Kaufen, kaufen, kaufen

PSG ist das französische Manchester City

Nach dem Einstieg Katars bei Problemklub Paris St. Germain hofft die französische Liga auf eine neue Blütezeit. Und Manager Leonardo kauft fleißig ein.

Foto: AFP

Viel kann in einem Jahr passieren, erst recht im Fußball. Vorigen Sommer drohte Paris St. Germain noch die Abschaffung per Dekret – Frankreichs Regierung hatte genug von dem Bandenkrieg, den rivalisierende PSG-Hooligans allwöchentlich vor der Haustür der Exekutive inszenierten.

Zwölf Monate später startet der Hauptstadtklub nicht nur als Favorit in die am Samstag beginnende Spielzeit. Von ihm ausgehend soll auch der französische Fußball nach Jahren der Depression in eine neue Blütezeit aufbrechen. Voller „Appetit und Ungeduld“, wartet „L’Équipe“ auf den Anpfiff. Mehr Tore, besserer Sport, internationale Erfolge – all das scheint plötzlich wieder greifbar.

Die märchenhafte Wandlung kommt aus 1001 Nacht – natürlich, ist man geneigt zu sagen: Allein arabische Scheichs jonglieren derzeit mit Summen, die ad hoc einen substanziellen Unterschied machen können. Der PSG hat bei der jüngsten Übernahmewelle ( Málaga , Getafe, 1860 München ) den Hauptpreis gezogen, wie er einer Stadt wie Paris wohl auch gebührt.

Seit Ende Mai wird 70 Prozent des Vereins von Qatar Sports Investment gehalten. Die Gruppe gehört Scheich Tamim bin Hamad Al Thani, und der ist Kronprinz von Katar – dem reichsten Staat der Welt.

Zwei Monate nach seiner Ankunft führt PSG die europaweite Rangliste für Transferausgaben an. 87,7 Millionen Euro wurden investiert, als jüngste Akquisition meldete sich Javier Pastore bereit für den Dienst unter dem Eiffelturm. Der argentinische Spielmacher kommt für 43 Millionen aus Palermo. „Sie leben jetzt auf einem anderen Planeten“, sagt Arsène Wenger, der elsässische Trainer des FC Arsenal. „Sie sind das französische Manchester City.“

Eingefädelt wurde der Pastore-Deal vom neuen Sportdirektor Leonardo, den Al Thani mit dem Versprechen auf eine Gehaltsverdopplung aus Mailand abwarb, wo er zuletzt den AC und Inter trainierte. Angeblich soll Leonardo, in den großen 1990er-Jahren des Vereins auch mal PSG-Profi, insgesamt bis zu 150 Millionen Euro ausgeben dürfen.

Die bisherigen Toptransfers tragen eindeutig seine Handschrift – auch Abräumer Momo Sissoko (Juventus), Flügelmann Jérémy Ménez (AS Rom) und Torwart Salvatore Sigiru (Palermo) kommen aus der Serie A. Jetzt soll noch ein Stürmer her, wobei die Kandidatenliste ganz gut die neuen Ansprüche in Paris illustriert. Gehandelt werden Samuel Eto’o (Inter), Diego Forlán (Atlético Madrid) und Dimitar Berbatov (Manchester United).

Abwärtstrend

Namen, von denen die Ligue 1 vor der Ankunft des Scheichs nicht einmal träumen konnte – die sie aber nur zu gut gebrauchen kann. Immer stärker kristallisierte sie sich in den letzten Jahren als schwächste unter Europas fünf großen Spielklassen heraus.

Sowohl im Umsatz als auch in den Zuschauerzahlen fiel sie ab, am schlimmsten war aber der Fußball. Trotz interessanter Ansätze bei Double-Sieger OSC Lille : Es regierten Athletik und Muskeln über Kunst und Fantasie. Mit 2,34 Toren im Schnitt fielen 2010/2011 wieder deutlich weniger Treffer als in den anderen Top-Ligen.

Nicht alle Beobachter sehen den Scheich-Einstieg daher so kritisch wie Uefa-Präsident und Landsmann Michel Platini („Bin kein Fan davon“), der sich mal wieder um seine geplante Lebensleistung „Financial Fairplay“ sorgt.

PSG-Fan Al Thani

Laurent Blanc etwa, der Nationaltrainer , scheint die Hauptstadt-Revolution allein schon deshalb zu goutieren, weil das Geld aus Katar mehr einheimische Stars in der Ligue 1 hält bzw. dorthin zurückkehren lässt; acht PSG-Spieler berief er in seinen jüngsten Kader. Schon gilt Al-Thanis Engagement als Beweis einer neuen Anziehungskraft des Fußball-Standorts Frankreich im Vorfeld der Heim-EM 2016.

Al Thani, 31 Jahre, zwei Frauen, vier Kinder, fließend in französisch, seit 2002 Mitglied des Internationalen Olympischen Komitees und treibende Kraft hinter der offensiven Sportpolitik des Emirats, unterhält seit jeher gute Kontakte nach Frankreich. Die Gallier unterstützten, nicht zuletzt in persona des Kampagnenbotschafters Zinédine Zidane, die erfolgreiche Bewerbung Katars für die WM 2022. Al Thani ist auch Nicolas Sarkozy gut bekannt, dem Präsidenten – und PSG-Fan.

Es heißt, die Regierung sei auch deshalb so entschlossen gegen das Gewaltproblem beim PSG vorgegangen, weil es Sarkozy bei seinen Besuchen im Prinzenpark direkt vor Augen geführt bekam. 2010 verbot das Kabinett fünf Fangruppen, nachdem ein PSG-Anhänger bei einem Heimspiel ums Leben gekommen war, getötet, nein, nicht durch gegnerische Fans. Durch eigene Fans.

Beispielloser Aktionsplan

Die PSG-Getreuen befehden sich untereinander entlang ihrer ethnischen Zugehörigkeit. Seit rechtsradikale Hooligans in den 1990er-Jahren die „Boulogne-Kurve“ des Prinzenparks zur „weißen Zone“ erklärten, sammelten sich die Einwanderer-Kinder in der gegenüberliegenden „Auteuil-Kurve“. Und so ging man dann aufeinander los.

Bis der Verein unter dem Regierungsdruck einen beispiellosen Aktionsplan durchführte, 13.000 Dauerkartenbesitzern die Verlängerung ihrer Tickets untersagte, Plätze nach dem Zufallsprinzip zuteilte und Frauen umsonst ins Stadion ließ.

Im Ergebnis sank der Zuschauerschnitt trotz der mit Platz vier erfolgreichsten Saison seit sieben Jahren von 33.266 auf 26.947. Weniger Ultras, leisere Kulisse, schlechtere Fernsehbilder. Aber dafür wieder so etwas wie Frieden im Prinzenpark. Für das Spektakel, so die Hoffnung, sorgen künftig ja die Kicker auf dem Platz.