Lockruf des Geldes

Warum Roberto Carlos nach Machatschkala wechselt

Geld spielt im russischen Fußball keine Rolle. Anschi Machatschkala zahlt dem 37-jährigen Roberto Carlos angeblich 6,6 Millionen Euro im Jahr.

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Er wäre gern geblieben. Immerhin ist Brasilien seine Heimat, in die er vor einem Jahr zurückgekehrt war. Doch Roberto Carlos hält es nicht mehr aus am Zuckerhut. Aus Angst um seine Familie hat sich der Fußball-Star entschieden, Brasilien zu verlassen. Am Freitag, vielleicht aber auch erst einen Tag später, sagt sein Berater, wird Carlos von Sao Paulo aus nach Russland fliegen. Der 37-jährige Außenverteidiger hat nach Angaben seines Agenten Fabiano Farah einen Vertrag für zweieinhalb Jahre beim russischen Erstligisten Anschi Machatschkala unterschrieben.

Carlos, der 2010 von Fenerbahce Istanbul zu SC Corinthians Sao Paulo gewechselt war, hatte zuletzt viele Drohungen erhalten. Die Corinthians-Fans sind verärgert, weil der Traditionsverein schon in der Vorrunde aus dem südamerikanischen Meisterpokal Copa Libertadores ausgeschieden war. In den vergangenen Tagen war es vor dem Vereinssitz in Sao Paulo zu mehreren gewalttätigen Fanprotesten gekommen. Roberto Carlos und andere Profis, wie etwa Ronaldo, sollen laut Medien außerdem von Anhängern mit anonymen Anrufen belästigt und auf den Straßen beschimpft worden sein.

Im Gegensatz zu Carlos, der die Flucht ergreift, weil er noch Lust auf Fußball hat, hatte Ronaldo unter der Woche unter Tränen das Ende seiner Karriere bekanntgegeben. Beide hatten 2002 zusammen mit der Selecao in Japan und Südkorea den WM-Titel gewonnen.

Der Star mit den genialen Freistößen

Während sich Ronaldo also auf das Altenteil setzt, will Carlos noch einmal angreifen. Er, der Linksfuß mit der muskelbepackten Wade, der in die Fußball-Geschichte eingegangen ist, weil er teils atemberaubende Freistöße schießt, mit denen er – scheinbar – alle physikalischen Gesetze ad absurdum stellt. Unvergessen ist sein Freistoß in einem Freundschaftsspiel zwischen Brasilien und Frankreich 1997. Carlos schoss den Ball damals aus 35 Metern mit dem linken Außenspann rechts an der Mauer vorbei. Kurz vor dem Tor aber änderte der Ball plötzlich seine Flugbahn, nicht nur zum Entsetzen des französischen Keepers Fabian Barthez.

Ob ihm derart spektakuläre Tore auch in Russland gelingen werden, wird sich zeigen. Fürstlich entlohnt soll Carlos trotzdem werden. Corinthians hatte am Wochenende mitgeteilt, dass Carlos von dem russischen Verein, der im Besitz des Milliardärs Sulejman Kerimow ist, ein Angebot von 15 Millionen Reais (6,6 Millionen Euro) pro Jahr erhalten habe.

Endstation Russland. Es ist vor allem der Lockruf des Geldes, dem seit Jahren immer mehr Profis erlegen. Denn Geld spielt im russischen Fußball quasi keine Rolle, weil es vielerorts zuhauf vorhanden ist und ausgegeben wird. Seit Jahren reißt der Strom von Fußballern und Trainern aus dem Ausland nicht ab. Denn nach der Jahrtausendwende stiegen Firmen wie Gazprom oder Lukoil bei russischen Vereinen ein. Oligarchen schnappten sich Klubs, aber auch die Kommunen oder Regionen machten Geld locker, um den Fußball anzukurbeln. Inzwischen ist der Aufschwung des Fußballs ein nationales Projekt worden, was nicht zuletzt einen weiteren Antrieb durch die Vergabe der Weltmeisterschaft 2018 bekommen hat. Bis zu dem Turnier sind es zwar noch sieben Jahre, aber in Russland wollen sie nun erst recht alles daran setzen, das Image des Fußballs und der einheimischen Liga noch weiter zu verbessern.

Dass die Verantwortlichen in Russland auf einem guten Weg sind, zeigen nicht zuletzt auch die internationalen Erfolge der Vereine. Die Uefa-Pokal-Siege von ZSKA Moskau 2004 und Zenit St. Petersburg 2008 haben für nachhaltiges Aufsehen im europäischen Fußball gesorgt, wenn auch der Preis ein hoher ist, der für den Erfolg gezahlt wird. Denn nicht wenige ausländische Profis machen keinen Hehl daraus, dass es in erster Linie das Geld ist, was sie anzieht. Denn noch ist das Niveau in der russischen Liga nicht flächendeckend gut.

Kuranyi ging von Schalke 04 nach Moskau

Kevin Kuranyi etwa hat sich im Sommer 2010 überraschend für einen Wechsel von Schalke 04 zu Dynamo Moskau entschieden. Einem eher mittelmäßigen Klub, der die vergangene Saison auf Platz sieben beendet hat. Der ehemalige Nationalstürmer, der neun Tore in 16 Spielen für Dynamo erzielte, hat in Moskau einen Vertrag bis 2013 und soll sechs Millionen Euro netto pro Jahr verdienen. Dass diese Zahlen den Ausschlag für die Entscheidung „pro Moskau“ gegeben haben, räumte Kuranyi ein. „Alles andere zu behaupten“, wurde er damals in der „Westdeutschen Allgemeinen“ zitiert, „wäre heuchlerisch“. Und er habe nicht vor, sagte er noch, „jemanden für dumm zu verkaufen.“

Acht Monate ist Kuranyi inzwischen in Moskau. Er fühlt sich wohl, auch wenn ihn manchmal auch die Sehnsucht packt. Doch die Bedingungen, nicht nur die finanziellen, sind optimal. Vor allem bei seinem Arbeitgeber. Das Trainingszentrum ist auf einem hohen Standard, weshalb in den vergangenen Jahren neben vielen Fußballern auch viele Trainer nicht vor einem Engagement in Russland zurückgeschreckt haben. 2009 arbeitete der ehemalige Hertha- und Dortmund-Trainer Jürgen Röber bei FC Saturn Ramenskoje. Der Däne Michael Laudrup war 2008 bei Spartak Moskau, wo von 2003 bis 2004 zuvor schon der Italiener Nevio Scala (einst Dortmund) gearbeitet hatte. Der Niederländer Dick Advocaat führte Zenit St. Petersburg zum Uefa-Cup-Sieg.

Jüngster Trainer-Coup war der Wechsel von Ruud Gullit. Der ehemalige niederländische Top-Star hat kürzlich bei Terek Grozny angeheuert. Der Klub aus der Republik Tschetschenien ist in der russischen Liga integriert. Die Kritik in Gullits Heimat war nach diesem Wechsel allerdings groß. Experten kritisierten, dass er ausgerechnet zu einem Verein wechselt, dessen Vorsitzender Ramsan Kadyrow angeblich Oppositionelle foltern und ermorden lassen soll.