor dem Kampf von Wladimir Klitschko neulich, als sein Gegner David Haye wochenlang provozierte. Ich mochte es, diesem Großmaul den Untergang zu wünschen. Das vermisse ich etwas im Fußball.

Morgenpost Online: „Mia san mia“ in Berlin oder Kaiserslautern?

Ulmen: Jeder Klub sollte sagen: Wir werden Meister! Auch der FC Augsburg. Mit diesem unrealistisch anmutenden Ansinnen sollten die Mannschaften ins Rennen gehen. Dann macht es viel mehr Spaß.

Morgenpost Online: Welcher Spieler imponiert Ihnen?

Ulmen: Patrick Ebert. Aus meiner Fan-Sicht ist er der Poldi der Hertha. Er ist der einzige wahre Berliner da. Und am Ball sehr stark.

Morgenpost Online: Was fasziniert Sie so am Fußball?

Ulmen: Das zu analysieren, finde ich langweilig. Ich bin in Hamburg-Marienthal groß geworden, eine Tennis- und Hockeyklub-Gegend. Fußball war als Proll-Sport verpönt. Ich wurde zum Tennis spielen gezwungen. Einmal habe ich sogar gegen einen Jungen verloren, der eine künstliche Luftröhre hatte und nicht räumlich sehen konnte. Auch, weil seine Familie ihn enorm angefeuert hat. Als ich dann in Berlin das erste Mal im Olympiastadion war, war ich zum ersten Mal angefixt, keine Ahnung, wieso.

Morgenpost Online: Und unterstützen Sie Hertha seitdem so lautstark, wie es die Familie des Jungen damals getan hat?

Ulmen: Ich nehme Fußball sehr ernst. Und pfeife nie. Das ist eine absolute Unverschämtheit und Unart.

Morgenpost Online: Warum?

Ulmen: Während der 90 Minuten ist es als Fan mein Job, dafür zu sorgen, dass die sich da unten auf dem Rasen unterstützt fühlen. Es ist doch kein Theaterstück, wo ich buhe, wenn es mir nicht gefällt. Man muss als Fan eine Leidensbereitschaft mitbringen.

Morgenpost Online: Aber es muss doch Situationen geben, wo auch Sie pfeifen.

Ulmen: Wenn der Gegner bei Auswechslungen auf Zeit spielt. Und wenn die Aufstellung der gegnerischen Spieler vorgelesen wird natürlich der obligatorische …schloch!-Ausruf. Mein Sohn hat mich neulich gefragt, was das bedeutet. Ich habe ihm gesagt: „Das ist ein Fußball-Kosewort, ‚Schloch’, das sagt man einfach so.“ Seitdem brüllen wir das zusammen.

Morgenpost Online: Inspiriert Sie der Fußball für Ihre Arbeit?

Ulmen: Es gibt durchaus Parallelen zwischen Fußball und Drehen. Der Regisseur ist der Trainer. Er sagt den Spielern – den Schauspielern – was er von ihnen verlangt. Und Schauspieler sind wie Fußballer: empfindlich, beleidigt, neurotisch. Und eine Filmpremiere ist wie eine Meisterschaftsfeier: Danach gibt es das Besäufnis. Ich lebe im Grunde das Leben eines Fußballprofis – verdiene nur weniger.

Morgenpost Online: Und müssen bei der Feier von zwei Wachmännern gestützt werden, weil Sie so betrunken sind? So war es bei Dortmunds Kevin Großkreutz.

Ulmen: Ich verlasse die Feier ohne Wachmänner, bin aber genauso betrunken (lacht).

Morgenpost Online: Welcher Trainer wäre ein guter Regisseur?

Ulmen: In homöopathischer Dosis muss ein Regisseur immer auch minimal Robinson-Club-Animateur sein und motivieren können. Ich glaube, Jürgen Klopp ist ein guter Robinson-Club-Animateur. Und deshalb wäre er in dieser Analogie wohl auch ein guter Regisseur.

Morgenpost Online: Wie wäre es mit Jupp Heynckes?

Ulmen: Ganz klar: Heynckes würde Rosamunde-Pilcher-Filme drehen. Oder Inga Lindström, die sonntagabends im ZDF laufen. Die Dinger, wo das Drehbuch simpel ist und nicht wahnsinnig viel Neues ausprobiert wird. Und immer hohe Einschaltquote!

Morgenpost Online: Wenn der Fußball verfilmt werden würde: Wessen Rolle würden Sie spielen?

Ulmen: Miroslav Klose natürlich.

Morgenpost Online: Wieso ausgerechnet Klose?

Ulmen: Ich laufe beim Fußballspielen genau wie er. Ich habe auch dieses Ballerina?hafte. Mit den Raptor-artig angewinkelten Ärmchen. Mir fehlt aber der sogenannte Bums. Beim Schießen habe ich überhaupt keine Kraft.

Morgenpost Online: Haben Sie Ihre Frau, die Moderatorin Collien Ulmen-Fernandes, zum Hertha-Fan gemacht?

Ulmen: In den meisten Ehen ist Fußballleidenschaft ja eine eher einseitige Kiste. Ich bin aber guten Mutes, dass der Funke noch überspringt.

Morgenpost Online: Was ist Ihr Fußball-Traum?

Ulmen: Ich möchte, dass Hertha Meister wird.

Morgenpost Online: Trainer Markus Babbel hat sich nach dem Aufstieg ein Hertha-Tattoo stechen lassen. Würden Sie das im Falle der Meisterschaft auch machen?

Ulmen: Nein. Ich würde eine Fan-Hymne komponieren.

Morgenpost Online: Wie reagieren Sie eigentlich, wenn ein Filmproduzent Ihnen sagt: Unser Dreh beginnt am Samstag um 15.30 Uhr?

Ulmen: Vor jedem Dreh dürfen die Schauspieler sogenannte „Sperrtermine“ angeben. Tage, an denen sie nicht können. Meist werden nur rund ein Viertel der Wünsche erfüllt, weil es logistisch nicht anders hinhaut. Jack Nicholson aber lässt sich für die Spiele des Baseballklubs New York Yankees blocken – immer! Bei mir hat das mit Hertha-Spielen leider irgendwie noch nie geklappt.

Morgenpost Online: Liegt es an Ihnen? Oder an Hertha?

Ulmen: (lacht) Wahrscheinlich an beidem.