Favoritensterben

Zwergenaufstand bei der Copa America 2011

Auch Brasilien und Chile scheitern bei der Copa America. Der Gastgeber der nächsten WM schiebt die Schuld auf den Rasen.

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Die Nervosität war dem Schützen anzusehen. Weit hinter der Strafraumgrenze hatte Fred sich positioniert. Unruhig wanderte sein Blick durch die Arena. Dann lief er an zum finalen Schuss. Kurze, tippelnde Schritte. Am Elfmeterpunkt stoppte er ab – und jagte den Ball am linken Pfosten vorbei. Es war der paradoxe Schlusspunkt einer Partie, die Brasilien angesichts hochkarätiger Chancen in Hülle und Fülle nie hätte verlieren dürfen.

So jedoch jubelte am Ende Außenseiter Paraguay über ein schmeichelhaftes 2:0 (0:0, 0:0) im Elfmeterschießen . In der Nacht zum Donnerstag trifft die Elf von Trainer Gerardo Martino nun im Halbfinale der Copa América auf Venezuela, das sich überraschend mit 2:1 gegen Chile durchsetzte.

Um das zweite Endspielticket kämpfen Peru und Uruguay . Die 43. Auflage der Südamerikameisterschaft in Argentinien ist endgültig zum Zwergenaufstand geworden. Die Zeiten, als große Fußballnationen ihren Rivalen schon vor dem Anpfiff die Knie schlottern ließen, seien längst vorbei, betonte Brasiliens Coach Mano Menezes: „Heute gewinnt man mit dem Namen kein Spiel mehr.“

Opfer der neuen Aufmüpfigkeit der „Kleinen“ wurde nach Brasilien und Argentinien auch Chile. Gegen den großen Außenseiter Venezuela unterlag die „Roja“ überraschend mit 1:2. Selbst ehemals eher zu den Aschenputteln des südamerikanischen Fußballs zählend, hatte man in den letzten Jahren unter Marcelo Bielsa und dessen Nachfolger Claudio „Bichi“ Borghi einen beachtlichen Qualitätssprung hingelegt.

Selbstbewusst verkündete Superstar Alexis Sanchez: „Wir werden versuchen, den Titel zu gewinnen. Sonst hätten wir gleich zu Hause bleiben können.“ Der kurz vorm Absprung zu Juventus Turin stehende Noch-Leverkusener Arturo Vidal riet seinen Landsleuten sogar, „die Tickets fürs Endspiel zu reservieren“.

Eine Niederlage gegen Venezuela war da beim besten Willen nicht einplanbar. Nie in den 95 Jahren der Copa América hatten die „Vinotintos“ mehr als das Viertelfinale erreicht, und das auch nur 2007 und 2011. Doch durch zwei Tore von Vizcarrondo (34. Minute) und Cichero (80.), jeweils nach Freistößen von Borussia Mönchengladbachs Juan Arango, gelang ihnen nun der historische Coup.

Rot für Rincon

Während Tomás Rincón vom Hamburger SV in den Schlusssekunden wegen rohen Spiels die Rote Karte sah, war Venezuelas heimlicher Held die Torlatte, an der die bisweilen hoch überlegenen Chilenen mehrfach gescheitert waren.

In San Juan bot sich damit letztlich dasselbe Bild wie zuvor in La Plata – der Favorit stürmte und verband im Abschluss Unvermögen mit Pech.

Im Falle der Brasilianer kam als erschwertes Hindernis noch Paraguays überragender Torhüter Justo Villar hinzu. Diesem reichte es im Elfmeterschießen jedoch, den Schuss von Thiago Silva zu parieren. Den Rest besorgten die Brasilianer in bester Slapstick-Manier selbst.

Vor dem Fehlschuss von Fred hatten Elano und André Santos den Ball jeweils weit über die Querlatte in den Nachthimmel von La Plata gejagt. Für den fünffachen Weltmeister ein historischer Negativrekord: Erstmals blieb die Seleção in einem Elfmeterschießen ohne einen eigenen Treffer.

Rasen ist schuld

Das Ende war bezeichnend. Außer mit Glücksgöttin Fortuna haderten die Akteure in den knallgelben Trikots vor allem mit dem schlechten Zustand des Rasens in Argentiniens neuem Fußballtempel „Ciudad de La Plata“. Erst vor wenigen Tagen ausgetauscht glich das Spielfeld in der entscheidenden Phase einem Rübenacker. Besonders ramponiert war das noch nicht richtig angewachsene Grün rund um den Elfmeterpunkt. „Zwei unserer Spieler haben beim Schuss den Halt verloren“, zürnte Menezes.

Ob der vielen Widrigkeiten ging er nicht allzu hart mit seiner im Umbruch befindlichen Elf ins Gericht. Stattdessen betonte er die gute Leistung, zu dessen Krönung „nur ein Tor gefehlt hat“. Die Abschlussschwäche bezeichnete er als „Momentaufnahme“.

WM 2014 hat Priorität

Wichtiger sei, dass man sich auf dem richtigen Weg befinde. Im Laufe der Copa habe er eine positive Entwicklung registriert. „Das bestärkt mich in meinem Vorhaben, ein starkes Team zu bauen“, so Menezes. Stets hatte er darauf hingewiesen, dass die WM 2014 im eigenen Land oberste Priorität genieße.

Zustimmung erhielt er von seinem Kollegen. „Manchmal ist Fußball ungerecht, ein einziges Resultat stellt dann einen ganzen Prozess in Frage. Ich hoffe, dass das nicht der Fall sein wird“, sagte Paraguays Martino. Fast schien ihm das eigene Glück etwas peinlich zu sein: „Wir haben den Sieg einzig einem herausragenden Villar zu verdanken. Und der Tatsache, dass wir zwei Bälle auf der Linie geklärt haben.“

Ein schwacher Trost für Brasilien. Zumindest bleiben Fred und Kollegen noch drei Jahre Zeit, Elfmeter zu üben - und einen kompetenten Rasenmeister zu engagieren.