Kolumne "Querpass"

In Fragen der Moral ist Sepp Blatter schonungslos

Kann es für den Fußball und im Sport etwas Besseres geben als den Fifa-Chef und seine Ethik-Kommission, die ständig emsig die Welt verbessern?

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Als glühende Anhänger des sauberen Fußballs haben wir dieser Tage allen Grund, uns im bequemen Ohrensessel ganz entspannt und erleichtert zurückzulehnen, dank der obersten moralischen Instanz – Sepp Blatter.

Da räumt einer auf.

Als letzter Bewahrer so bedrohter Werte wie Anstand, Respekt und Fairplay hat der Präsident des Weltfußballs am Samstag seine berühmte Ethik-Kommission zusammentrommeln lassen, um zu zeigen, dass es doch noch einen erkennbaren Unterschied gibt zwischen Schurke und Saubermann – jedenfalls hat das Fifa-Gericht mit Blatters schlimmstem Feind Mohamed bin Hammam nach zweitägiger Anhörung in Zürich kurzen Prozess gemacht und den alten Kameraden aus Katar wegen Korruption lebenslänglich aus dem Verkehr gezogen . Gesprochen wurde das Gottesurteil von Petrus – in dem Fall vom Vorsitzenden Petrus Damaseb aus Namibia.

Wenn es um Moral geht, ist Blatter schonungslos. Da kennt er keine Verwandten und ist nicht einmal mit sich selbst noch per du, wie unlängst vor der Präsidentenwahl, als der Sepp sogar widerspruchslos gegen den Blatter ermitteln ließ, um die Frage zu klären, ob er ein Ehrenmann ist oder womöglich der gleiche Spitzbube wie Bin Hammam. Aber alle Sorgen, dass er damit seinen eigenen Rücktritt forcieren könnte und das Urteil womöglich standrechtlich und durch eigene Hand selbst vollstrecken müsste, erwiesen sich am Ende als unbegründet. Er wurde entlastet – und stattdessen sein Rivale Bin Hammam überführt. Worauf der Weg zur Wiederwahl frei war. Unbehelligt kann Blatter seither wieder dafür sorgen, dass der Fußball sauber bleibt.

Denn nicht nur mit dem Korrupten aus Katar hat der Schweizer zuletzt geschwind aufgeräumt, sondern zuvor schon mit dem Verdacht, dass neulich beim Gold Cup in den USA fünf mexikanische Nationalkicker gedopt waren. Die wurden positiv auf das Kälbermastmittel Clenbuterol getestet, aber auf der Stelle hat ihr eigener Verband sie für unschuldig erklärt und den Befund mit dem Verzehr von kontaminiertem Rindfleisch begründet. Der Fifa-Chef, der zu der Zeit gerade in Mexiko war, nutzte die Gelegenheit zu einer blitzschnellen Presseerklärung – und mit dem Brustton der Überzeugung, die eigentlich nur einer haben kann, der bei jener Kälbermastmahlzeit mit Messer und Gabel daneben saß, gab er den fünf Verdächtigen seinen Segen in Form des Machtworts: „Es handelt sich garantiert um verseuchte Nahrung.“

Den Persilschein hat Fredi Bobic, der Sportchef des VfB Stuttgart, sofort zur bedenkenlosen Verpflichtung eines der Verseuchten genutzt, des Innenverteidigers Francisco Javier Rodriguez Pinedo, kurz: Maza, und auf den Freispruch von oben verwiesen: „Die Sache ist ad acta gelegt, das Thema für uns erledigt.“

Der Fußball freut sich, und viele fragen sich jetzt sogar, ob es Doping im Fußball überhaupt gibt – oder ob diese angebliche Seuche womöglich auch nur wieder eine unsägliche Erfindung der Medien ist. Jedenfalls jagt dank Blatter eine gute Nachricht die nächste – an einfachen Beispielen erklärt er uns den Unterschied zwischen Gut und Böse.

Kann es also für den Fußball und im Sport etwas Besseres geben als den Fifa-Chef und seine Ethik-Kommission, die ständig emsig die Welt verbessern?

Ja, glaubt Mohamed bin Hammam. Jedenfalls will dieser soeben Verstoßene das schier Unmögliche fertigbringen und beweisen, dass eine andere ehrenwerte Gesellschaft moralisch noch viel erstklassiger ist als Blatters Ethik-Kommission – nämlich der Internationale Sportgerichtshof in Lausanne, kurz: Cas, vor den der verurteilte Schmiergeldzahler aus Katar ziehen will, um als Sauermann wieder herauszukommen. Ausgeschlossen, lachen sich alle tot.

Ausgeschlossen?

Alles ist möglich. Gerade erst hat derselbe Sportgerichtshof entschieden, dass der brasilianische Olympiasieger Cesar Cielo trotz eines positiven Befunds ungestraft bei der Schwimm-WM in Shanghai mitmachen darf. Drei angeblich im Vollbesitz ihrer Kräfte befindliche Cas-Richter aus Australien, USA und der Schweiz haben die vom Schwimmweltverband beantragte Sperre abgelehnt und sich der Argumentation Cielos angeschlossen – der schwor mit dem Rücken zur Wand, er habe das verbotene harntreibende Medikament Furosemid, das zur Verschleierung von Dopingmitteln eingesetzt werden kann, unwissentlich mit einer Koffeinkapsel eingenommen.

So hält der Sport sich sauber, und so betrachtet dürften auch die bei der Frauen-WM im Fußball des Dopings überführten neun kleinen Nordkoreanerinnen vor diesen obersten Sportrichtern Gehör finden mit ihrer These, während des Trainings habe der Blitz in sie eingeschlagen, und man habe ihnen dann sicherheitshalber den Drüsenextrakt eines Moschushirsches eingeflößt.

Welche harntreibenden Mittel sich die um die Ehre des Sports bemühten Cas-Rechtsgelehrten gelegentlich in die Suppe rühren? Wir wissen es nicht, und völlig offen ist deshalb auch die heikle Frage, durch welche seiner zwei höchsten Instanzen der Sport besser vertreten ist: Den obersten Gerichtshof – oder doch durch die Ethik-Kommissare der Fifa?

Die einen sagen so, die anderen so – und dann gibt es noch die, die austreten.

Wie Günter Hirsch. Der frühere Präsident des Bundesgerichtshofs hat Blatters Ethik-Kommission fast fluchtartig in etwa mit der Begründung wieder verlassen, es handele sich dabei mehr um eine Aufklärungsverhinderungskommission. Als Moschushirsch steht Hirsch seither auf der Liste der von der Fifa verbotenen Substanzen – dicht hinter Diego Maradona, der kürzlich ungefähr mit dem Vorwurf heiß lief, der Fußball sei unterwandert von einer ehrenwerten Gesellschaft machtbesessener Dinosaurier. Aber Blatter hält das aus. Der lässt sich nicht bremsen, der Fußball muss schließlich sauber bleiben. Deshalb beruhigt er uns mit dem kompromisslosen Durchgreifen seiner Ethik-Eingreiftruppe und der Botschaft: Fürchtet euch nicht, ich bin bei euch. Und wenn er als Fußballgott einmal abwesend ist, wie am Wochenende bei der Copa America, lässt er sich vertreten durch Petrus.