DFB-Pokal

Meister Dortmund und die Furcht vor der Blamage

Der DFB-Pokal ist die große Bühne für die Kleinen. Übermut ist Programm: Siebtligist FC Teningen wünscht sich nach Schalke den FC Bayern als Gegner.

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Dieser DFB-Pokal hat einen erklärten Wunschgegner hervor gebracht. Es ist der Eimsbütteler Turnverband aus Hamburg. Es gehört schon einiges dazu, um von einem Bundesligatrainer dazu auserkoren zu werden. Normalerweise pflegen die Großen im Konzert mit den Kleinen Zurückhaltung.

Der Pokal hat eigene Gesetze, was halt so gesagt wird. Doch Jürgen Klopp sprach aus, was viele seiner Kollegen dachten. Der Dortmunder Trainer sagte: „Ich hätte am liebsten gegen die A-Jugend von Eimsbüttel gespielt.“

Die nämlich wird am Sonntag gegen den Zweitligaklub Greuther Fürth aufs Feld geführt. Wegen eines Streits mit der Vereinsführung traten die Herren zurück. Sie wollten die komplette Prämie von 110.000 Euro einstreichen, die der DFB für die erste Runde ausschüttet.

Das Klubpräsidium hatte andere Pläne, nun müssen es die Bubis richten. Durchschnittsalter: 19,1 Jahre. Es gilt, die höchste Niederlage eines Amateurteams (VfB Knielingen gegen Stuttgarter Kickers 0:17) abzuwenden. Und Dortmund?

Der Meister muss stattdessen beim Drittligaklub SV Sandhausen antreten „Kein Traumlos“, sagt Klopp, „nicht nur unsere Pokalgeschichte hat gezeigt, dass für die Außenseiter eine Chance da ist.“ Vergangene Saison scheiterte sein Team bereits in Runde zwei am Drittligisten Kickers Offenbach.

Es sind Geschichten wie diese, die den Pokal immer wieder Legenden bescheren. Klein schlägt Groß, Sensation hier, Blamage da . Weinheim oder Vestenbergsgreuth, an denen Bayern München mal scheiterte, haben es so landesweit zu Ruhm gebracht und den deutschen Rekordmeister zum Deppen der Nation gemacht.

Als der Weinheimer Thomas Schwechenheimer vor 21 Jahren das entscheidende Tor gegen die Münchener schoss, ließ die „Bild“ genüsslich wissen, dass „ein Kettenraucher“ den Rekordpokalsieger (15 Titel bei 17 Finalteilnahmen) erlegt hatte.

Doch das ist alles nichts gegen den HSV. Kein Profiklub scheiterte im Pokal öfter an Freizeitfußballern. Die Hamburger erwischte es bereits sechs Mal, ihre Bezwinger kamen aus Eppingen oder etwa Geislingen. Das 1:2 des dort unglaublich großspurig auftretenden HSV gilt noch immer als „Mutter aller Pokalsensationen“, wie es damals hieß.

Neun Erstligisten treffen nun an diesem Wochenende auf Klubs, die jenseits der Dritten Liga beheimatet sind. Der HSV muss am Samstag beim VfB Oldenburg antreten. Der Oberligist versprach seinen Spielern bereits, 30.000 Euro als Prämie zu zahlen, wenn sie den Gast zu Fall bringen.

Die Oldenburger haben Zusatztribünen aufgebaut, um vielen Zuschauern eine eventuelle Schmach des haushohen Favoriten live präsentieren zu können. Ursprünglich war wegen der großen Kartennachfrage sogar an einen Umzug nach Bremen oder Bremerhaven gedacht worden.

Für ein größeres Stadion als das eigene haben oder mussten sich fünf Provinzklubs entschieden. Teils wegen der Zusatzeinnahmen, teils aus Sicherheitsgründen.

Wie der Regionalligist Hallescher FC . Um eine geeignete Arena für die Partie heute gegen den Bundesligaabsteiger Eintracht Frankfurt zu finden, musste der Verein eine Odyssee durch elft Städte in ganz Deutschland absolvieren, wurde aber überall abgewiesen. Die eigene Spielstätte wird gerade umgebaut, und die Kommune hatte allzu arge Sicherheitsbedenken, das Spiel in Dessau-Roßlau auszutragen.

Nach all den Irrungen und Wirrungen wird nun wieder in Halle gespielt. Die Zuschauerzahl wurde auf 2800 begrenzt, mehrere Hundertschaften der Polizei sichern die Begegnung ab. „Durch den Heimvorteil ist unsere Chance auf eine Weiterkommen von ein auf zwei Prozent gestiegen“, sagte Halles Präsident Michael Schädlich.

Nicht so glimpflich verlief es dagegen für Anker Wismar. Der Oberligist muss wegen Sicherheitsbedenken den größten Tag seiner Vereinsgeschichte am Sonntag im Duell gegen den Bundesligisten Hannover 96 im 50 Kilometer entfernten Lübeck begehen. „Jammerschade“, sagt Trainer Timo Lange.

Windeck wieder im Glück

Allgemein aber herrscht bei den Unterklassigen Hochstimmung. Zum einen wissen sie, dass es den Favoriten nicht leicht fällt, sie ernst zu nehmen. Wer wie Bundesligaaufsteiger Hertha BSC eben noch gegen Real Madrid gespielt hat, dem könnte der Fokus auf den Viertligisten ZFC Meuselwitz schwer fallen. Zum anderen wird der Auftritt gegen die haushohen Favoriten einfach als das begriffen, was er fürs erste ist: ein wohl einmaliges Erlebnis.

Zwar trifft ein Klub wie Sechstligist Germania Windeck bereits zum dritten Mal in Folge auf einen Bundesligisten. Nach Schalke 04 und dem FC Bayern folgt nun am Sonntag 1899 Hoffenheim. Generell aber gilt, dass die meisten Nobodys den Stars der Liga noch nie auf dem Fußballfeld gegenüber standen.

„Wir treten gegen Profis an, gegen die wir bisher nur auf der Playstation gespielt haben“, sagte Amadeus Wallschläger, Kapitän des Oberligisten BFC Dynamo. Der einstige DDR-Serienmeister und Stasi-Klub aus Berlin trifft heute auf den Bundesligisten 1. FC Kaiserslautern.

20.000 statt 200 Zuschauern

Besonders aufregend aber scheint der Auftritt auf der großen Bühne für den Siebtligisten FC Teningen zu sein. Weil sonst die Gegner etwa FC Steinen-Höllstein heißen, nun aber am Sonntag mal der FC Schalke vorbeischaut, und zudem wohl noch Bundestrainer Joachim Löw zu Gast sein wird, muss das schon vor dem Spiel gebührend gefeiert werden.

Der Verein veranstaltet am Samstag in der Stadt eine Mannschaftsvorstellung mit Tanzgruppeneinlage und Tombola. Alles verliert in Teningen seine üblichen Maßstäbe, zumindest rund ums Spiel. So war Trainer Claus Kraskovic erstaunt, als sich der TV-Sender Sky bei ihm meldete. „Ich dachte, da stimmt schon wieder etwas mit meinem Abo nicht. Aber die wollten ein Interview“, sagte er.

Kraskovic und seine Mannschaft werden im Freiburger Bundesligastadion spielen. Ein Buspendelverkehr ist in Teningen extra eingerichtet worden, erwartet werden über 20.000 Besucher. Normalerweise spielt der Landesligist nur vor rund 200 Zuschauern.

„Für uns ist das wie ein Sechser im Lotto“, sagte Vereinsvorstand Thomas Hodel. Altschulden von etwa 350.000 Euro müssen noch abgetragen werden. Wie das am besten ginge, wissen sie in Teningen: für die zweite Pokalrunde wünschen sie sich den FC Bayern.