RB Leipzig

"Du bist immer das Feindbild. Wie Bayern München"

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Jürn Kruse

Foto: dpa / dpa/DPA

RB-Trainer Peter Pacult spricht vor dem Pokalspiel gegen Wolfsburg über Ambitionen, Neid und Erwartungen des Ost-Vereins, der Teil des Red-Bull-Imperiums ist.

Peter Pacult (51) sagt über sich und Red-Bull-Boss Dietrich Mateschitz: „Wir können zusammen singen.“ Das kann dem 51 Jahre alten Fußballlehrer nur zugute kommen. Pacult ist neuer Trainer des Red-Bull-Fußballprojekts RasenBallsport Leipzig. In der ersten DFB-Pokalrunde am Freitag gegen den VfL Wolfsburg (20.30 Uhr, Sky), steht das Projekt erstmals sportlich im bundesweiten Fokus. Im Alltag, in der Regionalliga Nord, heißen die Gegner Meuselwitz oder Havelse.

Morgenpost Online: Herr Pacult, im Pokalspiel gegen Wolfsburg steht ihr neuer Klub RB Leipzig zum ersten Mal sportlich auf der großen Bühne.

Peter Pacult: Es ist eine schöne Herausforderung, gegen den Meister von 2009 zu spielen. Und es ist sehr wichtig für das Projekt Red Bull Leipzig, endlich bundesweit in den Fokus zu kommen.

Morgenpost Online: Und was erwarten Sie sportlich?

Pacult: Wir sind vierte Liga, und die sind erste Liga. Wir sind der Außenseiter.

Morgenpost Online: Wann wird RB Leipzig zwei Mal pro Saison gegen Vereine wie den VfL Wolfsburg spielen?

Pacult: Es gibt einen internen Zeitplan, ab wann RB Leipzig das Ziel, in der Bundesliga zu spielen, erreicht haben sollte.

Morgenpost Online: Ist der VfL Wolfsburg mit Geldgeber VW ein Vorbild für das Projekt Red Bull in Leipzig?

Pacult: Red Bull hat kein Vorbild. Red Bull geht seinen Weg. Der Unterschied zu anderen Geldgebern ist, dass Red Bull unten anfängt und sich selbst hocharbeitet. Fünfte Liga damals. Die anderen Werksvereine waren schon mindestens in der zweiten Liga, als sich die Sponsoren dachten, jetzt investieren wir mal. Als ich bei 1860 München Trainer war (1996 – 2001 als Co-Trainer, 2001 – 2003 als Chef – d.Red.), hatte VW dem VfL Wolfsburg nicht so viel Geld zur Verfügung gestellt.

Morgenpost Online: Dennoch scheint das Engagement Red Bulls deutlich mehr Kritik hervorzurufen als das von Bayer, VW oder Dietmar Hopp in Hoffenheim. „Wollen wir wirklich auf einer Meisterfeier Red Bull Soundso feiern?“, fragte beispielsweise Dortmunds Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke.

Pacult: Herr Watzke wusste vor ein paar Jahren nicht, wie er die Miete bezahlen soll. Zuvor war der BVB der Krösus. Die haben mit Gehältern um sich gehauen, da konnte nicht einmal Bayern München mithalten. Wir sind halt ein Verein, der nicht von 30 oder 50 Sponsoren lebt. Aber Red Bull ist kein Verein, der permanent mit Geld um sich haut. Wir sind nicht Manchester City, wo Geld verbrannt wird.

Morgenpost Online: Nachdem in der vergangenen Saison der Aufstieg aus der vierten in die dritte Liga verpasst wurde, hat Red Bull das Personal in Leipzig ausgetauscht. Sie gelten jetzt als der neue starke Mann. Sind Sie der Magath von Leipzig?

Pacult: Ich bin nicht in der Funktion eines Felix Magath. Ich würde es mir nicht antun wollen, vor dem Training und nach dem Training über Gehälter zu reden.

Morgenpost Online: Aber nachdem Sie als Trainer verpflichtet waren, holten Sie mit Wolfgang Loos einen Manager ihres Vertrauens und nahmen ihren Pressesprecher von Rapid Wien mit.

Pacult: Ich brauche das Personal, mit dem ich in Ruhe arbeiten kann.

Morgenpost Online: Die Akzeptanz in Leipzig ist schwierig. Kann man das nur durch Erfolg lösen?

Pacult: Wir sind ein neuer Klub. Wir haben noch nicht die große Fan-Basis anderer Vereine. Aber ich merke schon, dass der Leipziger fußballhungrig ist. Leipzig ist einfach fußballgeil. Ich habe mit einem Lokomotive-Fan gesprochen, der sagte, dass er zum Spiel gegen Wolfsburg auch mal zu uns kommen würde. Vielleicht sitzt der auch da oben und drückt die Daumen, dass wir möglichst hoch verlieren. Das ist auch schön. Er kommt wenigstens.

Morgenpost Online: Damit diese Fußballgeilheit bleibt, ist der Aufstieg doch Pflicht, oder?

Pacult: Pflicht ist das falsche Wort. Ich kenne die Philosophie und die Tragweite dessen, was man sich in der Red-Bull-Familie vorstellt. Dementsprechend müssen wir bereit sein.

Morgenpost Online: Ihr Kader ist gespickt mit bundesligaerfahrenen Spielern wie Pekka Lagerblom, Timo Rost oder Thiago Rockenbach.

Pacult: Du brauchst auch eine gewisse Erfahrung. Die Liga ist nicht einfach. Das haben wir doch letzte Saison gesehen. Denn du bist immer der Gejagte. Du bist immer das Feindbild. So wie Bayern München. Du brauchst Spieler, die damit umgehen können. Die sich nicht sagen ‚Oh, ich habe ein schönes Dress mit Red Bull vorne drauf’, sondern die sich im Klaren darüber sind, dass sie in dieser Liga die Gejagten sind und dagegen halten müssen.

Morgenpost Online: Red-Bull-Chef Dietrich Mateschitz hat in einem Interview davon gesprochen, dass die Champions League mit einem deutschen Klub realistischer zu erreichen sei als mit einem österreichischen wie Red Bull Salzburg. Das klingt so als sei Leipzig nun die erste Adresse der Fußballabteilung Red Bulls.

Pacult: Red Bull hat sich vor Jahren entschlossen, hier im Osten etwas zu tun. Da ist ein Riesenpotenzial, den Fußball wieder in den nationalen und internationalen Fokus zu bringen.

Morgenpost Online: Zählt dazu auch das 30 Millionen Euro teure Trainingsgelände, das Sie gerade bauen?

Pacult: Das ist enorm. Wir bauen das Trainingsgelände, um Spieler und Trainer aus der Region zu entwickeln. Wir überlegen, auch die Geschäftsstelle auf dem Gelände zu integrieren. Ich kann nicht verstehen, wie gewisse Leute das Projekt negativ sehen können. Jeder sieht doch, dass etwas passiert. Nicht nur in der Mannschaft, wo wir angeblich teure Spieler holen, sondern auch im Nachwuchsbereich. Das ist kein Blablabla, wie es viele Investoren machen. Es sollen alle mal den Ball flach halten und lieber schauen, was hier wirklich passiert.?